Norderstedt
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Jeder rennt und hüpft, so gut er kann

Das ist das Motto der Jedermänner – die Sportgruppe hat gerade den 50. Geburtstag gefeiert. Klönen gehört dazu, Gemeinschaft ist den Oldies wichtig

Norderstedt. „Och nö, nicht so viel laufen, ich hab’ heute schon Rasen gemäht.“ Erwin Göhner setzt sich dann doch in Bewegung, In zügigem Fußgängertempo legt der 80-Jährige Meter um Meter zurück. Die Jüngeren laufen, wobei auch sie die 70 deutlich überschritten haben. Renate Riebschläger ist 74 und die Sprinterin unter den Oldies, die sich jeden Montag bei TuRa Harksheide treffen, um fit zu bleiben. Jedermann-Sport heißt die Gruppe, die gerade ihren 50. Geburtstag gefeiert hat.

Ein eingeschworener Haufen, Männer und Frauen, die viel zusammen erlebt haben, und das nicht nur im Sommer draußen auf Rasen und Laufbahn und im Winter in der Halle. Die Jedermänner feiern runde Geburtstage gemeinsam im Vereinslokal. Die Männer starten zu mehrtägigen Radtouren, die Kraft und Ausdauer verlangen, wenn die Radler den Weg von der Isar-Quelle in Österreich oder von Bad Schandau an der Elbe bis nach Norderstedt auf dem Sattel zurücklegen. Nicht immer sind alle 25 mit von der Partie. Eine gute Handvoll bleibt nach dem wöchentlichen Fitnesstraining noch im Vereinsheim, um zu klönen. Über die Enkel und natürlich über die Gesundheit. Mehr als zwei Bier gibt es aber nicht.

Der Älteste hat 42-mal das Deutsche Sportabzeichen abgelegt

Karl Stellwag ist mit 85 der Älteste. Und der Senior war einer der ersten, die im heutigen Norderstedt organisiert Sport getrieben haben. „Am 1. April 1946 bin ich bei Eintracht Garstedt eingetreten und habe die Mitgliedsnummer 14 bekommen“, sagt der Senior, der momentan nur eingeschränkt mobil ist, weil er sich bei einem Sturz vom Rad verletzt hat. 20 Jahre hat er beim Vorläufer von Eintracht Norderstedt Fußball gespielt, sich dann der Leichtathletik verschrieben und inzwischen 42-mal das Deutsche Sportabzeichen abgelegt.

Renate Riebschläger gehört zur weiblichen Minderheit, vier Frauen machen mit. Die ersten 20 Jahre fanden sich nur Männer zur wöchentlichen Fitnessstunde ein. Wie es zum exklusiven Männerzirkel kam, kann niemand erklären. Renate Riebschläger hat sich erst vor vier Jahren zum Mitmachen entschlossen und fast auf Anhieb das Goldene Sportabzeichen geschafft. „Ich habe zwar als junge Frau gerudert, dann aber jahrzehntelang keinen Sport gemacht“, sagt die Norderstedterin, die als Laufspezialistin gilt und sich zum Aufwärmen auch gleich unter die Läufer mischt. Weit zieht sich das Feld auseinander, doch das stört niemanden, übertriebener Ehrgeiz schadet nur. Und beweisen muss man auch nichts mehr.

„Die Jedermänner haben wir damals gegründet, weil viele Leichtathletik machen wollten, aber nicht jeder die Voraussetzungen für den Leistungssport mitgebracht hat“, sagt Bernd Fölschow, 71, der erste Trainer der Breitensportler. Eintracht Garstedt schloss sich noch vor der Norderstedter Stadtgründung mit dem TuS Alstertal zur ersten Leichtathletikgemeinschaft in Deutschland zusammen, als 1970 Norderstedt entstand, stießen die Leichtathleten von TuRa Harksheide zur LG Alstertal-Garstedt, zwei Jahre später komplettierte der SC Langenhorn den Verbund, der sich seitdem LG Alster-Nord nennt. Obwohl Fölschow einer der besten deutschen Mittelstreckler in seiner Altersklasse war und ist, ist er den Jedermännern treu geblieben, „weil hier nicht spezifisch, sondern vielfältig und abwechslungsreich trainiert wird“.

Verantwortlich dafür ist Nicola Fritsche. Die 53 Jahre alte Übungsleiterin ist nach Fölschow und Peter Quitsch die dritte Trainerin der Jedermänner und seit 2009 im Amt. „Wichtig ist, dass wir die Fähigkeiten ausbilden und erhalten, die gerade im Alter wichtig sind“, sagt Nicola Fritsche. Dazu zählen Koordination, Stabilität, Ausdauer und Reaktion. Situationen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, ist beispielsweise im Verkehr wichtig, egal, ob als Autofahrer, Radler oder Fußgänger.

Einer läuft vorweg, die anderen kleben wie Schatten an ihm und imitieren alles

Und gleich hat die Trainerin auch die Übung dazu parat. „Einer läuft vorweg und ändert ständig die Richtung, die anderen beiden müssen wie Schatten folgen“, lautet die Anweisung an die Gruppe, die die „Chefin“ als „sehr willig“ bezeichnet. Disziplin ist kein Problem, schließlich kommen die Senioren ja, weil sie fit bleiben wollen, im Vergleich zu den jungen Fußballern, die in flottem Tempo an den Älteren vorbeiziehen, allerdings deutlich entschleunigt. Es dauert etwas, bis den Ansagen der Trainerin Taten folgen. Zwischendurch muss noch schnell geklärt werden, ob die Operation bei einem Bekannten oder Familienmitglied erfolgreich verlaufen ist.

Auch einige Jedermänner mussten sich schon Ersatz für abgenutzte Gelenke einsetzen lassen. „Das ist hier so ein bisschen wie in einem Ersatzteillager, künstliche Knie oder Hüften gehören ab einem bestimmten Alter dazu“, sagt Joachim Haase. Abrupte Bewegungen seien Gift. „Also Fußball würde ich nicht mehr spielen, springen auch nicht, aber Laufen und Radfahren funktioniert“, sagt der Norderstedter, der gleich darauf wie die anderen reichlich Schweißtropfen produzieren wird.

„Der eine sprintet kräftig los, der andere bremst mit dem Band“, ruft Nicola Fritsche den Jedermännern zu. Wer zusieht, erkennt ein weiteres Trainingsprinzip: „Jeder so, wie er kann“, sagt die Übungsleiterin, die niemanden antreibt. Je nach Trainingszustand und Alter wird geübt. Wilhelm Niemeyer, 69, und Willi Eder, 72, können noch, sie legen sich kräftig ins Zeug und keuchen heftig, nachdem sie den Sprint mit Bremse mehrfach absolviert haben. „Nicola macht das super“, sagen die beiden, als sie wieder sprechen können – eine Meinung, die die anderen teilen.

Nur: Der Nachwuchs fehlt. Wer 50 und älter ist und mitmachen will, kann sich bei Nicola Fritsche unter Telefon 040/5232783 melden und unter www.lgalsternord.de/breitensport/jedermann-gruppen/ informieren.