Norderstedt

Die Armen wurden kräftig abgezockt

Axel Lohrs umfangreiches Buch über das Gut Borstel gibt einen Einblick in die Strukturen eines Staates im Staat und das Alltagsleben der Bewohner

Paschen Edler von Cossel und Pastor Hans Christian Andresen – das ging gar nicht. Der eine, von Cossel, war Gutsherr in Jersbek und neben dem Borsteler Gutsherrn Patron der Sülfelder Kirche, für die Pastor Andresen arbeitete. Der Pastor erwies sich als geldgierig. Er verlange überhöhte Gebühren für Hochzeit und Kindstaufe. Ja, er knöpfte den Ärmsten der Armen überhöhte Gebühren bei Hausbesuchen für die Reichung des Abendmahls ab. Manchmal strich der Pastor sogar zwölf Schilling ein, ohne das Abendmahl zu gewähren. Das alles geschah vor gut 250 Jahren rund um das Gut Borstel. Niemand würde sich heute vermutlich an diese Vorfälle erinnern, doch Axel Lohr hat in jahrelanger akribischer Arbeit die Geschichte des Gutes Borstel recherchiert und ein umfangreiches Buch geschrieben. „Die Geschichte des Gutes Borstel bis zum Jahr 1938“.

Das klingt sperrig und wenig griffig. Genauso sperrig präsentiert sich das Buch seinen Lesern. Wer sich allerdings darauf einlässt, erfährt Wissenswertes über das Leben in früheren Jahrhunderten: Die adligen Güter in Schleswig-Holstein waren aufgrund ihrer rechtlichen Privilegien und der großen, fast unkontrollierten rechtlichen und ökonomischen Machtbefugnisse der Gutsherrschaft nach innen kleine Staaten im Staat, die nach außen abgeschottet waren. Die Leibeigenen durften nichts ohne Erlaubnis der Gutsherren. Wer so tief in die Geschichte eintaucht, jahrelang in Kirchenbüchern und Archiven recherchiert und schließlich ein umfangreiches Buch präsentiert, der muss schon ein besonderer Mensch sein.

Es lohnt sich, einen genauen Blick auf den Autor zu werfen. Das ist mindestens so interessant, wie das Stöbern in diesem Buch. Der 69 Jahre alte Axel Lohr lebt in Hamburg und hat einen erstaunlichen beruflichen Lebensweg hinter sich. Als Betriebswirt, der bis zum Erreichen des Rentenalters Partner und Wirtschaftsprüfer und Steuerberater in einer großen Hamburger Sozietät war, ist er es gewohnt, mit Zahlen akribisch umzugehen.

Das ist normal, wenn man in diesem Beruf Erfolg haben will. Aber Lohr, der einst Betriebswirtschaft studierte, präsentiert sich auch bei der Vorstellung seines Buches als rastloser Mensch, der die Hände niemals, aber wirklich niemals in den Schoß legen würde. Temperamentvoll erzählt er von seiner Arbeit an dem Buch, kurze Gesprächspausen untermalt er mit einem lauten Schnaufen, das signalisiert, wie unwohl er sich fühlt, wenn er nicht zum Reden kommt. Er bleibt freundlich.

Zweimal gelang es ihm zu promovieren. Und zwar in wissenschaftlichen Disziplinen, die rein gar nichts mit seinem Studium oder seinem Beruf zu tun haben. Die Verbesserung des Tierkörperbeseitigungswesens in Nordrhein-Westfalen war seine erste Dissertation im Jahr 1977, 2007 legte er die Geschichte des Gutes Jersbek als Dissertation nach. Seitdem ist der Wirtschaftsprüfer „Dr. agr.“ und „Dr. phil.“. Das Werk über die Geschichte des Gutes Borstel ist ebenfalls eine streng wissenschaftliche Arbeit, die eigentlich für einen weiteren Doktor-Titel gereicht hätte. „Ich hatte leider keinen Doktorvater“, sagt Axel Lohr. „Zwei Doktor-Titel reichen ja auch.“ Seine Ehefrau nickt dazu, lächelt weise und bleibt freundlich still. Sie kennt ihren Mann genau und weiß, wie sehr er seine momentane Arbeit liebt. Als Rentner hat er täglich von 8 bis 19 Uhr an dem Buch gesessen. Viel zu Gesicht bekommen hat sie ihren Unruhemann während dieser Zeit nicht. An das während der Zeit des Zweiten Weltkrieges zersiedelte Gut Borstel erinnert heute das große Herrenhaus auf dem Gelände des Forschungszentrums Borstel. Hier präsentiert Axel Lohr sein umfangreiches Buch (639 Seiten, 184 Abbildungen, 1563 Fußnoten), hier berichtet er über seine Recherchemethoden: Durchsicht sämtlicher Kirchenbücher der Kirche Sülfeld, 3500 Fotokopien vom Borsteler Gutsarchiv in Schleswig angefordert, 2800 Seiten sorgfältig von der deutschen in die lateinische Schrift transkribiert, Unterlagen aus Archiven in Bad Oldesloe, Schwerin, Weimar, Belgien, England, Frankreich und Österreich gesichtet. Lange im Internet recherchiert, wo ihm mit Ausdauer und Geduld erstaunliche Funde gelangen. Wie zum Beispiel die Geschichte eines Hochstaplers und Bankrotteurs, der das Gut kurze Zeit im Besitz hatte und schließlich in England landete. Nicht ohne Stolz weist der Auto darauf hin, dass für die Beschreibung des Mikrokosmos’ eines adligen Gutes Kenntnisse in Ahnenforschung, Architektur, deutsche Schrift, Geschichte, Jura, Medizin, Soziologie, Sprachen, Theologie und Wirtschaftswissenschaften erforderlich sind. Axel Lohr ist auf allen Gebieten bewandert.

„Die Geschichte des Gutes Borstel“ ist im Eigenverlag erschienen. Es kostet 29,90 Euro und ist beim Autor (Harvestehuder Stieg 6, 20149 Hamburg), bei Ulrich Bärwald in Sülfeld und über den Buchhandel zu beziehen.