Norderstedt
Medizinversorgung

Eine Krankheit darf niemanden arm machen

Der Segeberger Allgemeinmediziner Dr. Uwe Denker hat die „Praxis ohne Grenzen“ gegründet und nun ein Buch über seine Arbeit veröffentlicht. Für Denker ist die christliche Nächstenliebe Ausgangspunkt seines Berufes

Der Segeberger Allgemeinmediziner Dr. Uwe Denker hat die „Praxis ohne Grenzen“ gegründet und nun ein Buch über seine Arbeit veröffentlicht. Für Denker ist die christliche Nächstenliebe Ausgangspunkt seines Berufes

Foto: Helge Buttkereit

Uwe Denker hat über seine Arbeit in der „Praxis ohne Grenzen“ ein Buch geschrieben. Seine Praxis wurde Vorbild für weitere Praxen.

Bad Segeberg.  Einmal die Woche ist Sprechstunde am Kirchplatz 2 in Bad Segeberg. Jeden Mittwoch zwischen 15 und 17 Uhr öffnet die „Praxis ohne Grenzen “ ihre Türen für die, die anderswo nicht behandelt werden. Flüchtlinge gehören ebenso dazu wie EU-Bürger, die aufgrund ihrer Lebenssituation keine ausreichende Krankenversicherung haben. Vor allem aber kommen Mittelständler in die Praxis. Die „Praxis ohne Grenzen“ ist seit ihrer Gründung vor fünf Jahren eine Anlaufstelle für diejenigen, die sich die Beiträge in die gesetzliche oder aber die private Krankenversicherung nicht mehr leisten können. Dr. Uwe Denker hat die Praxis ins Leben gerufen, die schon mehr als einmal ein Menschenleben retten konnte. Seine Praxis wurde Vorbild für mittlerweile neun Praxen im ganzen Land und nun hat er über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben.

Als Zwischenlösung gedacht

„Das alles sollte aufgeschrieben werden“, meinte Verleger Peter Albers von der Edition Wartenau. Denker ließ sich überzeugen – und so hat er nun auf knapp 150 Seiten seine dezidiert christliche Motivation, seine Erfahrungen und seine Forderungen an die Politik beschrieben. Denn er will mit seiner Praxis nicht nur denen helfen, die in Not geraten sind und die keine medizinischen Leistungen mehr bekommen. Sondern er will auch dafür sorgen, dass die „Praxen ohne Grenzen“ irgendwann wieder überflüssig sind. „Sie dürfen auf keinen Fall selbstverständlich werden“, sagt Denker.

Für den Segeberger Arzt, der 30 Jahre lang seine eigene Praxis in der Kreisstadt führte, ist das Modell der „Praxis ohne Grenzen“ eine Zwischenlösung, bis alle Bürger eine Krankenversicherung haben. Damit wäre auch schon die wichtigste Forderung genannt. Denker und seine Mitstreiter wünschen sich eine Grundversorgung für alle mit einkommensabhängigen Beiträgen und der Möglichkeit einer privaten Zusatzversorgung. Denn damit wären die Fallbeispiele aus der Praxis, die er im Buch beschreibt, größtenteils vermeidbar gewesen.

Bewegende Schicksale

Es sind bewegende Schicksale, die Denker erlebt hat und nun beschreibt. Beispielsweise geht es um einen ehemaligen Berufssoldaten, der sich als Freiberufler die Krankenversicherung von 400 Euro im Monat nicht mehr leisten konnte und dem nach der Diagnose Darmkrebs von der „Praxis ohne Grenzen“ geholfen werden konnte. Einem Sportstudio-Inhaber retteten Denker und seine Mitstreiter das Leben. Ihm war vorher die Behandlung seiner Herzkranzgefäßverengung verweigert worden. Solche Fälle, in denen Notfälle aufgrund fehlender Versicherung unbehandelt bleiben, verärgern Denker immer wieder. Gleichzeitig wird dadurch für ihn eines klar: Krankheit macht arm und Armut krank.

Sozialstaat bröckelt

Für Denker sind all diese Schicksale ein Zeichen dafür, dass der Sozialstaat an einer empfindlichen Stelle bröckelt. „Der Mittelstand ist die Stütze des Systems, das kann so nicht weitergehen“, sagt er. Er und seine vier Kollegen in Bad Segeberg behandeln deshalb nicht nur die Patienten. Sie versuchen auch, sie zurück in die Krankenversicherung zu bekommen und werden immer wieder bei der Politik vorstellig. Der ehemalige Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) war bereits in der Praxis in Bad Segeberg, ebenso Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU). Derzeit ist Denker im Gespräch mit dem Landesgesundheitsministerium, um die Lage der Kinder ohne Krankenversicherung zu entschärfen. So kam beispielsweise zuletzt eine Unternehmerin aus Mecklenburg-Vorpommern mit ihren Kindern in die Sprechstunde, um diese impfen zu lassen. Mitarbeiter und Miete konnte sie noch bezahlen, die eigene Krankenversicherung nicht. Ein anderer Vater habe ihn zudem angerufen, weil er zwar in die private Krankenversicherung aufgenommen wurde, sein zwölfjähriger Sohn nicht.

Probleme gebe es auch immer wieder mit EU-Bürgern. Beispielsweise brachte laut Denker eine bulgarische Familie ihr Kind nicht zur vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchung, nachdem sie ihre Anstellung in einem Schlachthof und damit auch die Krankenversicherung verloren hatte. So wurde das Jugendamt auf die Familie aufmerksam und drohte ihr, aufgrund der fehlenden Untersuchungen das Kind zu entziehen. Uwe Denker, der auch ausgebildeter Kinderarzt ist, nahm sich der Familie an und konnte Abhilfe schaffen.

Ein Erfolg wider Willen

Die „Praxis ohne Grenzen“ ist erfolgreich und kann viele Spender begeistern. Aber letztlich ist es ein Erfolg wider Willen, den Uwe Denker nun ebenso wie seine Forderungen an die Politik aufgeschrieben hat.

Das Buch „Praxis ohne Grenzen – Medizin in einem reichen Land“ ist in der Edition Wartenau erschienen, hat 144 Seiten und kostet 14,80 Euro.