Norderstedt
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Jihad – der Kampf um die Deutungshoheit im Islam

Der Emir der Ahmadiyya Muslim Jamaat Gemeinde sprach im Coppernicus-Gymnasium

Norderstedt. Wie geht Dialog, wenn der Gesprächspartner einfach nicht kommt?

Die Muslime der Ahmadiyya Muslim Jamaat Gemeinde aus Nahe machten am Mittwochabend eigentlich alles richtig: Sie waren in die Aula des Coppernicus-Gymnasiums gekommen, um sich und ihren Glauben zu erklären. Sie hatten den Emir ihrer Glaubensgemeinschaft in Deutschland, Abdullah Uwe Wagishauser, als Hauptredner einfliegen lassen, dazu war der schleswig-holsteinische Landes-Imam Adeel Ahmad Shad angereist. Sie hatten Schautafeln aufgebaut, die mit den größten Missverständnissen in Bezug auf den Islam aufräumten. Und sie hatten Kuchen gebacken und Kaffee gekocht. Doch wer nicht kam, das war der Norderstedter.

Wohlwollend gerechnet waren vielleicht 20 Zuhörer der Einladung zum Gespräch gefolgt, ansonsten füllten Mitglieder der Gemeinde und deren Angehörige die Stuhlreihen. „Ich bin um jeden von Ihnen sehr dankbar“, sagte Emir Wagishauser. „Aber es zeigt eben auch das Problem: Es ist für viele offenbar nicht so einfach, zu den Muslimen zu gehen. Es ist für sie viel einfacher, die allgemeine Medienmeinung wiederzukäuen.“ Und die konzentriere sich eben auf durchgeknallte Islamisten und ihre Gräueltaten. Nicht auf den wahren, den friedlichen Islam.

Nichts zeigt die verzerrte Wahrnehmung des Islam durch die deutsche Öffentlichkeit eindrücklicher als das Wörtchen Jihad. Eigentlich darf es heute dem allgemeinen Günther-Jauch-Wissen zugerechnet werden, dass die friedfertige Mehrheit der Muslime und die selbsternannten Terroristen im Namen Allahs völlig unterschiedliche Aufträge unter Jihad subsumieren. Letztere legitimieren damit ihren Kampf gegen Alles und Jeden. Der Rest der islamischen Welt sieht im Jihad („sich bemühen“) das, was er laut Koran bedeutet: Die Verkündung der Schrift und der Kampf gegen die Begierden, die egoistischen Leidenschaften und Wünsche – die spirituelle Entwicklung des Gläubigen. „Die einzige Waffe des Gläubigen ist das Gebet und seine tiefe Entschlossenheit, für den Frieden einzustehen“, sagt Imam Adeel Ahmad Shad.

Für Wagishauser macht die „jüngste Weltreligion Islam“ nur dieselben Stadien des Missbrauchs durch, wie sie das Christentum oder die Buddhisten bereits hinter sich haben. „Die islamistischen Fanatiker mit ihrem unschlüssigen Glaubensterror werden sich nicht durchsetzen. Sie sind ein temporäres Problem.“ Friedliebende Muslime wie die Ahmadiyyas müssten die Deutungshoheit über den Islam in der Öffentlichkeit gewinnen und nicht tatenlos zuschauen, wie fehlgeleitete und gegen alle Regeln des Korans verstoßende Terroristen das Bild des Islam im 21. Jahrhundert prägen. „Unsere Gemeinde distanziert sich am laufenden Band vom Terror. Aber in den Medien werden wir nicht gehört“, sagt Wagishauser.

Auf die Frage einer Zuhörerin, warum denn die friedlichen Muslime nicht mehr auf die Straße gehen würden, um gegen den Terrorismus im Zeichen Allahs zu demonstrieren, fand Wagishauser allerdings keine allzu überzeugende Antwort. „Wir laufen nicht mit Fahnen skandierend durch die Straßen, weil viele Deutschen nicht unterscheiden können, ob man für oder gegen Islamisten demonstriert. Die sehen nur die dunkelhäutigen Gestalten und bekommen Angst.“

Der Kampf gegen den Terror und den Missbrauch des Islams könne nicht nur den Muslimen überlassen werden, sondern sei eine Herausforderung für das „ganze globale Dorf“, sagt Wagishauser. Es sei nicht richtig oder fair, eine ganze Religion zu verdammen, nur weil eine kleine Gruppe sie für ihre Zwecke missbraucht. Insofern appellierte Abdullah Uwe Wagishauser an die Zuhörer im Saal: „Machen Sie diese Botschaft zu Ihrem Jihad. Erzählen Sie den Menschen da draußen, was wir Ihnen heute erklärt haben.“