Norderstedt
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Braucht die Stadt eine Baumschutzsatzung?

Hans-Joachim Schulz, Baumsachverständiger, erklärte im Umweltausschuss, was eine Baumschutzsatzung bringen kann

Hans-Joachim Schulz, Baumsachverständiger, erklärte im Umweltausschuss, was eine Baumschutzsatzung bringen kann

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Der „Baumdoktor“ Hans-Joachim Schulz spricht im Umweltausschuss Klartext. Den Bürgern fehle die „Verbundenheit zum Baum“.

Norderstedt.  Nun streitet die Kommunalpolitik seit Jahrzehnten in dieser Stadt um die Frage, ob es eine Baumschutzsatzung braucht oder nicht, und ob nicht ein Baumförderprogramm besser wäre, um das Grün in der Stadt zu hegen und zu pflegen. Da kommt ein 70-jähriger launiger Düsseldorfer am Mittwochabend mit seinem Gehwagen in den Plenarsaal des Rathauses gerollt, zetert über „Scheißhausparolen“, zieht Vergleiche zu „runzligen Arschbacken“, spricht über Kindesmisshandlung und dem unvermeidlichen Anteil an Idioten in der Gesellschaft – und am Ende war es klar wie Kloßbrühe, dass Norderstedt selbstverständlich eine Baumschutzsatzung braucht, dass diese sinnlos ist ohne ein Baumförderprogramm (vice versa) und – vor allem – dass diese Frage für den Schutz des Grüns in der Stadt eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Denn ohne ein grünes Bewusstsein bei den Bürgern der Stadt, ohne die Einsicht, dass Stadtgrün hier und überall sonst dramatisch gefährdet ist und unsere Hilfe braucht, ohne die Einsicht, dass Bäume unheimlich viel für die Stadt leisten und wir es ihnen nur sehr schlecht danken – ohne diese Einsicht kann sich Norderstedt Satzungen und anderen Quatsch getrost sparen.

Und so wurde die vom Umweltausschuss der Stadtvertretung angesetzte Anhörung der Baumschutzexperten zu genau der Veranstaltung, die es in all dem Gezeter über das Für und Wider beim Baumschutz gebraucht hatte. Nur zeitigte sie vielleicht nicht die Ergebnisse, die sich so mancher Stadtvertreter gewünscht hatte.

Baumsachverständiger sorgt für Klarheit

Der Düsseldorfer Dr. Hans-Joachim Schulz sorgte für Klarheit, mit rheinischem Humor. Letzterer dürfte ihm wahrscheinlich auch über die – vordergründig betrachtet – langweiligste Recherche der Welt hinweg verholfen haben. Der Mann hat 286 Baumschutzsatzungen in Deutschland durchgeackert, alle Zahlen und Daten rund um die Wirksamkeit der Satzungen erhoben und daraus seine Doktorarbeit destilliert. Es gibt also keinen Aspekt zum Thema Baumschutzsatzung, kein Argument dafür oder dagegen, das Schulz nicht kennt. „Dass die Leute die Bäume abhacken, kurz bevor eine Satzung eingeführt wird – das ist so eine Scheißhausparole, totaler Quatsch“, sagt Schulz. Nur der prozentual unbedeutende, aber nicht tot zu kriegende Anteil an Idioten in der Gesellschaft würde das tun. Auf der anderen Seite müsse aber nicht jeder 80-Jährige unter den Bäumen zum Naturdenkmal erhoben werden. „Wir Menschen denken so, weil wir mit 80 in die Kiste hüpfen müssen. Der Baum wird 400 Jahre alt, das sitzt der auf einer runzligen Arschbacke ab.“

Vor zehn Jahren hätte Schulz Baumschutzsatzungen noch zum Blödsinn erklärt. Nach seiner Recherche ist dem Baumdoktor klar, dass ein grünes Bewusstsein in der Stadt erst wächst, wenn es eine Satzung gibt. Sie fördere das Nachdenken über das Stadtgrün, die Einstellung der Stadtbevölkerung und der Verwaltung zum Baum. Ohne ernst gemeinte Baumförderung seien die Satzungen nicht das Papier wert, auf dem sie stünden. „In vielen Städten sind das Baumfällungsgenehmigungssatzungen. 80 Prozent aller beantragten Fällungen in Kommunen mit Satzung gehen glatt durch.“

