Norderstedt

Unterwegs mit ... Ingeborg Barthelme.

Die Trappenkamperin ist Bibliothekarin im Bücherbus. Er versorgt die Dörfer des Kreises Segeberg mit Lesestoff

Viel Andrang herrscht nicht. Noch nicht. Als der Bücherbus der Fahrbücherei 15 mit Standort in Wahlstedt vor der Oeringer Feuerwehr parkt und die Tür öffnet, wartet nur Yvonne Steeger mit Sohn Tim und den beiden Kleinkindern Lea und Lukas auf neuen Lesestoff. „Immer wenn der Bus kommt, werden die Bücher ausgetauscht“, sagt Steeger. „Es ist total toll, gerade für die Kinder.“ Während sie draußen mit den Kleinen wartet, sucht sich Tim neue Bücher und Videos aus. Als er fertig ist, wirft Steeger noch einen kritischen Blick auf die Auswahl. Der Achtjährige darf nicht alles mitnehmen, denn „er versteht nicht alles“. Ein paar Dinge muss er zurückgeben, dann geht es mit den neuen Büchern nach Hause.

Während Tim sich umgeschaut hat, hat sich der Bus gut gefüllt. Mittlerweile ist fast kein Durchkommen mehr. Einige Leser stehen an der Theke an, um ihre Bücher zurückzugeben, andere suchen sich bereits Neues aus. Insbesondere die Kinder-Abteilung im hinteren Bereich ist gut gefüllt.

Wir haben knapp zwei Drittel Kinder und Jugendliche als Leser, der Rest sind Erwachsene“, sagt Ingeborg Barthelme. Die Trappenkamperin ist die Bibliothekarin im Bus. Sie kennt ihre Leser und weiß, dass auf den Dörfern bei den Jungs besonders Bücher zum Thema Landwirtschaft und Traktoren gefragt sind. Bei Mädchen sind Pferdebücher weiterhin der Hit. Auch hiervon gibt es genügend Auswahl. Zudem warten zahlreiche Drei-Fragezeichen-Bände, „Bibi & Tina“ und viele mehr auf ihre jungen Leser.

Barthelme kennt so gut wie jeden ihrer Leser persönlich. Sie kennt die Bedürfnisse und Lesegewohnheiten in den Segeberger Dörfern und stellt sich bei der Auswahl der etwa 4500 Titel, die jeden Tag mit auf die Fahrt genommen werden, darauf ein. Insgesamt hat sie am Standort in Wahlstedt über 30.000 Titel zur Auswahl, sodass es im Bus regelmäßige Wechsel geben kann. „Unser Bus fährt seit 1993“, erzählt sie. Die Fahrbücherei 15 ist die jüngste der 13 Fahrbüchereien im Land, sie fährt alle drei Wochen die gleichen Standorte an. Montags, dienstags, donnerstags und freitags ist Barthelme mit ihrem Fahrer unterwegs. Mittwochs ist Bürotag. Am Nachmittag macht der Bus an zentralen Punkten in den Dörfern Station, morgens sind die Schulen und Kindergärten dran. „Der Kontakt zu den Kindern ist so toll“, schwärmt Barthelme und erinnert sich an den Spruch von einem Jungen, der kurz vor der Abfahrt am Vormittag „noch mal ganz kurz in die Garfield-Abteilung“ wollte.

Alles muss gut verstaut werden, sonst fliegt es beim Bremsen durcheinander

Comics sind noch nicht das Richtige für Vivienne und Philipp. Die beiden Zweijährigen sind mit ihrer Mutter Andrea Kurzweil zum Bücherbus gekommen. „Man kann die Kinderbücher ja gar nicht alle kaufen“, meint diese. „Da bietet es sich an, Bücher auszuleihen.“ Vivienne erkennt den Sinn des Aufenthalts noch nicht. Ihr ist langweilig. Gemeinsam mit dem Bruder erkundet sie den Bus, öffnet die Tür der Toilette. Dann entdeckt sie an einem Regal ein Poster – und reißt es ab. Lange würden die nie halten, meint Barthelme und holt schnell einen Klebestreifen. Ihren Leserinnen und Lesern, insbesondere den Jüngsten, kann sie nicht böse sein.

Als Kurzweil mit ihren Kindern den Bus verlässt, ist er leer. André Frahm nutzt die Zeit bis zur Abfahrt, um schnell ein paar Zeitschriften einzusortieren. Der Fahrer ist heute als Springer aus der Zentrale der Fahrbüchereien in Rendsburg gekommen und achtet darauf, dass im Bus nichts herumfliegt. Schließlich kann bei Bremsmanövern schnell etwas passieren. Auf dem Weg nach Groß Niendorf, der nächsten Haltestelle, erinnert sich Ingeborg Barthelme an einen solchen Vorfall. Vor einiger Zeit musste der Fahrer einem Reh ausweichen, auch flog einmal eine Ente in den Bus: Vollbremsung. „Die Bücher lagen bis hier vorne verteilt“, sagt sie, die neben dem Fahrer Platz genommen hat. Auch jetzt muss Frahm scharf bremsen, auf der vielbefahrenen B 432 will ein Traktor abbiegen. Für den erfahrenen Kraftfahrer ist das kein Problem. Er hat viel Erfahrung mit Lkw. Und auch den Bücherbus steuert er sicher. Nur ein Buch fällt aus dem Regal.

