Norderstedt
Operation

Klinikum investiert 5,6 Millionen in neuen OP-Trakt

Zwei Stunden benötift Dr. Timó Beil, um das Implantat einzusetzen

Zwei Stunden benötift Dr. Timó Beil, um das Implantat einzusetzen

Foto: Wolfgang Klietz

Dr. Timo Beil und seinen Kollegen stehen in Bad Bramstedt vier moderne Operationssäle zur Verfügung. Zweiter Bauabschnitt ist geplant.

Bad Bramstedt.  Herbert Möller* schläft. Er atmet tief und ruhig. Ein gleichmäßiges Piepen dringt durch den Raum und signalisiert, dass das Herz des 77-Jährigen auch gleichmäßig schlägt. Sterile blaue Tücher bedecken nahezu seinen ganzen Körper. Nur der Kopf mit den geschlossenen Augen schaut heraus. Und der rechte Fuß. Mit einem roten Desinfektionsmittel eingepinselt liegt er leicht erhöht. LED-Lampen strahlen ihn hell an. Zwischen Spann und Schienbein klafft ein Loch, etwa sechs Zentimeter lang. Dr. Timo Beil lässt sich von Operationsschwester Heike eine Zange reichen. Ein bisschen Knochen muss noch raus aus dem Sprunggelenk. Herbert Möller schläft weiter.

Der Rentner liegt in tiefer Narkose in einem der vier neuen Operationssäle des Klinikums Bad Bramstedt. Das Fachkrankenhaus für Knochen- und Gelenkkrankheiten – vorher mit nur drei Sälen ausgestattet – hat für den ersten Bauabschnitt des neuen OP-Trakts 5,6 Millionen Euro investiert. Vor zwei Jahren haben die Arbeiten begonnen. Ein zweiter Bauabschnitt soll folgen. Dann werden die Aufwachräume und die Intensivstation auf dieselbe Etage wie die OP-Säle gelegt. Gebaut wird bei laufendem Betrieb. Manchmal dringt das Geräusch eines Bohrhammers in den Saal, in dem Herbert Möller liegt.

15 bis 20 Operationen stehen pro Tag in dem 835 Quadratmeter großen Trakt auf dem Programm. Um 7.30 Uhr beginnt der Betrieb. Die OP-Schwestern legen die Instrumente bereit, die Patienten werden durch die Schleusen gefahren und langsam in einen tiefen Schlaf versetzt. Täglich um 8.30 Uhr heißt es dann „Erster Schnitt“: Der Operateur beginnt.

Herbert Möller ist an diesem Tag der zweite Patient im OP. Den ersten Schnitt hat Timo Beil um 10.45 Uhr vorgenommen. Zwei Stunden soll die Operation dauern. Das Sprunggelenk des 77-Jährigen ist durch Verschleiß beschädigt; nur mit Mühe konnte der Rentner noch gehen. Timo Beil wird seinem tief schlafenden Patienten einen Gelenkersatz implantieren. Wenn alles gut läuft, kann Herbert Möller nach der Reha wieder völlig normal gehen. Beil, Leitender Oberarzt im Klinikum, operiert. Sein Kollege Sebastian Seitz assistiert. Dritter Mann am Tisch ist Sebastian Kleiß, Medizinstudent im praktischen Jahr, der demnächst sein Examen absolvieren will.

Nebenan operieren Kollegen von ihnen eine Wirbelsäule, ein Saal weiter setzen Ärzte eine Hüftprothese ein. Hüftoperationen gehören mit etwa 100.000 Fällen in Deutschland zum Standardprogramm der großen Krankenhäuser. Sprunggelenk-OPs wie bei Herbert Möller sind mit 1000 Fällen etwas exotischer.

Für jede Art von OP liegt das komplette Besteck bereit

Beil entfernt zunächst den beschädigten Gelenkknochen. OP-Schwester Heike reicht die Instrumente, die vor ihr ausgebreitet liegen. Auf den ersten Blick könnte das Handwerkszeug des Operateurs auch einem Handwerker gehören: Bohrer, Hammer, Zangen. Draußen im Depot lagern steril weitere, sogenannte Siebe. Für jede Art von OP liegt das komplette Besteck bereit inklusive Sägeblättern, wahlweise für Hüfte oder Oberschenkel. Hier sind nicht nur medizinisches Know-how, sondern auch handwerkliches Talent gefragt.

