Kurios

Norderstedter fährt mit einem Taxi nach Paris

| Lesedauer: 10 Minuten
Andreas Burgmayer
Angekommen: Marcus Tegeder ist mit dem Taxi vor dem Eiffelturm vorgefahren

Angekommen: Marcus Tegeder ist mit dem Taxi vor dem Eiffelturm vorgefahren

Foto: Marcus Tegeder

Marcus Tegeder nahm sich den Hit von Felix de Luxe zum Vorbild und legte die 910 Kilometer lange Strecke als Fahrgast zurück.

Er kann diesen Satz nicht leiden: Hätte ich das doch bloß mal gemacht in meinem Leben! Marcus Tegeder macht es einfach. Und wenn es auch noch so bekloppt ist. „Hätte, hätte, hätte – ich möchte nicht irgendwann im Altenheim sitzen und schweigen, weil ich nichts zu sagen habe. Ich möchte da sitzen und erzählen, was ich alles erlebt habe.“

Es war irgendwann vor ein paar Jahren, Tegeder war noch Geselle für Elektrotechnik und im Auftrag seiner Norderstedter Firma in Bochum auf Montage. „Ich habe mit Kollegen einen netten Abend verbracht. Als wir im Taxi zurück zum Hotel saßen, lief dieser Song im Radio.“ Felix de Luxe, „Taxi nach Paris“, Michy Reinckes Hit aus den tiefen 80er-Jahren. Eigentlich geht es im Text mehr um französische Küsse und leichte Mädchen. Das Taxi nach Paris war für Reincke nur ein Synonym für Sehnsucht und Romantik. Tegeder nahm es wörtlich. „Ich sagte zum Taxifahrer: Na, was kost’ das, wenn du uns jetzt nach Paris fährst?“ Der Taxifahrer habe gegrummelt und das alles nicht ernst genommen. Aber Tegeder ließ nicht locker, ehe der Mann den Fahrpreis für die Tour in seiner Zentrale abgefragt hatte. „Er murmelte irgendwas von 1300 oder 1400 Euro. Ich sagte: Dann mach’! Fahr los!“ Der Fahrer fasste sich an den Kopf, lud die Männer am Hotel ab und verschwand in der Bochumer Nacht.

„Bis ich 30 Jahre alt wurde, war ich eigentlich immer Kind“

Etwas „Verrücktes“ machen, das ist im Leben von Marcus Tegeder eine Konstante. „Bis ich 30 Jahre alt geworden bin, war ich eigentlich immer Kind.“ Als er die Realschule gerade so gepackt hatte, wusste er nicht, wohin mit der ganzen Freiheit. Nicht, weil er keine Lust aufs Leben hatte. Sondern weil es so viele Möglichkeiten bot.

„Ich ging erst mal zur Marine.“ Als Matrose saß er kurz vor dem Ende seiner Dienstzeit im Hard Rock Café in New York und feierte einen Abend lang mit zwei Zufallsbekanntschaften aus der Heimat, zwei Hamburger Jungs, Spediteure. Die fanden Tegeder so sympathisch, dass sie ihm rieten, sich doch mal in der Spedition blicken zu lassen, wenn er mit der Marine fertig ist.

„Das war im März. Im September lief ich mit meinem Lebenslauf und einer Flasche Chivas Regal direkt ins Büro der Jungs. Die sind aus allen Wolken gefallen.“ Das Angebot, als Speditionskaufmann oder im Logistikbereich zu arbeiten, lehnte Tegeder ab. „Nicht mein Ding. Ich muss irgendwas mit Technik machen.“

Zufällig installierte eine Nordersteder Firma gerade Sicherheitstechnik in der Spedition. Die Spediteure machten ein paar Anrufe. Und Marcus Tegeder hatte einen Ausbildungsplatz als Elektrotechniker. „Heute bin ich Elek­tromeister und Projektleiter. Obwohl ich in Physik immer eine 5 hatte und mein Lehrer an mir verzweifelte.“

Nie seinen Traum aufgeben, sich nie einreden lassen, dass man es nicht schaffen kann. Immer an sich glauben! Und: einfach machen. Das hat Marcus Tegeder damals verinnerlicht.

Kostenvoranschläge in Höhe von bis zu 2500 Euro

2015 erinnert sich Tegeder an das Taxi. Es kribbelt in ihm. „Ich war 39 geworden. Ich spürte den Drang nach etwas Verrücktem.“ Also: einfach machen. Nach Paris hin, am besten am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, da ist fix was los auf den Champs-Élysées. Er telefoniert Taxibetriebe in der Region ab. „Es muss ein Fahrer sein, der meine Sprache spricht – ich will nicht zehn Stunden im Auto schweigen. Und es muss ein Fahrer sein, der die Idee dahinter versteht.“ Fündig wird er nicht. Die meisten Taxenbetriebe sehen nur die lukrative Verdienstmöglichkeit, stellen ihm Kostenvoranschläge von bis zu 2500 Euro aus. Tegeder ist bekloppt. Aber so bekloppt nun auch wieder nicht.

