Norderstedt
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„Herrndorf hätte mich wahrscheinlich zum Teufel gejagt“

Ein ungewöhnlicher Gottesdienst in der Christuskirche

Norderstedt. Über eine Million Deutsche haben das Buch „tschick“ von Wolfgang Herrndorf in ihren Bücherschränken, die meisten der rund 80 Besucher des Gottesdienstes in der Garstedter Christuksirche hatten es aber offenbar nicht gelesen. Auch Gottesdienstbesucher Hartmut Clasen, früher selbst Pastor, kennt das Buch nicht, aber er gratulierte Emmaus-Pastor Martin Lorenz zu seiner Predigt. „Sie gab Anlass zum Nachdenken.“ Bei aller Originalität sei es gut, dass ein Gottesdienst noch ein Gottesdienst bleibe.

Martin Lorenz arbeitete mit drastischen Worten: „Tschick sieht aus wie ein ‚Asi‘, und er stinkt nach Alkohol.“ Ähnlich, so glaubt er, müssen Jesus und seine Jünger einst auf die Mitmenschen gewirkt haben. Aber: „Gott überrascht uns, wenn wir ihn nicht erwarten.“ Die Geschichte vom schüchternen Maik, der in der Schule nicht auffällt und deshalb auch nicht zur Party seiner angebeteten Mitschülerin Tatjana eingeladen wird, und dem verwahrlosten russlanddeutschen Tschick, ist für den Garstedter Pastor voller sichtbarer und unsichtbarer Anklänge an die Kirche. Mit verteilten Rollen wurden während des Gottesdienstes Passagen aus dem Buch gelesen.

Das gemeinsame Bad im See mit Maik, Tschick und der verschmutzen und verlausten Isa, die die Jungs auf einer Müllhalde kennengelernt hatten, „riecht“ für ihn nach einer Taufe. Maik und Tschick werden durch die Reise mit einem gestohlenen Lada zu neuen Menschen, die den Lesern eine gute Botschaft vermitteln: „Du bis nicht schuldig, du bis nicht hässlich.“ „tschick“ sei ein Roman, der jeden Leser mit seiner Jugend versöhne.

Martin Lorenz erzählte den Gottesdienstbesuchern, dass Wolfgang Herrndorf einst in der Nachbarschaft gewohnt und die Spielstunde der Christuskirche besucht habe. „Er war unchristlich, wir dürfen aber trotzdem von ihm lernen.“ Der Pastor ahnt, dass der im vergangenen Jahr in Berlin verstorbene Schriftsteller die Verbindung zwischen Jesus und Tschick nicht so gesehen hätte. „Herrndorf hätte mich wahrscheinlich zum Teufel gejagt.“ Der Norderstedter Buchhändler Manuel Fritze, der „tschick“ schon vor drei Jahren gelesen hat, glaubt auch nicht, dass die Predigt im Sinne von Wolfgang Herrndorf gewesen wäre. Aber gleichwohl empfand er sie als „anregend“ und „sehr gut rübergebracht“.

Im Gebet gedachte Pastor Lorenz dem verstorbenen Schriftsteller, dessen Eltern noch in Norderstedt leben. Sie haben den Gottesdienst nicht besucht.