Norderstedt

Hilfe in der ärmsten Region Indiens

Die Chirurgin der Paracelsus-Klinik, Dr. Astrid Thiemann, operierte zwei Monate lang in einem Hospital in Chittapur

Chittapur liegt mitten in Indien im Bundesstaat Karnataka. Es ist eine der ärmsten und heißesten Gegenden des Landes. Hier hat der Hamburger Zahnarzt Dr. Michael Ohm 2006 das Kinderhilfswerk Chittapur gegründet, das von einem kleinen Nonnenkonvent bewirtschaftet wird. Mehr als 400 Mädchen und Jungen können dort eine Schulausbildung absolvieren. Vor fünf Jahren hat Michael Ohm ein kleines Hospital auf dem Gelände eröffnet, um den Bewohnern Chittapurs regelmäßig eine zahnärztliche und ärztliche Versorgung zu bieten.

Zweimal im Jahr kommen zu diesem Zweck deutsche Ärzteteams in das Kinderhilfswerk Chittapur, um dort jeweils zwei Wochen lang zu operieren. Und zwar jene Bewohner, die sich eine ärztliche Versorgung sonst nicht leisten könnten. In der Zwischenzeit kümmert sich eine indische Ärztin in einer Sprechstunde um die Patienten. Die deutschen Ärzte stellen ihre Arbeitskraft dort kostenlos zur Verfügung und opfern einen Teil ihres Urlaubs. Der Flug wird von der Stiftung erstattet.

Und nun war es wieder so weit. Ein deutsches Ärzte- und Schwesternteam nahm den beschwerlichen Weg nach Chittapur auf sich, um dort unbezahlt zu arbeiten. Zum ersten Mal mit dabei war Dr. Astrid Thiemann, leitende Oberärztin der Chirurgie in der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg. Ehemalige Kollegen, die zuvor schon in dem Hospital gearbeitet hatten, hatten die Medizinerin gefragt, ob sie Interesse hätte, mitzufliegen. Das Team brauchte Chirurgen. „Ich habe mich dafür schon länger interessiert, und jetzt passte es sehr gut“, sagt Dr. Thiemann, die in ihrer Ausbildung das ganze Spektrum der Allgemeinchirurgie erlernte.

Die OPs waren gut, aber entsprechen nicht dem modernen Standard

Auf ging es also ins tiefste Indien. Dort war es im November und Dezember noch 25 bis 30 Grad warm. Gewohnt hat das Team gegenüber der kleinen Klinik in einfachen, aber gepflegten Verhältnissen. „Am ersten Tag haben wir zunächst das Hospital und die OPs inspiziert“, sagt die Chiriurgin. Instrumente und Klemmen wurden sortiert. „Die OPs waren gut, aber nicht nach unseren modernen Standards ausgestattet“, erzählt die 49-Jährige. Die OP-Kittel waren noch aus Baumwolle, die OP-Lampen brannten nicht hell genug, die Klimaanlage leckte, die Sterilisationsgeräte waren zu klein, und Röntgenapparate gab es erst gar nicht.

Trotzdem konnten die Mediziner in diesen zwei Wochen vielen Patienten helfen und einigen auch mit ihren Operationen sicherlich das Leben retten. „Wir haben jeden Tag operiert, Kinder und Erwachsene“, betont Astrid Thiemann, die hauptsächlich für die Bauch-OPs eingeteilt war. Aber sie entfernte auch Abszesse und gutartige Tumore, operierte steife Arme aufgrund von starker Vernarbung. „Es gab auffällig viele Brandverletzungen, wahrscheinlich weil die Menschen am offenen Feuer kochen“, berichtet die Henstedt-Ulzburgerin. Aber auch Leistenbrüche standen auf der Tagesordnung.

„Die Inder sind unglaublich freundlich. Und die Kinder sind so süß“, schwärmt sie von ihren Patienten. Auf der kleinen Krankenstation machte sie jeden Tag Visite. „Aber insgesamt war es ein lockeres Arbeiten. Nicht so streng geregelt wie in Deutschland“, erzählt sie: „Wir waren auch ein tolles Team, und es hat großen Spaß gemacht, dort zu arbeiten.“ Allerdings mussten die Ärzte bei einigen Patienten auch kapitulieren. Zum Beispiel bei Menschen mit extremen Brandverletzungen. „Das wäre schon aus hygienischen Gründen nicht gegangen bei uns“, so Dr. Thiemann. Auch für einen Mann mit weit fortgeschrittenem Hautkrebs am Fuß konnte das Ärzteteam nichts mehr tun.

Beim nächsten Mal würde Astrid Thiemann eine Stirnlampe mitnehmen

„Ich würde das auf jeden Fall wieder machen“, resümiert die Chirurgin. „Die Zeit in Indien hat mich geerdet. Es war eine gute Erfahrung. Ich habe gemerkt, wie froh ich sein kann, gerade als Frau, in Mitteleuropa geboren zu sein.“ Aber beim nächsten Mal würde sich die Ärztin eine Stirnlampe mitnehmen, um bei den OPs besser sehen zu können.

Auch nachhaltig will Dr. Astrid Thiemann helfen: Sie hat ein Patenkind des Kinderhilfswerks angenommen und spendet monatlich einen Betrag, damit das Kind zur Schule gehen und ärztlich versorgt werden kann.

Wer sich ebenfalls engagieren möchte, findet weitere Informationen unter der Adresse http://www.kinderhilfe-chittapur.de.