Münster beispielhaft für Baumförderung

Wer Satzungen verabschiede, müsse aufhören, 100-jährige gefällte Buchen mit winzigen Ersatzpflanzungen aufzuwiegen, anstatt den Wert eines Baumes nach seiner Leistung für das Stadtklima zu taxieren und entsprechend abzukassieren. Und Straßenbäume mit viel zu kleinen Baumscheiben seien frevelhaft. Wie sehr, beschrieb Schulz so: „Ich kann sie als Sechsjährigen auch einfach in einen Unterschrank einschließen. Bei 800 Kalorien am Tag können sie so prima leben. Aber sie werden nur 1,30 Meter groß und können sich nie strecken.“

Als Beispiel, wie eine Stadt ohne Baumschutzsatzung auskommt und nur durch Baumförderung das Stadtgrün erhält, dafür sollte Münster im Ausschuss herhalten. Doch als Heiner Bruns, Leiter des dortigen Umweltamtes, den Münsteraner Weg beschrieb, wurde schnell klar: Die Münsteraner haben den grünen Gedanken so sehr verinnerlicht – die brauchen so was wie eine Satzung einfach nicht mehr. „Bei uns fahren auch mittelalte Herrschaften in Abendgarderobe mit dem Rad zur Oper“, sagt Bruns.

Um Münsters etwa 50.000 Stadtbäume und das übrige Grün kümmern sich 25 Mann in einem eigenen Stadtgrün- und Forstamt. „Bei uns sind Experten am Werk, mit Liebe zum Baum.“ Es gibt 329 als Naturdenkmale eingestufte Bäume (Norderstedt hat 6), und die Bebauungspläne gewähren einen gewissen Baumschutz. Viel wichtiger aber ist, dass Münster sein Image komplett auf dem Stadtgrün aufgebaut hat. Es gebe Bürgerbäume, einen Hochzeitswald, die Industrie spende regelmäßig für Bäume, und die Kleinsten hängen ihre Schnuller in „Schnullerbäume“. Parkplätze werden für größere Baumscheiben aufgegeben. Die Münsteraner leben das Umweltbewusstsein quer durch alle Bevölkerungsschichten. Deswegen kommt die Stadt mit seinen 300.000 Einwohnern seit 1978 ohne Baumschutzsatzung aus. Diskussion darüber gibt es laufend. „Wir haben keine Handhabe, wenn ein Investor auf seinem Grundstück einfach alte Platanen plattmacht“, sagt Bruns. „Aber der Nachbar schaut ganz genau hin. Man braucht sehr gute Gründe, um in Münster einen Baum zu fällen.“

„Mangelnde Verbundenheit der Bürger zum Baum“

Die Münsteraner haben also überwunden, was Hans-Joachim Schulz als das Grundübel ausgemacht hat: die mangelnde Verbundenheit der Bürger zum Baum. Mit Blick auf die Baumscheiben in Norderstedt hat Schulz so seine Zweifel, wie es um die Norderstedter steht. „Sie wollen eine Baumschutzsatzung verabschieden? Herzlichen Glückwunsch“, sagte Schulz den Stadtvertretern. Und schon war zu spüren, wie die Befürworter der Satzung im Ausschuss innerlich über die Gegner triumphierten. Dabei musste es jedem im Saal klar geworden sein, dass es beim Baumschutz weniger um das Werkzeug als um den Willen geht. „Das Grün in den Städten wird weniger. Und wir müssen kämpfen für das, was noch da ist“, appelliert Schulz. „Es herrschen völlig falsche Vorstellungen vom Grün. Erklären Sie dem Bürger den Sinn einer Baumschutzsatzung. Wer etwas will, muss überzeugen und nicht nur verordnen.“