Sobald Frahm den Bus direkt neben dem Dörpshus von Groß Niendorf abgestellt hat, wechselt er den Arbeitsplatz. Nun ist er für die Rückgaben und Ausleihen zuständig und hat viel zu tun. Auf den etwas verspäteten Bus warten bereits eine ganze Reihe an Leserinnen und Leser. Unter ihnen ist auch Doreen Westphal mit Mutter Marion und Nichte Leslie. Sie haben einen ganzen Karton Bücher dabei. Der Stapel auf dem Tresen vor Frahm wächst und wächst. Als Westphal fertig mit dem Auspacken ist, kommt eine weitere Leserin mit einer Kiste. Frahm lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, schnell scannt er den Barcode der Bücher ein, legt sie in Windeseile in den Kisten oder im Regal ab und kümmert sich um die nächsten Leser. Peter Ehlers muss dabei ins Portemonnaie greifen, denn er holt zwei Fernleihen ab. Sie kosten je einen Euro. Die Nutzer der Fahrbücherei können nicht nur aus dem Bestand der Wahlstedter wählen. Aus dem ganzen Land und darüber hinaus werden Bücher beschafft, wenn sie jemand braucht. Ehlers hält die Institution Bücherbus für eine hervorragende Sache: „Ich bedaure die Gemeinden, die das eingespart haben.“ Pro Einwohner zahlen die weit über 30 Gemeinden, in denen der Bus Halt macht, einen Jahresbeitrag von 2,70 Euro. Die restlichen Kosten teilen sich Kreis und Land.

Die kleinen Leser drängen sich um die Regale mit Comics und Jugendbüchern

Wie in Oering ist auch in Groß Niendorf der Bus übervoll. Die kleinen Leser drängen sich um die Kästen und Regale mit Comics und Jugendbüchern, aber auch Hörbücher und DVDs sind gefragt. Laut Ingeborg Barthelme gehören mittlerweile knapp 30 Prozent der ausgeliehenen Titel zu den neuen Medien. Aber 70 Prozent seien immer noch klassische Bücher. Mit den Ausleihzahlen ist Barthelme zufrieden, die Fahrbücherei 15 hatte 2013 von allen Fahrbüchereien im Land die zweithöchsten Werte. „Wir sind nur 1000 Ausleihen vom Spitzenwert entfernt“, sagt sie. Dazu beigetragen hat auch Wiebke Lopez. Sie holt für ihre Kinder Philipe und Lolita regelmäßig neue Bücher. „Das ist hier total abwechslungsreich“, sagt sie. Philipe will am liebsten Bücher mit Meerestieren haben, er liebt Wale und besonders den Orka. „Ritter, Piraten und Wikinger stehen auch hoch im Kurs“, meint Lopez. Als sie sich anstellt, ist Doreen Westphal noch beim Aussuchen. „Wir leihen uns immer so etwa 30 bis 40 Bücher aus“, berichtet sie. In den drei Wochen bis zum nächsten Termin sind die meisten gelesen. Mutter Marion schätzt am Bücherbus noch etwas anderes. „Das ist ein toller Treffpunkt. Man trifft die, die man sonst nicht sieht“, sagt sie und begrüßt eine Bekannte, die die Stufen nach oben steigt.

Im Sommer kann es im Bücherbus bis zu 40 Grad warm werden

Letzte Station des Tages ist dann Högersdorf, auch hier ist der Bus gut gefüllt. Beate Klose beispielsweise ist extra aus Kükels vorbei gekommen, um sich nach der Arbeit etwas zum Abschalten zu holen. Für Barthelme endet hier ein langer Tag. Es gebe natürlich eine Mittagspause und in der Zeit zwischen den Dörfern ist auch einmal Zeit für Kaffee und Keks. Aber als Bibliothekarin im Bücherbus müsse man topfit sein, sagt sie. Nicht nur, dass die Leser wenig Zeit zum Aussuchen haben und viele Wünsche auf einmal auf sie einstürmen. Barthelme steht die ganze Zeit. Und das Klima im Bus ist auch so eine Sache: Im Sommer kann es bis zu 40 Grad warm werden, im Winter gibt es schnell Zugluft. Dass es Barthelme dennoch Spaß macht, wird jeden Moment klar. Und sie findet auch immer ein persönliches Wort. In Högersdorf beispielsweise fragt sie bei den Bewohnern des Kinderhauses nach dem Feuer nach, bei dem ein Müllcontainer brannte. Für eine der Bewohnerinnen hat sie eine „Bravo“ mitgebracht, die sie aus dem Regal mit Vorbestellungen holt. Mittlerweile liegen dort kaum noch welche, dafür sind die Rückgaberegale überfüllt – der Computer spuckt das Ergebnis des Tages aus: Weit über 600 Titel wurden ausgeliehen. Eine Zahl, die Ingeborg Barthelme glücklich macht.