Im Netz stößt er auf Videos von Taxifahrer Resa Safari, 45, aus Hamburg. Der gebürtige Iraner hätte nie gedacht, dass er mal Taxifahrer wird. Nun ist er es aus Leidenschaft. Hat seine Pläne, Koch zu werden, verworfen und auch sein Elektrotechnikstudium nicht für einen Beruf genutzt. Er gründete ein Taxiunternehmen. „Ich bin mein eigener Herr. Ich spüre Freiheit in diesem Taxi“, sagt Resa Safari in einem Werbevideo, das Mercedes-Benz mit ihm 2011 drehte. Als Marcus Tegeder bei ihm anruft und seine Idee präsentiert, ist Safari sofort dabei. „Ich finde die Idee so geil, das mach ich. Du bist wie ich“, sagt Safari. Er verlangt nur 1300 Euro.

Es ist der 14. Juli, ein verregneter Dienstag. 6.30 Uhr am Morgen. In Paris laufen die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag. In Norderstedt fährt vor der Wohnung von Marcus Tegeder das Mercedes-Taxi mit Resa Safari am Steuer vor, auf die Minute pünktlich. Tegeder hat den Slogan „In einem Taxi nach Paris, einfach so nur zum Spaß“ anfertigen lassen und klebt ihn an die Wagenseite. Der Slogan ist ein Hybrid aus Felix de Luxe und Udo Jürgens. Denn das, was Marcus Tegeder spürt in seinem Drang nach dem Verrückten, das hat Udo Jürgens viel besser besungen. Mit dem Song „Paris, einfach nur so zum Spaß“. Der Geschichte eines Paares, dessen Liebe erkaltet ist, weswegen die Frau folgende Anzeige in der Zeitung schaltet: „Willst du gern einmal nach Paris, einfach so nur zum Spass? Isst du gern mit den Fingern, schläfst du gern mal im Gras? Dieses Leben nach Plan ist mies, willst du endlich mal raus? Dann schreib mir unter Kennwort: Steig mit mir aus!“

„Eine Frau wollte unbedingt mitfahren“

Für seinen Ausstieg steigt Tegeder an der Oststraße in das Taxi und schlägt zuvor die Sohlen seiner Schuhe aneinander, um keinen Dreck in den blitzblank gepflegten Benz zu tragen. „Endlich mal ein Kunde, der meine Sauberkeit zu schätzen weiß“, sagt Safari. Das Navigationsgerät zeigt die Route Norderstedt, Oststraße bis Paris Avenue des Champs-Élysées, 910 Kilometer, Fahrzeit 8 Stunden, 32 Minuten. Marcus Tegeder ruft seine Freunde bei Radio Nora an. Auch so eine verrückte Vergangenheit von ihm. Er hatte sich dort mal aus Jux bei einem Wettbewerb als Moderator beworben und den zweiten Platz gemacht. Seither kennt er die Nora-Leute. „Spielt Taxi nach Paris für mich!“ Das machen die Nora-Leute gern. Und im Nu sind Tegeder und Safari auf ihrem Trip nach Frankreich Radiostars. „Eine Frau rief im Sender an. Sie wollte unbedingt mitfahren“, sagt Tegeder. „Wollte ich aber nicht. Das sind die Menschen, die nie was wagen und sich dann an andere dranhängen. Das ist nicht dasselbe, das ist nicht meine Idee.“

Bremen, Köln, durch Belgien hindurch nach Frankreich hinein. Resa Safari und Marcus Tegeder reden viel, halten selten an Raststätten, werden dort ungläubig bestaunt. „Und so nach zehn Stunden Fahrt taucht plötzlich dieser Eiffelturm am Horizont auf.“ Im stressigen Gewirr der engen Straßen kämpfen sich Resa Safari und Marcus Tegeder zu den Champs-Élysées vor. Obwohl alles abgesperrt ist für die große Parade, fahren sie einmal um den Triumphbogen im Kreisverkehr des Place Charles de Gaulle und stoppen schließlich zur Fotosession vor dem Eiffelturm, ehe sie von Polizisten vertrieben werden.

„Ich wollte unbedingt mit einem Baguette unterm Arm durch Paris laufen“

In einem billigen Hostel, eineinhalb Stunden außerhalb des Zentrums, hat Marcus Tegeder die günstigen Betten für die Nacht gebucht. „Abends zogen wir uns das gefühlt einstündige Feuerwerk vor dem Eiffeltrum rein.“ Danach trinken die beiden erschöpften Männer in der Rue Mouffetard im Le Pub St. Hilaire, der angeblich ältesten Kneipe von Paris, ein paar Bier, danach geht’s ab ins Bett. „Am Morgen mussten wir früh hoch. Ich wollte unbedingt noch ein Baguette kaufen und damit unterm Arm durch Paris laufen. Dann noch ein kurzer Abstecher zur Kathe­drale von Notre Dame und dann ab auf die Straße, zurück nach Norderstedt.“

Übrigens: Auf die Anzeige der Frau in dem Udo-Jürgens-Song meldete sich der Ehemann der Dame, und die Liebe war wieder frisch. Markus Tegeder lebt getrennt von seiner Frau, mit der er zwei Kinder hat. „Sie wusste immer, wie ich bin“, sagt er. „Ich muss so was machen, damit ich fröhlich bin.“ Und damit er andere Menschen fröhlich machen kann. „Ich seh’ mich jetzt nicht als Messias, oder so. Aber ich habe mit der Geschichte vielen eine Freunde gemacht. Und ich habe gezeigt: Jeder kann diese Grenzen überschreiten.“ Einfach mal machen eben.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt