Norderstedt
Strukturprobleme

Norderstedt: die verhinderte Sportstadt

Testspiel Eintracht Norderstedt - SC Pinneberg Steven Lindener

Testspiel Eintracht Norderstedt - SC Pinneberg Steven Lindener

Foto: Anne Pamperin

Überfüllte Hallen und Plätze, defektes Flutlicht, maroder Kunstrasen: Vereine wollen weitreichende Investitionen in die Infrastruktur.

Norderstedt.  Die Appelle werden lauter, die Front breiter, der Ton ist manchmal fast schon verzweifelt. Viele Norderstedter Sportvereine versuchen derzeit, sich mit ihren Sorgen und Nöten Gehör zu schaffen bei Verwaltung und Politik. Die Probleme sind längst struktureller Natur, zeitnahe Lösungen aber nicht immer zu erwarten, wie nun die Sitzung des Ausschusses für Schule und Sport verdeutlichte.

„Ich spreche hier für die Gemeinschaft der Sportvereine. Wir waren schon 2011 an der Kapazitätsgrenze, jetzt sind wir darüber hinaus“, sagte Andrea Mordhorst, Vorsitzende des TuRa Harksheide, dem mit mehr als 4000 Mitgliedern größten Verein der Stadt. Wie ihre Kollegen beobachtet sie, dass neue Wohngebiete geplant und gebaut werden, dabei aber zu kurz gedacht wird. Denn: „Norderstedt wächst und wächst, aber unsere Sportstätten wachsen leider nicht mit. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“

Es ist das Missverhältnis zwischen steigendem Bedarf – schließlich ziehen viele sportaffine, junge Familien in die neuen Viertel – und der vorhandenen Infrastruktur, was die Vereine skeptisch in die Zukunft blicken lässt. Zwar wird durchaus investiert, beispielsweise sind neue Kunstrasenplätze für TuRa und den Glashütter SV beschlossene Sache, doch die Liste an Baustellen wird nicht kleiner.

Das beherrschende Thema bleiben die Hallen, oder besser: fehlende Hallen. Die neueste Belegungsübersicht, erstellt von den Vereinen, zeigt, dass Sportstätten und Schulräume täglich ab dem Nachmittag weitgehend ausgelastet sind – Clubs und Schulen stehen sich hier manchmal tatsächlich auf den Füßen. Schon vor einiger Zeit hat Andrea Mordhorst auch deswegen den Vorschlag für ein Projekt im Bereich Fadens Tannen/Am Exerzierplatz vorgestellt. Auf einem Grundstück, das noch landwirtschaftlich genutzt wird, könnte eine Dreifeld-Halle entstehen. Die Kosten würden sich auf geschätzt 3,5 Millionen Euro belaufen. Profitieren würde hiervon keinesfalls nur TuRa, so Mordhorst. „Eine neue Halle bedeutet neue Kapazitäten, es könnte Umschichtungen geben. Wir machen es ja nicht nur für den einen Verein, sondern für die Stadt, das muss in die Köpfe hinein.“ Denn eine kurze Umfrage unter den Besuchern der Sitzung ergab, dass überall potenzielle Mitglieder abgelehnt oder auf einen späteren Beitritt vertröstet werden müssen.

Etwa beim 1. SC Norderstedt. „Gerade im Seniorensport ist die Nachfrage riesig. Wir müssen Leute auf Wartelisten setzen“, sagte der zweite Vorsitzende, Torben Heyl. „Aber wer gerade einen Herzinfarkt überstanden hat, sollte nicht warten müssen.“

Kodokan, im Ju-Jutsu international bei Welt- und Europameisterschaften sehr erfolgreich, pflegt sogar eine Art Nomadenleben. „Seit 2009 sind wir auf mehrere Hallen verteilt, wo wir zum großen Teil die Matten nicht liegen lassen können“, so Pressewart Philipp Roth. Die Schlepperei sei gerade bei Kindern organisatorisch schwierig. Die Vision eines gemeinsamen Kampfsportzentrums mit Harksheide bleibt indes Theorie aus Platzmangel. Mordhorst spricht von fünf Dreifeldhallen plus einer kleinen Turnhalle, die gebraucht werden. „Wir haben uns auch mit Fertigbauweisen befasst. Diese wären schneller und kostengünstiger zu errichten. Die Vereine würden sich auch an den Kosten beteiligen. Ich denke auch, dass wir neue Mitglieder generieren könnten.“ Andere Sorgen haben die Fußballer. Der kleine Freizeit-Fußball-Club Nordlichter Norderstedt (170 Mitglieder) setzt betont auf den Nachwuchs, möchte jedem kleinen Kicker eine Chance geben. „Aber auch wir sind an der Grenze und turnen mit 60 Kindern auf einer Anlage herum. Weitere Mannschaften können wir nicht aufnehmen“, so Thorsten Ukatz, Vorsitzender des FFC.

Die Nordlichter konzentrieren sich mit ihren Aktivitäten auf den Kunstrasen am Langenharmer Weg – und teilen sich diesen mit dem 1. Norderstedter FC, dem Norderstedter SV, Rot-Weiß Norderstedt sowie dem Integrativen Sportverein. Die Nutzungszeiten sind derzeit allerdings stark eingeschränkt, da eine Lärmschutzklage gegen den Eigentümer – die Stadt – vorliegt. Solange dieses Verfahren ungeklärt ist, kann auch die defekte Flutlichtanlage nicht ersetzt werden.

Von hoher Priorität, das bestätigt gleichwohl auch die Verwaltung, ist der alte Kunstrasen „Garstedt 3“ von Eintracht Norderstedt, wo der Belag Wellen bildet und sich Nähte lösen. „Es ist der älteste Kunstrasen in Norderstedt“, sagte Clubchef Reenald Koch, „aber er ist nicht mehr verkehrssicher. Wenn kein Beschluss kommt, muss ich die Anlage sperren. Dabei sind wir täglich von 16.30 bis 21.30 Uhr ausgelastet.“

Zu verbindlichen Zusagen ließ sich ad hoc kein Politiker hinreißen. „Wir haben auch noch andere Probleme in der Stadt. Da muss man Prioritäten setzen und fragen, was wir mit Krediten finanzieren wollen“, sagte Katrin Fedrowitz (SPD). Ähnlich äußerte sich Ingrid Betzner-Lunding (Grüne): „Wir sehen den Druck, aber es gibt viele Stellen, an denen das Geld benötigt wird.“

Drei Ansätze werden nun verfolgt. Einerseits soll der Sportstättenleitplan überarbeitet, dazu ein langfristig ausgerichteter Investitionsleitfaden erstellt werden. Ebenso angedacht ist ein dauerhafter Arbeitskreis zum besseren Meinungsaustausch.