Norderstedt

Es lebe der Unruhe-Stand!

Hannelore Wiesel malt, dichtet, macht Puppen, sammelt. Und gibt ihren Altersgenossen den Tipp, nie still zu sitzen

Der Mensch muss unter die Leute“. Oder: „Nichts haut mich um“. Diese Chanson-Titel der großen Hildegard Knef könnten auch über dem Leben von Hannelore Wiesel stehen. Die Norderstedterin hat von der Film-Diva bereits 1954 Porträts gezeichnet. Genauso wie von Willy Birgel, Sophia Loren, Gina Lollobrigida und vielen anderen Stars. Der Strich ist genau, der Ausdruck hat Charakter, die Schraffur ist dicht gezeichnet.

„Ich habe viele Mappen voll mit Porträts“, sagt Hannelore Wiesel. Nicht nur mit Star-Gesichtern. Sondern auch mit denen von Freunden, Familie und Bekannten. „Meine Porträts sind in der ganzen Welt verteilt, denn viele Freunde, die weggezogen sind, beispielsweise nach Neuseeland oder Kanada, haben mich gebeten, sie noch einmal zu zeichnen“, sagt die 77-Jährige.

Doch die Porträt-Malerei ist nur eins ihrer vielen Hobbys. Sie malt Stillleben, beispielsweise von Blumen, Landschaften und Stadtansichten. Sie macht Puppen, töpfert Figuren mit und ohne Flügel, sammelt alte Zuckerzangen, Kaffeelöffel und Gedichtbände. Hannelore Wiesel hat schon Teppichböden verlegt, Möbel neu bezogen, Mode und Wohn-Acccessoires entworfen und geschneidert. Sie hat acht Kinder zur Welt gebracht, ist fünffache Großmutter und hat einen Garten, der genauso akkurat angelegt und gepflegt ist wie ihr Haus.

Doch das Wichtigste: Hannelore Wiesel schreibt Gedichte. Jetzt hat sie unter dem Namen Hanna Wiesel den Band „Alt-Tags-Gedichte über alles“ bei Book on Demands in Norderstedt verlegt. Sie schreibt Gedichte über die Liebe und das Alter, über ferne Länder und Sturmtage an der Nordsee, über „Sinniges und Un-Sinniges“.

„Ich habe schon immer gemalt und geschrieben“, sagt Hannelore Wiesel. Ihr Großvater war noch ein Malermeister, der nicht nur Wände tapezierte und anmalte, sondern auch Bilder malte. „Ich durfte die alten Tapetenbücher bemalen, er hat mich angeleitet und gefördert“, sagt die gelernte Grafikerin. „Ich hatte das große Glück, dass Grafiker in meiner Jugend ein Lehrberuf war“, freut sie sich noch heute.

Beruflich entwarf sie in einer Werbeagentur Textildesign für Kaufhäuser und gestaltete Werbung. 1957 heiratete sie, bekam acht Kinder, der Beruf wurde wieder zum Hobby, zum Ausgleich im Alltag.

Erst dichtete sie Verse zu Geburtstagen und anderen Feiern, dann schrieb sie sich ihre Gedanken von der Seele. „Als mein Ehemann vor 14 Jahren starb, hat mir das Schreiben von Gedichten sehr geholfen“, sagt Wiesel. Das Sterbejahr ihres Mannes war ein schweres Schicksalsjahr für Hannelore Wiesel, denn sie verlor im selben Zeitraum gleich acht geliebte Menschen, darunter einen Sohn und ihre Mutter. Doch das Schreiben half, es war ihre Rückzugs-Insel, von der sie sich erholt wieder dem Alltag und den Menschen stellen konnte: „Das Schreiben hat mir geholfen, ins Leben zurück zu kehren.“

Sie schreibt über Dinge, die ihr „vor die Füße fallen“, sei es über ihre Gedanken, sei es über die Nachrichten, Handy-Telefonate in der U-Bahn oder Urlaubserlebnisse. „Ich habe noch Ideen für mindestens weitere zehn Jahre in der Schublade“, sagt die unternehmungslustige Frau, und ihre Augen blitzen vergnügt. Besonders wichtig sei ihr , mit lieben Menschen in Harmonie zu leben.

„Ich kann Menschen nicht verstehen, die sich in meinem Alter zur Ruhe setzen und nichts mehr tun. Ich muss immer etwas in der Hand haben, unterwegs sein, etwas machen“, sagt Wiesel. Für Wirbel im Haus würde allein ihre Familie sorgen. Und ihr Lebenspartner, der vier Kinder mit in die große Patchwork-Familie bringt.

Ihre Gedichte sind besinnlich und manchmal auch melancholisch. Doch immer wieder blitzt in ihnen die Liebe zum Leben und zur Liebe auf, der Mut, die Dinge anzupacken und Herausforderungen zu meistern. Auch Ironisches gelingt ihr, beispielsweise, wenn sie die Albtraumfrau beschreibt oder die Magd auf Amrum, die sich beschwert, dass auf der Insel nichts los ist.

Hannelore Wiesel spielt gern mit der Sprache. „Als Hellmuth Karasek einmal eine Kolumne über A-Wörter schrieb, habe ich ihm einen Leserbrief mit lauter A-Wörtern geschickt, das hat ihn sehr amüsiert, und er bestellte sich meinen Gedichtband“, sagt Wiesel.

Fast 180 Exemplare hat sie inzwischen von dem Band verkauft. „Einige holen sich immer wieder Exemplare, weil sie sie verschenken wollen“, sagt die Norderstedterin, deren Lebensmotto der Knef-Chanson „Nichts haut mich um“ zu sein scheint.

„Alt-Tags Gedichte über alles“ gibt es direkt bei Hannelore Wiesel unter Telefon 040/526 14 25.Es hat 222 Seiten und kostet 13 Euro.