Norderstedt
Belastung

Norderstedt leidet unter Dauer-Fluglärm

2014 starteten in Hamburg 75.560 Flugzeuge, 38.647 davon über Norderstedt (51 Prozent), hinzu kamen 26.566 von 75.557 Landungen (35 Prozent)

2014 starteten in Hamburg 75.560 Flugzeuge, 38.647 davon über Norderstedt (51 Prozent), hinzu kamen 26.566 von 75.557 Landungen (35 Prozent)

Foto: Ingo Roehrbein, Hamburg, Germany / Röhrbein, Ingo

500 Starts und Landungen am Flughafen Fuhlsbüttel proTag: Betroffene klagen über den Lärmpegel. Initiative fordert mehr Schutz.

Norderstedt.  Die Urlauber sitzen voller Vorfreude im Ferien-Flieger nach Südeuropa und donnern über die Startbahn Nordwest des Hamburger Flughafens Fuhlsbüttel über das Ohmoor und Norderstedt hinweg in Richtung Südeuropa. Reimer Rathje, Fraktionschef der Bürgerinitiative Wir in Norderstedt (WIN), sitzt hingegen in seinem Haus in Garstedt, findet zwischen 6 und 0 Uhr so gut wie kaum noch Ruhe, wie er sagt. Zur Ferienzeit erreicht der Fluglärm ein für ihn unerträgliches Maß. Täglich starten und landen bis zu 500 Flugzeuge in Fuhlsbüttel. Für die direkten Anwohner des Flughafens ist es die schlimmste Zeit des Jahres.

Rathje wirkt frustriert. Denn trotz aller Diskussionsrunden mit dem Flughafen Hamburg, der vielen Fensterreden von Politikern aus Kiel und Hamburg, etwas gegen die Fluglärm-Belastung der Bürger im Umland unternehmen zu wollen – getan habe sich gar nichts. „Wir leiden nach wie vor unter der ungerechten Verteilung vor allem der Starts von Flugzeugen in Fuhlsbüttel“, sagt Rathje. Teilweise über 80 Prozent aller startenden Maschinen gingen in Richtung Nordwest.

Kontinuierliche Belastung

2014 starteten 75.560 Flugzeuge, 38.647 davon über Norderstedt (51 Prozent), hinzu kamen 26.566 von 75.557 Landungen (35 Prozent). Und wenn für Norderstedt ungünstige Winde wehen und die Starts dadurch ausschließlich in Richtung Norderstedt abgewickelt werden, dann schnellt die Zahl der Starts über die 80 Prozent, so wie im April 2015, als es 5640 Starts waren (84 Prozent).

„Früher hatten wir wenigstens mal zwei oder drei Wochen Ruhe“, sagt Rathje. „Jetzt ist die Belastung kontinuierlich.“ Wenn er dem seit Jahren praktizierten Ritual folgt, und sich bei der Beschwerdestelle des Flughafens meldet, bekommt er kaum noch Verständnis. „Die sagen, ich wisse doch, wie die Bahnverteilung ist, und soll mich nicht so aufregen.“ Dabei will Rathje nur seinem Unmut Luft machen über Maschinen, die nach 22 Uhr in Richtung Antalya, Reykjavík oder Izmir starten. „Wer will denn morgens um 3 Uhr dort ankommen? Solche Flüge sind doch völlig überflüssig!“

Mehr als 3000 Beschwerden

Rathjes Beschwerde ist nur eine von mehr als 3000, die im zweiten Quartal 2015 bei der Hamburger Fluglärmschutzbeauftragten eingegangen sind. In dem Quartalsbericht der Bürgerinitiative für Fluglärmschutz in Hamburg und Schleswig-Holstein (BAW) ist von einer so noch nie dagewesenen Explosion des Beschwerdeaufkommens die Rede. Die Zahl der Beschwerden habe sich um mehr als das Doppelte erhöht im Vergleich zu 2014. Das hängt laut BAW hauptsächlich mit der gestiegenen Anzahl an Abflügen nach 22 Uhr zusammen. Von April bis Juni seien 1859 Flugbewegungen zur Nachtzeit gemessen worden, 924 waren es von Januar bis März.

Im Vergleich zum Vorjahr 2014 ist die Zahl der Nachtflüge insgesamt zwischen Januar und Juni allerdings von 3210 (2014) auf jetzt 2844 deutlich gesunken. Die BAW kritisiert besonders, dass 160 Flugzeuge im zweiten Quartal durch Verspätungen nach 23 Uhr in der Luft waren und dass diese Verspätungen zu über die Hälfte den Organisationsfehlern des Flughafens geschuldet seien. „Die Politik und die Hamburger Behörden nehmen das Fluglärm-Problem nicht ernst“, schreibt Martin Mosel, Sprecher der BAW, in einer Mitteilung. „Ein 16-Punkte-Plan zur Reduzierung von Fluglärm ist zwar beschlossen, aber bisher in keinem Punkt umgesetzt. Täglich werden die Regeln, die als aktiver Fluglärmschutz einmal geschaffen wurden, ignoriert.“

Kampf auf verlorenem Posten

Reimer Rathje sieht sich im Kampf um eine gerechtere Verteilung der Starts und Landungen in Fuhlsbüttel allein auf verlorenem Posten. „Ich vermisse die Unterstützung durch andere Parteien in Norderstedt beim Thema Fluglärm. Die scheint die Sorgen und Nöte der vom Fluglärm betroffenen Bürger einfach nicht zu interessieren.“ Es sei bislang nicht gelungen, Norderstedt gemeinsam mit einer Stimme gegen den Fluglärm sprechen zu lassen. „Auch die Landesregierung in Kiel rührt für Norderstedt keinen Finger“, sagt Rathje. Zwar hatte der Staatssekretär Frank Nägele aus dem Verkehrsministerium Norderstedt besucht und sich mit der Fluglärm-Situation vor Ort vertraut gemacht. „Aber schon vor Langem habe ich ihn angeschrieben, um zu erfahren, welche Schritte Kiel plant, damit sich an der Situation etwas ändert. Gehört habe ich noch gar nichts“, sagt Rathje.

Unverzagt will Reimer Rathje für das Ziel der gerechteren Bahnverteilung am Flughafen Fuhlsbüttel weiterarbeiten. Für den Sommer kündigt der WIN-Fraktionschef eine Kampagne zum Fluglärmschutz an.