Norderstedt
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Konfis drehen Film über Mobbing

In der Norderstedter Kirchengemeinde Vicelin-Schalom wird ein ungewöhnliches Projekt realisiert

Norderstedt . Timo sitzt alleine auf der Bank am Rande des Schulhofes in Glashütte. Er blickt niedergeschlagen zu Boden. Drei Mitschüler kommen selbstbewusst auf ihn zu. „Ey, hast du die Mathe-Hausaufgaben?“ „Nein.“ Einer der drei schnappt sich den Rucksack, holt ein Heft heraus, blättert. „Was lügst du denn?“ Er gibt Timo einen Klaps auf den Hinterkopf und schüttelt den Inhalt des Rucksacks in der Mülltonne hinter der Bank aus. Dann laufen die drei weg. Die Szene ist im Kasten. „Da mag man gar nicht hinsehen“, sagt Bernd Breuninger, der allerdings genau hinsehen musste. Der Jugendmitarbeiter der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Vicelin-Schalom hat die Szene gefilmt.

Was so echt aussieht und auf vielen Schulhöfen auch tagtäglich passiert, ist an diesem Nachmittag nur eine von mehreren Szenen, die die Konfirmanden aus dem Schalom einspielen. „Das war nicht geschauspielert, das war wie echt“, meint Breuninger. Die drei Jungs, die ihrerseits den Konfirmationsunterricht im Vicelin-Haus besuchen und für den Nachmittag beim Dreh als Nebendarsteller ausgeholfen haben, können danach nach Hause gehen. Das Filmteam hingegen bleibt noch ein wenig, um über das Projekt zu sprechen.

„Der Film handelt davon, wie ein Junge im Konfirmandenunterricht und in der Schule ein Außenseiter ist und gemobbt wird“, erzählt Nadine. „Eines Tages läuft er weg, und wir fangen an, darüber zu diskutieren, warum er weggelaufen ist.“ Die Idee hatte Enno, dessen Vorschlag unter denen aller Teilnehmer ausgewählt wurde. Enno spielt jetzt auch den gemobbten Timo. Das Drehbuch-Team der Konfirmanden arbeitete die Geschichte weiter aus, ohne bis jetzt ein endgültiges Ende zu haben. „Wir wissen noch nicht ganz genau, wie es ausgeht“, sagt Bernd Breuninger, der mit seiner Frau Jenny und Pastor Christian Stehr den Konfirmandenunterricht in besonderer Form leitet.

Dabei kommen die christlichen Inhalte nicht zu kurz. Auf einer langen Liste trug die Gruppe ganz zu Beginn zusammen, was dazu gehört, und baut dies nun nach und nach auch in den Film ein. „Das war eine lange Liste, die komplett von den Konfirmanden zusammengestellt wurde“, sagt Schalom-Pastor Stehr. Er ist stolz auf seine Gruppe und gibt im Film natürlich den Pastor, während Vicelin-Vikar Moritz Menacher als Lehrer aushilft. Generell vermischen sich beim Dreh zuweilen Fiktion und Realität. Als beispielsweise die Konfirmanden einen Gottesdienst im Schalom vorbereitet haben, wurde dies natürlich gefilmt. Und auch bei der Konfirmandenfreizeit mit Übernachtung im Quickborner Rosa-Scholl-Haus war die Kamera dabei und nahm ein paar Szenen auf. Enno setzte sich als gemobbter Schüler beispielsweise beim Essen abseits und wurde von den anderen geschnitten, niemand wollte mit dem von ihm gespielten Timo in einem Zimmer schlafen. Hat ihm das selbst etwas ausgemacht, hat sich für ihn die Realität auch mit der Fiktion gemischt? „Ich habe meine Leute, für mich hat sich durch die Rolle nichts geändert“, sagt er.

„Die Jugendlichen mussten sich vorher bewusst für diese besondere Form des Konfirmandenunterrichts entscheiden“, sagt Jenny Breuninger. Sie hätten gewusst, worauf sie sich einlassen. Auch darauf, dass ein Filmdreh mehr ist, als einmal im Monat ein paar Stunden zusammenzukommen. Schließlich gab es neben den Vorarbeiten für den Film auch „normale“ Unterrichtsstunden. „Den Umgang mit der Bibel oder das Vaterunser haben wir natürlich auch durchgenommen“, sagt Pastor Stehr.

Bernd Breuninger weist auf eine andere Besonderheit der 20 Konfirmandinnen und Konfirmanden hin: „Sie hatten alle Theatererfahrung und wussten, wie es ist, vor anderen zu sprechen.“

Die Mehrarbeit ist für die Jugendlichen kein Problem, sie wissen, warum sie es machen. Hauptdarsteller Enno hätte normalen Unterricht, in dem vor allem der Pastor redet, langweilig gefunden: „Hier ist es anders, da ist ganz viel Kreatives dabei, und wir haben viel Spaß.“ Da pflichten ihm die anderen bei, für die es auch kein Problem ist, wenn sie für den Termin mit dem Abendblatt spontan noch eine Szene spielen müssen, nachdem sie zuvor auf Anweisung die Schule verlassen hatten – bei laufender Kamera versteht sich.

In dieser Szene sitzt wieder Enno alias Timo allein auf der Bank. Diesmal aber kommen Nadine, Lea, und Zoé zu ihm. Sie spielen eine erste Annäherung, im weiteren Verlauf des Films wird Nadine als eine Freundin des Gemobbten die anderen zum Nachdenken bringen. „Was war denn das eben, da musst du doch was tun“, sagt sie noch recht leise und nicht fürs Mikrofon. Die spontane Szene wird später nachsynchronisiert. „Das müssen wir ganz genau machen“, erklärt Bernd Breuninger seinen jungen Schauspielern. Eine so wichtige Szene kann man nicht mal eben so aus dem Ärmel schütteln, zumindest was den Text angeht. Denn die Begegnung und die Hilfe der Mädchen hat Folgen: Im Film werden die Konfirmanden zur Einsicht kommen, für den verschwundenen Timo beten, und am Ende kehrt er in die Gemeinschaft zurück – soweit ist der Schluss schon klar. Wie das dann genau abläuft, wird am 20. Juni, am Tag vor der Konfirmation der Filmcrew, bei der Premiere im Schalom zu sehen sein.