Norderstedt
Moment mal!

Leicht gestörtes Selbstbild

Eine Glosse von Rainer Burmeister

Über das korrekte Ausweichverhalten zwecks Vermeidung von Karambolagen mit Einkaufswagen in Supermärkten sind schon halbe Doktorarbeiten verfasst worden. Dabei steht vor allem die Frage der Gültigkeit einer Rechts-vor-links-Regelung im Mittelpunkt.

Doch neue Trends der Freizeitbeschäftigung schaffen neue Problemstellungen. Unklar ist mir, wie ich einem auf sein Smartphone starrenden Fußgänger begegnen soll, der sich hurtigen Schenkels auf mich zu bewegt. Genügt ein Zuruf wie „Smart-off!“ oder ist, vor allem bei Jüngeren, ein eher pauschales „Ey, Aller, Beule!“ als Warnung angebracht? Mich wundert ohnehin, dass die Blindflug-Simser nicht verunglücken, während sie gesenkten Kopfes auf ihren „Tatsch-Skriens“ herumdaddeln.

Ungeübte Teilnehmer an der im Behördendeutsch als fußläufiger Verkehr bezeichneten Fortbewegungsmethode laufen vor allem an Ausflugszielen Gefahr, zu Störfaktoren zu werden. Die Rede ist vom Selfie, jener von langer Hand gestützten Kreativ-Fototechnik, in der oft ein zum Dickkopf verzerrtes Gesicht (daher facebook!) im Vordergrund der Abbildung steht. Im Stadtpark versuchte kürzlich ein junges Paar, per Doppelkopf-Methode sich selbst und den dahinter liegenden See abzulichten. Während die mich begleitende Betreuerin flugs die Situation erkannte und abrupt stehen blieb, tüffelte ich zielstrebig weiter und kam auf diese Weise wohl als Dickschiff mit aufs Foto.

Meine gemurmelte Entschuldigung wurde widerwillig angenommen. Von meiner Begleiterin wurde ich belehrt, fotografierende Menschen stets hinter der Kamera zu passieren, was ich schon aus Gründen des Datenschutzes und des Rechts am eigenen Bild tun werde.

Solche Gedanken hatte eine Passantin gewiss nicht im Kopf, die mir neulich ihre Kamera reichte und mich bat, ein „Selfie-Bild“ von ihr zu knipsen: „Das ist für meine Enkelin.“ Ich bin der Dame ohne weitere Begriffs-Erläuterungen behilflich gewesen.