Norderstedt
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Krise auf der Krim: Was nun Herr Thönnes?

Schüler des Coppernicus-Gymnasiums löchern ihren Bundestagsabgeordneten und Russland-Experten mit Fragen der großen Weltpolitik

Norderstedt. Franz Thönnes ist ein Profi, ein geübter Redner; irritieren lässt er sich normalerweise nicht, schon gar nicht, wenn es um sein derzeitiges Lieblingsthema geht: Die Krise auf der Krim. Dann aber setzt Bergk Kocar in der Aula des Coppernicus-Gymnasiums zu seiner Frage an. Alles legt der Oberstufenschüler rein in diese eine Frage – in seine Chance, den Russland-Experten Thönnes einmal so richtig auf den Zahn zu fühlen. Eilig rattert er die Fakten runter, dann der Höhepunkt: „War die Absetzung des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch nicht verfassungswidrig? Missachtet der Westen mit seiner Unterstützung für die neue Regierung nicht selbst die ukrainische Verfassung?“

Thönnes zögert ganz kurz, in der Aula ist es plötzlich mucksmäuschenstill, zur Rettung erst einmal eine Phrase: „Drei Anwälte, fünf Meinungen, sage ich immer.“ Dann doch das Zugeständnis: „Es mag sein, dass das ukrainische Parlament bei der Absetzung Janukowitschs haarscharf an der Verfassung vorbeigeschrammt ist.“ Punktsieg für Bergk Kocar.

Kocar war nicht der einzige Schüler, der bestens vorbereitet in die Debatte ging. Kurz nur sprach Thönnes in einem Vortrag über die Werte der Europäischen Union, dann stiegen die Schüler des 12. und 13. Jahrgangs des Coppernicus-Gymnasiums in die Diskussion ein. Von Freihandelsabkommen bis zu den nahenden Europawahlen: Zwei Schulstunden lang löcherten die Schüler ihren Bundestagsabgeordneten für den Wahlbezirk Segeberg/Stormarn-Mitte mit Fragen. Diskutiert wurde auch über das Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU sowie den Einfluss von Lobbyisten. Zentrales Thema war aber der russische Einmarsch auf der Krim – Thönnes ist Leiter des SPD-Gesprächskreises „Russland/ GUS“ und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags.

Besonders beim Thema Ukraine und Russland ging es dann auch hoch her: „Wir haben doch in Afghanistan und im Kosovo auch Menschen abgeschlachtet. Jetzt machen sie hier auf friedfertig. Woher kommt dieser Sinneswandel?“ So lautete die wohl direkteste Frage an Thönnes. Der blieb gelassen: „Die Wortwahl finde ich daneben. Aber das ist die Freiheit, die wir haben.“ Punkt für Punkt erklärte Thönnes den Schülern dann seine Position. Auf die wiederholte Nachfrage, warum die russische Politik in Deutschland so schlechtgeredet werde, sagte Thönnes schließlich: „Es gibt in Europa seit den 20er-Jahren ein Russland-Bashing. Das ist nicht in Ordnung.“ Als Deutscher müsse man sich bewusst sein, dass 27 Millionen Russen durch die deutsche Attacke ermordet worden seien. Aber zu einer Freundschaft gehöre es auch, unangenehme Dinge anzusprechen.

Lehrer Wido Sauer war sichtlich zufrieden mit der Diskussion. Er habe seine Schüler ermutigt, kritisch und deutlich nachzufragen. Dafür bedankte sich dann auch SPD-Politiker Franz Thönnes. „Die Schüler haben heute alle Lügen gestraft, die sagen, das Interesse an Politik gehe zurück.“ Er würde sich wünschen, dass eine so kritische Diskussion auch in russischen Gymnasien möglich wäre. Schon ab Sonntag hat Thönnes Gelegenheit, daran zu arbeiten. Dann reist er zum Petersburger Dialog nach Russland.