Beil schätzt an dem Konzept des neuen OP-Trakts die kurzen Wege zwischen Schleusen, OP und Aufwachräumen. Die jeweils 50 Quadratmeter großen OP-Säle sind speziell ausgerüstet für orthopädische Operationen. „Der Raum muss hochsteril sein“, sagt Beil. Dazu dient unter anderem die spezielle Belüftung des Bereichs rund um den Patienten. Auf diese Fläche wird von oben kontinuierlich reine Luft geblasen, die verhindern soll, dass Implantate mit Keimen infiziert werden.

Bei der Planung der millionenschweren Investitionen hat sich das Klinikum außerdem dazu entschlossen, wieder eine eigene Sterilisationsabteilung für OP-Bestecke und andere Materialien zu bauen. Die meisten Kliniken haben diese Arbeit ausgelagert und an externe Dienstleister vergeben. „Wir wollen eine größere Zuverlässigkeit und damit mehr Patientensicherheit schaffen“, sagt Beil. Außerdem stelle ein eigenes „Steri“ den schnelleren Zugriffe auf das Material sicher.

Beils Kollegen aus der Wirbelsäulenchirurgie schätzen besonders das Navigationssystem, das im neuen OP installiert wurde und bundesweit nur in wenigen Spezialkliniken zu finden ist. 250.000 Euro kostet das Navi. Das Gerät erleichtert den Operateuren das Navigieren der Instrumente, wenn sie beispielsweise nach Brüchen oder bei krankhaften Verkrümmungen der Wirbelsäulen Schrauben und andere Implantate einsetzen. Das Gerät macht außerdem mehrfache Röntgenaufnahmen während der einzelnen Operationsstadien überflüssig und reduziert damit die Strahlenbelastung von Ärzten und Schwestern.

Gleichmäßig piepsen im OP die Geräte und signalisieren: Herbert Möller geht es weiterhin gut. Beil und Seitz bereiten das Gelenk auf das Implantat vor und gestalten die Oberfläche des Knochens so, dass der Fremdkörper präzise sitzt. „Nochmals die Stichsäge bitte“, sagt Beil.

Zwischen den Operationen arbeitet das Reinigungsteam im OP-Saal

Ärzte und Schwestern im Raum tragen während der Arbeit schwere Kleidung, die vor schädlichen Röntgenstrahlen schützt, sodass jederzeit Aufnahmen vom Gelenk geschossen werden können. Die Bilder erscheinen Sekunden später im OP auf einem Monitor. Das Implantat, kaum größer als eine Streichholzschachtel, liegt bereit.

Herbert Möller verliert kaum Blut. Eine Manschette, die um den Oberschenkel fixiert wurde, verschließt die Gefäße. Länger als zwei Stunden darf der Zufluss des Blutes jedoch nicht stoppen. Dann drohen Gewebeschäden.

Ein letzter Test: Beil hält eine Metallkappe an den Knochen, der für das Implantat hergerichtet wurde. Passt die Kappe, passt auch das Implantat. Wenige Minuten später setzt Beil den Gelenkersatz ein. Keine Komplikationen, kein Zeitverzug – die Operateure können jetzt zu Nadel und Faden greifen, um die Wunde zu verschließen. Gleichzeitig bereiten Ärzte und Schwestern in der Schleuse den nächste OP-Patienten vor, der langsam in den Schlaf versetzt wird. Wenn Herbert Möller aus dem Saal in den Aufwachraum geschoben wird, dauert es noch etwa eine Stunde bis zum nächsten „ersten Schnitt“. Solange arbeitet das Reinigungsteam im OP, der möglichst kontinuierlich genutzt werden soll. Beil spricht von effizienten Arbeitsabläufen.

9000 Euro hat die Operation von Herbert Möller gekostet. Etwa ein Woche wird er noch auf einer Krankenhausstation des Klinikums versorgt, dann wechselt er in die Reha. Wenn Mobilisierung und Genesung nach Plan verlaufen, ist Möller nach weiteren fünf Wochen wieder fit. Dann kann er gehen, als hätte er nie unter be­schädigten Knochen gelitten.

Wann das Klinikum mit dem zweiten Bauabschnitt des OP-Trakts beginnt und wie hoch die Kosten sein werden, ist noch offen.

(*Name von der Redaktion geändert)