Norderstedt
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Vom Laufsteg ins Kinderdorf

Der schillernde Model-Trainer Jorge Gonzalez ist für die SOS-Kinder in Harksheide mittlerweile ein guter Bekannter

Norderstedt. Prominente lassen sich gerne mal im SOS-Kinderdorf sehen. Charity mit Kindern tut jeder Vita gut. Und für das Kinderdorf sind solche Besuche willkommene Publicity, nicht selten spülen sie auch wichtige Spenden in die Dorf-Kasse.

Manchmal wird aus solchen medienwirksamen Besuchen aber auch ein bisschen mehr als eine Stippvisite in Harksheide. Bei Jorge Gonzalez, 46, ist das zum Beispiel so. Der gebürtige Kubaner, der sich als Stylist und Model-Trainer in Heide Klums „Germany’s next Topmodel“-Show zum heimlichen Hauptdarsteller entwickelte und der durch seine extravaganten Auftritte zum „fleischgewordenen Stöckelschuh“ (FAZ) ernannt wurde, ist im Kinderdorf am Henstedter Weg schon so was wie ein alter Bekannter.

„Das war letztes Jahr im August, als mein Telefon klingelte und Jorge mich fragte, ob er mal unser Kinderdorf besuchen könne“, sagt Manfred Thurau, Sprecher vom SOS-Kinderdorf. „Das war ein ganz normaler Besuch, aber es ging auch um die Frage, wie er uns helfen könnte, um die Lebenssituation der Kinder hier weiter zu verbessern.“ Gonzalez kam, sah und liebte das Dorf und die Kinder. Eine Beziehung auf Gegenseitigkeit.

Als der TV-Star kürzlich im Dorf wieder mal vorbeischaute, war das kein großes Ding, sondern einfach ein Wiedersehen mit einem Freund. „Hallo Jorge, wie geht’s?“, grüßten ihn die Kinder. „Das Wohlbefinden der Kinder liegt mir sehr am Herzen, und ich empfinde eine persönliche Verpflichtung, mich sozial zu engagieren, möchte dies aber gerne in meiner direkten Umgebung tun, damit ich auch sehen kann, was aus meiner Hilfe wird“, so Gonzalez.

Mit seinem Freund lebt Jorge Gonzalez in Hamburg. Hinter der schillernden Fassade seiner TV-Existenz verbirgt sich eine unerwartete Lebensgeschichte. Als Homosexueller musste er seiner Heimat Kuba den Rücken kehren, weil ihm dort Ausgrenzung und Chancenlosigkeit drohten. Im damals sozialistischen Bruderstaat Slowenien stürzte er sich deswegen an der Universität von Bratislava in ein ihm zugewiesenes Studium der Nuklear-Ökologie. Er schließt es mit Diplom ab, ehe er es in den Wirren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und immer auf der Flucht vor den kubanischen Behörden schließlich nach Deutschland schafft und hier seine Karriere im Mode-Business startet. Sein kompromissloser Weg bedeutete aber auch, dass er seine Familie in Kuba acht Jahre nicht sehen konnte.

Sein erster Besuch in Harksheide hat offensichtlich einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen, denn seitdem setzt Gonzalez seine Prominenz für Harksheide ein. Gewinne aus TV-Shows hat er direkt an „sein“ Kinderdorf weitergeleitet. „Die Menschen sollen mehr darüber erfahren, wie wichtig die Arbeit hier ist, und möchte meinen Beitrag dazu leisten und das Dorf unterstützen“, sagt er.

Bei seinem erneuten Besuch präsentierten die Kinder ihre kürzlich aus alten Jeans genähten Handtaschen. Vom Mode-Experten wollten sie natürlich nun ein Urteil hören – es viel gnädig aus. Sajed, 16, feiert an diesem Tag seinen 16. Geburtstag – klare Sache, dass Jorge da mit aufs Foto musste. Und dann natürlich das Laufstegtraining, das er zusammen mit ein paar kichernden Mädchen bravourös absolvierte. „Die Kids sind einfach unglaublich!“ Am Ende des Tages verschwand Jorge in einer Traube von Kindern. Jeder wollte sein Foto mit ihm und ein Autogramm. Dass Jorge Gonzalez bald wieder vorbei schauen wird, ist längst ausgemachte Sache.