Norderstedt
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Ein Genosse, der gern klare Kante zeigte

120 Gäste verabschiedeten den Norderstedter Sozialdemokraten Jürgen Lange

Norderstedt. Die politischen Schlachten sind geschlagen. Geblieben sind Tausende Stunden ehrenamtlicher Arbeit in der Kommunalpolitik, Respekt und persönliche Wertschätzung. Wenn einer wie der Norderstedter Sozialdemokrat Jürgen Lange geht, spricht man gern von einem Urgestein. Von einem, der Gewicht hat. Von einem, an dem sich mancher die Zähne ausgebissen hat. Einer, der fast immer da war. Jetzt hat sich der 68-Jährige aus der Politik verabschiedet.

Mehr als 120 Menschen kamen am Sonnabend zum Empfang des SPD-Ortsvereins für ihren Genossen in die Feuerwache Harksheide. Mehr lokale Prominenz lässt sich höchstens zum Neujahrsempfang sehen: Stadtpräsidentin Kathrin Oehme, Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote, die Spitzen der Kommunalpolitik und die Vertreter vieler Organisationen verabschiedeten sich von Jürgen Lange, der seit Jahrzehnten die Kommunalpolitik mitbestimmt hat.

Auf den Besuch sozialdemokratischer Politprominenz musste Lange allerdings verzichten. Ministerpräsident Torsten Albig und der Landesvorsitzende Ralf Stegner besuchten den Landesparteitag in Neumünster. „Sie sind entschuldigt“, sagte die Ortsvereinsvorsitzende Katrin Fedrowitz augenzwinkernd. Immerhin: Sie konnte Lange Grüße vom SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz ausrichten.

29 Jahre hat Lange in der Stadtvertretung gearbeitet, davon vier Jahre als Fraktionsvorsitzender. In die SPD trat Lange bereits 1964 ein, er stellte für Willy Brandt Plakate auf und konnte dem Bundeskanzler auf dem Harksheider Markt die Hand schütteln. Wie ernst er seine politische Arbeit stets genommen hat, machte Lange nochmals auf dem Empfang deutlich, als er den Gästen für die vielen Wünsche für den kommunalpolitischen Ruhestand dankte. Jetzt, so hieß es immer wieder, habe Jürgen Lange ja endlich mehr Freizeit. Als Freizeitgestaltung habe er die Politik jedoch nie verstanden, betonte der Sozialdemokrat aus dem Stadtteil Harksheide.

Ob Kreuzung Ochsenzoll, die Verlängerung der Oadby-and-Wigston-Straße oder der Bau des Feuerwehrtechnischen Zentrums – Lange war stets dabei, wenn es was in der Stadtplanung seiner schnell wachsenden Heimatstadt zu entscheiden gab. Dass er dabei gern klare Kante zeigte und die Verwaltung sowie die politischen Gegner attackierte, ließ keiner der Festredner aus. „Sie werden uns fehlen“, sagte beispielsweise Oberbürgermeister Grote, um gleich danach mit Blick auf die scharfzüngigen Äußerungen Langes hinzuzufügen: „Auch ich habe nicht immer die allerliebsten Gedanken gehegt.“ Doch Lange habe stets mit offenem Visier gekämpft und sei stets ein verlässlicher Gesprächspartner gewesen, sagte Grote.

„Er hat polarisiert und zugespitzt“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Franz Thönnes, der für den Abschied von Lange die ersten Stunden des Landesparteitages schwänzte. Lange habe für klare Positionen in der Öffentlichkeit gesorgt und sei kalkulierbar gewesen. Thönnes erinnerte an die ursozialdemokratischen Wurzeln des Norderstedters, dessen Urgroßvater 1870 – sieben Jahre nach Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (dem Vorläufer der SPD) – in die Partei eingetreten war. Vater Karl Lange, ebenfalls Sozialdemokrat, war Jahrzehnte hauptamtlicher Bürgermeister im damals noch eigenständigen Harksheide, das heute einer der vier Norderstedter Stadtteile ist.

Dort wird Jürgen Lange auch das Abschiedsgeschenk verwahren, das Thönnes ihm überreichte: ein historisches Blechschild mit der Aufschrift „In diesem Haus wird SPD gewählt“.