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Kaltenkirchen

Der Nazi-Pastor und sein langer Schatten

Kirchengemeinde Kaltenkirchen will die Sakristei umgestalten und an verurteilten Kriegsverbrecher Szymanowski-Biberstein erinnern. Neues Buch beschreibt Umgang der Landeskirche mit der Vergangenheit.

Kaltenkirchen. Der Schatten von Ernst Szymanowski-Biberstein liegt immer noch auf der Kirchengemeinde Kaltenkirchen. Und das gerade weil die Gemeinde noch keinen sichtbaren Platz der Erinnerung für den Pastor gefunden hat, der von 1927 bis 1933 in der Michaeliskirche predigte. In der Sakristei neben dem Eingang hängt eine Galerie mit Porträts ehemaliger Pastoren. Szymanowski – später nannte er sich, weil er einen deutsch klingenden Namen haben wollte, Biberstein – fehlt hier. Immer noch.

Vor gut vier Jahren hatte die Kirchengemeinde ein Buch des Alvesloher Lokalhistorikers Gerhard Hoch finanziert, das das Leben und die Verbrechen des Nazi-Pastors beschreibt, der später als SS-Einsatzgruppenleiter in der Ukraine für den Tod von 2000 bis 3000 Juden verantwortlich war. Nach dem Krieg wurde er im Nürnberger Einsatzgruppenprozess zum Tode verurteilt und später begnadigt.

Bei der Vorstellung des Buches im Jahr 2009 hieß es, nun müsse auch endlich die Sakristei umgestaltet werden. „Ich habe vor Kurzem die Gelegenheit gehabt, mir die Sakristei anzuschauen und keine Veränderung festgestellt“, sagt Hoch. Daraufhin habe er einen Brief an die Kirchengemeinde geschrieben und angeboten, bei der Umgestaltung mitzuhelfen. „Ich stehe immer zur Verfügung“, sagt der 91-Jährige auf Nachfrage des Abendblatts.

Mittlerweile bewegt sich in der Kirchengemeinde etwas. Der neue Pastor Christoph Tretow will sich mit dem Thema beschäftigen. Nach Jahren, in denen interne Konflikte und die knappe personelle Besetzung offenbar wenig Zeit ließen, wird im April ein Arbeitskreis gebildet. Er soll sich mit Pastor Szymanowski-Biberstein, dessen Platz im Gedächtnis der Gemeinde und gerade auch in der Sakristei beschäftigen.

Das Thema steht auch an anderer Stelle auf der Tagesordnung. Vor Kurzem ist bei der Lutherischen Verlagsgesellschaft der erste Band einer Geschichte der Kirche in der Nachkriegszeit erschienen. Autor Stephan Linck beschäftigt sich weniger mit der Nazizeit und der Verstrickung der Evangelischen Kirche von 1933 bis 1945, sondern mit dem späteren Umgang damit. Sein Ergebnis: Er war geprägt von Verschweigen und Verdrängen.

Landesbischof Gerhard Ulrich zeigt sich im Vorwort von den Ergebnissen der Studie erschüttert: „Auch wenn es viele einzelne positive Befunde gibt, so ist das Gesamtbild unserer Kirche von einer Verweigerung zur Auseinandersetzung oder gar zum Dialog mit dem Judentum geprägt: Mittäterschaft wurde geleugnet, Bekenntniswidrigkeit zur Bagatelle erklärt, und gegenüber ehemals Verfolgten verhielt man sich vielfach schäbig.“

Deutlich wird dies gerade im Fall Szymanowski-Biberstein, der ebenfalls in Stephan Lincks Buch beschrieben wird. Ihm wurde von den Verantwortlichen nach 1945 angelastet, dass er sich auf die Seite der sogenannten Deutschkirche schlug, die der Nazi-Ideologie besonders nahestand. Seine Verbrechen spielten aber keine Rolle, so legen es Lincks Recherchen nahe.

Der Neumünsteraner Propst besorgte dem Kriegsverbrecher, der aus der Kirche ausgetreten war, sogar eine befristete Stelle in der Verwaltung. Aus diesem Grund konnte der ehemalige Pastor im Jahr 1958 das Gefängnis wieder verlassen.

Auch in Kaltenkirchen wollte lange niemand etwas von der Verstrickung seines ehemaligen Pastors in den Völkermord wissen – das ist die Erfahrung von Gerhard Hoch, der die Rolle des Pastors immer wieder zur Sprache brachte. Hoch galt als Nestbeschmutzer, seine Ergebnisse wurden lange angezweifelt.

Eine Erfahrung, die Hoch schon einmal gemacht hatte. Als er als Erster in den 70er-Jahren die Öffentlichkeit mit der Geschichte des KZ-Außenlagers Kaltenkirchen konfrontierte, waren Ablehnung und Misstrauen groß. Auch deswegen bezeichnet Hoch heute die Vorstellung des Buches über Szymanowski-Biberstein in der Michaeliskirche im Jahr 2009 als einen der schönsten Momente seiner Arbeit als Lokalhistoriker.

Nun könnte die Arbeit weitere Früchte tragen. Denn dass Syzmanowski-Biberstein nicht in der Galerie hängt, gehe gar nicht, sagt Pastor Tretow. Da nicht von allen ehemaligen Pastoren Bilder vorliegen, könnte die Sakristei komplett neu gestaltet werden. „Vielleicht werden wir nur eine Namensliste mit ergänzenden Karteikarten haben“, sagt Tretow. Genauere Optionen werden noch besprochen. Für Tretow sei das Thema bedrückend, aber er stelle sich ihm gern. „Mein Vater ist im Krieg gewesen, das Interesse ist auch biografisch bedingt.“

Pastor Ernst Szymanowski war bereits 1926, ein Jahr bevor er nach Kaltenkirchen kam, in die NSDAP eingetreten. Die Nazi-Ideologie predigte er laut Zeitzeugen schon vor 1933, auch von der Kanzel. Nach seiner Zeit in Kaltenkirchen war er Propst in Bad Segeberg. Die Erinnerung ist also auch eine Aufgabe für den aktuellen Propst Daniel Havemann.

„Wir wollen uns im Zuge des Reformationsjubiläums 2017 mit der dunklen Seite der Reformation auseinandersetzen. Dabei soll auch die Nazi-Vergangenheit eine Rolle spielen“, sagt Daniel Havemann. Da Ernst Szymanowski-Biberstein eine Weile in Bad Segeberg wirkte, bevor er im Jahr 1935 ins Reichskirchenministerium nach Berlin wechselte und sich später als SS-Einsatzgruppenleiter ganz der Sache der Nazis verschrieb, werde man sich gerade auch mit ihm beschäftigen.