Norderstedt
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Die Herzsportler sind verzweifelt

Weil eine Ärztin ihre Mitarbeit bei TuRa Harksheide gekündigt hat, dürfen sie ihren lebenswichtigen Sport nicht mehr betreiben

Norderstedt. Bei Hans Tombräge, 68, war die Herzaorta kurz vorm Platzen. Ihm musste eine Aorten-Prothese implantiert werden. Hinzu kamen in den vergangenen Jahren zwei Leistenoperationen. Seitdem fühlt er eine innere Aggressivität. „Ich bin ein anderer Mensch geworden“, sagt der Norderstedter Rentner. „Ab einer bestimmten Uhrzeit bin ich sehr müde.“ Weil er auf ärztliche Anordnung in der Herzsportgruppe von TuRa Harksheide aktiv ist, sieht er die Welt wieder positiver. Lydia Wittkowski, 68, hatte vor anderthalb Jahren einen „sehr, sehr haarigen“ Herzinfarkt. Sie hat festgestellt, dass die Teilnahme am Herzsporttraining sie nicht nur fitter macht, sondern auch die Seele streichelt. Bärbel Reuter erkrankte vor drei Jahren an Krebs und musste eine Chemotherapie über sich ergehen lassen, während einer Reha-Maßnahme erlitt sie vor einem Jahr einen Hinterwandherzinfarkt – danach verspürte sie ein totale Schwäche. Auch sie hat sich der Herzsportgruppe angeschlossen. „Der Sport hat mir geholfen“, sagt sie. „Ich weiß jetzt, was ich kann und darf.“

Das sind Einzelschicksale, die für viele stehen: In den verschiedenen Herzsportgruppen von TuRa Harksheide sind 120 Frauen und Männer aktiv, die am Abgrund des Lebens gestanden haben, hier aber wieder neuen Mut finden, weil sie sie unter der Leitung einer ausgebildeten Trainerin und unter Aufsicht eines Arztes in Bewegung sind.

Sabine Sauer aus Elmshorn, Trainerin für Sport in der Rehabilitation, motiviert die Teilnehmer immer wieder. Sie weiß, wie wichtig der Koronarsport nach einer Herzerkrankung ist: „Es geht um Ausdauer, um Kräftigung, aber auch um das Herauskommen aus der Isolation.“ Sie macht mit den Teilnehmern, die zum Teil schon etliche Jahre dabei sind, Koordinationsübungen, Ballspiele, Bewegungsspiele zur Musik, Geräteübungen. Diese lernen, was sie sich zumuten können und wie weit sie mit ihrer Kraft noch kommen. Einige Teilnehmer sind Mitte 40, andere schon 90 Jahre alt. Sabine Sauer ist seit zehn Jahren für verschiedene Vereine in der Rehabilitation tätig. Alle zwei Jahre wird ihre Lizenz erneuert.

Für einige Mitglieder der Koronarsportabteilung bei TuRa Harksheide sieht die sportliche und damit auch die gesundheitliche Zukunft nicht rosig aus: Eine Ärztin, die bisher vor allem am Mittwochvormittag Gruppen betreut hat, will sich in Zukunft anderen Aufgaben widmen. Sie hat ihre Mitarbeit aufgekündigt. Das ist ihr gutes Recht, aber für die Sportler ist das eine Katastrophe: Ohne ärztliche Betreuung ist kein Herzsport möglich. TuRa-Geschäftsleiterin Maren Eggelmeier bemüht sich intensiv um einen Ersatz, aber sie schafft es nicht. 80 Briefe hat sie verschickt, Kliniken angeschrieben – und keine einzige Antwort bekommen. „Für die Gruppe und den Verein ist das eine Katastrophe“, sagt sie.

Tatsächlich sind die betroffenen Herzsportler verzweifelt. Die Ärzte haben ihnen den Sport verordnet, die Krankenkassen zahlen zwei Jahre lang 90 Einheiten – danach muss der Koronarsport mit 26 Euro pro Monat selbst bezahlt werden –, aber es geht nicht weiter. In anderen Gruppen gibt es weiterhin ärztliche Betreuung: Ein Arzt im Ruhestand und einige junge Ärztinnen, die in Krankenhäusern tätig sind, passen auf, dass die Sportler sich nicht zu viel zumuten. Insgesamt sind jetzt noch fünf Ärzte für die Herzsportgruppen zuständig. Diese Tätigkeit wird vom Verein natürlich bezahlt. Es reicht, wenn die Medizinerinnen und Mediziner einfach anwesend sind, manche trainieren aber auch selbst mit. Abteilungsleiter Heimo Jepsen weiß, dass die Ärzte gelegentlich auch eingreifen müssen, wenn zum Beispiel der Blutdruck rapide absinkt oder Verletzungen auftreten. Jeder neue Koronarsportler muss dem begleitenden Mediziner einen ärztlichen Bericht vorlegen. Das Messen des Blutdrucks und der Pulsfrequenz gehört zu den Aufgaben dieser Mediziner.

Was jetzt? Sabine Sauer, Heimo Jepsen und Maren Eggelmeier wissen nicht, wie es weitergehen soll. Sie befürchten gesundheitliche Rückschläge bei den Aktiven. Maren Eggelmeier denkt sogar weiter: „Es kann auch passieren, dass die Krankenkassen protestieren.“ Sie weiß natürlich, dass es für einen niedergelassen Arzt oder für einen angestellten Krankenhausarzt kaum möglich ist, diese zusätzliche Arbeit zu leisten. Deshalb würde sie gerne Ärzte beschäftigen, die bereits in Rente sind. Aber es ist nicht so leicht, diese ehemaligen Ärzte zu finden: Aus Datenschutzgründen bekommt sie keine Namen und Adressen. Sie will sich deshalb an das „Ärzteblatt“ wenden, setzt aber auch Hoffnungen in die örtlichen Medien. Wer Interesse an einer medizinischen Mitarbeit hat, kann sich unter Telefon 040/525 21 18 an die Geschäftsleiterin von TuRa Harksheide wenden.