Norderstedt
Moment mal!

Bescheidenheit ist eine Zier

Eine Glosse von Manfred Schulz

Manchmal hasse ich den Norden. Unsere Heimatregion ist, abgesehen von paar idyllischen Hügelchen, platt wie ein Bügelbrett. So trifft der Wind in der norddeutschen Tiefebene auf wenig Widerstand. Wer Rennrad fährt, ist dem Gebrause schutzlos ausgeliefert. Nun gehöre ich nicht zu den ehrgeizigen Hobby-Fahrern, die in jeder freien Stunde durch die Gegend rasen. Aber schön schnell soll es bei mir doch auch sein! Aber wie, wenn die Böen prinzipiell nur von vorn kommen?

Aber: Bei wem soll ich mich beschweren? Wie erreichst du Petrus, im ewigen Himmels-Kabinett angeblich zuständig für Wind und Wetter? Gegen höhere Mächte ist man doch machtlos!

Ich weiß, dass im strukturschwachen Norden die Windenergie zu Geld gemacht werden muss. Aber muss ausgerechnet ich der Leidtragende des unentwegten Pustens sein? Gestern kam ich mit einem Hobby-Rennradler ins Gespräch. Er gibt alles für seinen Sport und fährt oft zum Training in die Berge. „Da steigt die Straße vor dir kilometerlang hoch. Dann brennen die Muskeln wie Hölle“, schilderte er. Ich dachte: Im Leben ist doch alles relativ. Gegen diese mühselige Kletterei ist dein blöder Wind doch nur ein müdes Lüftchen. Gelobt sei, was hart macht.

Ich mag keine Menschen, die sich in den Vordergrund drängen. Was treibt diese Wichtigtuer an? Warum nerven sie so? Ist es die Eitelkeit, die schon in der Bibel als einer der sieben biblischen Todsünden gebrandmarkt wird? Plagen die Wichtigtuer eventuell rasende Minderwertigkeitskomplexe? Oft genug verbreiten diese „Lautsprecher“ nur heiße Luft. Lassen Sie sich von ihren blumigen Reden nicht blenden! Wer diese Leute genauer unter die Lupe nimmt, entdeckt selten Substanz.

Bescheidenheit ist eine Zier. Deshalb liebe ich das englische Understatement, das lässige wie souveräne Spielen mit der Untertreibung. Ein legendäres Beispiel aus der Leichtathletik: Einige Jahre galt ein Lauf über die englische Meile (1609 Meter) unter vier Minuten als unerreichbar. Eine Fabelmarke! Dann schaffte der Brite Roger Bannister das angeblich Unmögliche. Die Sensation des Jahres! Und wie kommentierte Bannister seine Rekord-Hatz? „Ein flottes Rennen“, sagte er grinsend, „aber auch ein wenig anstrengend“. So etwas hat Stil! Deshalb sollten die Besserwisser öfters mal die Klappe halten.