Norderstedt
Prozessauftakt

19-Jähriger wollte sich mit Auto umbringen

Dem jungen Mann wird vorgeworfen, den Tod eines älteren Ehepaars in Kauf genommen zu haben

Dem jungen Mann wird vorgeworfen, den Tod eines älteren Ehepaars in Kauf genommen zu haben

Foto: Peter Steffen / dpa

Mann soll absichtlich auf Gegenfahrbahn gefahren sein. Ehepaar konnte Frontalcrash bei Mönkloh gerade noch verhindern. Prozessauftakt in Kiel.

Kreis Segeberg/Kiel.  „Ich wollte doch niemandem schaden.“ Das beteuerte der wegen versuchten Totschlags angeklagte Pascal L., 19, aus Lentföhrden zum Prozessauftakt vor der zweiten Strafkammer des Kieler Landgerichts unter Vorsitz von Richter Stefan Becker mehrmals.

Nach Meinung der Staatsanwaltschaft wollte sich der Angeklagte Anfang April 2014 in den frühen Abendstunden eines Sonntags auf der Kreisstraße 30 kurz vor Mönkloh mit Absicht umbringen, als er mit hohem Tempo auf die Gegenfahrbahn fuhr, wo ihm der Wagen eines Ehepaares aus Hohenlockstedt entgegenkam.

Bewusst habe der Angeklagte auf den Entgegenkommenden zugehalten und dabei den Tod der Eheleute in Kauf genommen, so heißt es in der Anklage. Es ist der Geistesgegenwart von Ralf N., 55, zu verdanken, dass das Ehepaar unverletzt blieb. Ralf N. riss seinen Wagen im letzten Augenblick auf die linke Spur und verhinderte damit eine Kollision. Pascal L. raste in eine Böschung und kam dort mit dem Ford Mondeo seines Vaters zum Stehen. Während der Motorblock des Ford zerbrach, was einen Totalschaden bedeutet, kam der Angeklagte außer mit einer gebrochenen Nase unverletzt davon.

Zum Ablauf des Unfalls gab der junge sympathisch und offen wirkende Mann im Gerichtssaal an, die Idee zum Selbstmord sei ihm an jenem Apriltag spontan gekommen. Als Gründe gab er Probleme mit seiner damaligen Freundin an, die an Depressionen und einem Hang zur Selbstverletzung litt. Der gelernte Feinmechaniker, dessen Leidenschaft den Autos gilt, war nach eigenen Angaben auch deshalb zutiefst traurig, weil sein Vater den gesteuerten Ford, der einige Macken hatte, verkaufen wollte. Er habe die Strecke nach Mönkloh gewählt, weil man dort lange geradeaus und damit in hohem Tempo fahren könne. In dem Abschnitt vor Mönkloh habe er sich für eine Gruppe von drei Bäumen entschieden, an denen er sterben wollte.

Unangeschnallt habe er den Wagen bis auf ein Tempo von etwa 180 km/h beschleunigt, nachdem er zuvor an seine Freundin per Handy die Nachricht „bye bye baby“ geschrieben hatte. Im Bereich einer Kurve habe er vorgehabt, einfach geradeaus zu fahren – gegen die Baumgruppe.

Mit Gegenverkehr habe er überhaupt nicht gerechnet, als plötzlich der Wagen der Eheleute N. aufgetaucht sei. Der Fahrer des entgegenkommenden Wagens, Ralf N., erzählt davon, wie ungläubig er gewesen sei, als er aus der Kurve kommend plötzlich den Ford auf der eigenen Fahrspur auftauchen sah. „Was macht der denn?“ habe er ausgerufen und dann blitzschnell überlegt, dass selbst ein Bremsmanöver eine Kollision nicht vermeiden würde. Deshalb habe er den Wagen auf die linke Spur gelenkt. Der Zeuge entlastet den Angeklagten mit der spontanen Äußerung: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er uns gesehen hat und bewusst auf uns zuhielt.“ Beide Eheleute erklären, dass sie zwar in dem Moment geschockt gewesen seien, aber keinerlei körperliche oder psychische Schäden davongetragen hätten. Direkt nach dem Beinahezusammenstoß stand, wie beide Zeugen berichten, die Sorge um den in die Böschung gerasten Angeklagten im Vordergrund. Sofort hatte das Ehepaar Polizei und Notarzt alarmiert und war zu dem hinter dem aufgegangenen Airbag im qualmenden Ford bewegungslos sitzenden Angeklagten geeilt. Zunächst hatten sie den jungen Mann für bewusstlos gehalten, aber der offensichtlich unter Schock stehende kalkweiße Pascal L. war nach einigen Minuten sogar in der Lage auszusteigen.

Eine Notärztin erzählt, dass der Angeklagte auf der Fahrt ins Krankenhaus fortgesetzt die Worte: „Scheiße, ich habe den Baum verfehlt“ wiederholt habe, bis eine Kollegin ihn energisch zurechtgewiesen habe, er könne froh sein, dass er noch lebe. Es sei nie die Rede davon gewesen, dass er absichtlich in den Gegenverkehr gerast sei, ergänzt die Zeugin und betont zugleich, der Angeklagte habe mindestens 20- bis 30-mal gefragt, was mit den anderen Wageninsassen sei und ob sicher sei, dass ihnen nichts passiert sei.

Pascal L. kommt aus einem normalen geordneten Elternhaus und durchlief die Schule und die Ausbildung zum Metallbauer problemlos. Allerdings leidet der Angeklagte nach Aussage einer Jugendamtsmitarbeiterin darunter, dass sein Vater seit 20 Jahren Frührentner sei, ständig starke Schmerzmittel nehme und im letzten Jahr ebenfalls einen Suizidversuch unternahm. Für den Angeklagten steht viel auf dem Spiel: Sein Chef, der ihn nach der Ausbildung übernahm, hat wegen des Führerscheinentzugs den Arbeitsvertrag befristet. Die weitere berufliche Zukunft steht auf dem Spiel.

Der Prozess wird am heutigen Mittwoch und am Freitag fortgesetzt.