Tangstedt

Ein kleines Haus soll weichen

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Heike Linde-Lembke

Durch den Abriss wird das Künstlerpaar Thomas und Fixemer obdachlos. Doch die Stormarner Bauaufsicht bleibt hart

Tangstedt. Es ist blau. Es ist klein. Es ist urgemütlich. Und es ist ein Zankapfel zwischen den Bewohnern, deren Nachbarn und der Bauaufsicht des Kreises Stormarn. Jetzt hat sich auch Tangstedts Bürgermeister Holger Criwitz in die Auseinandersetzung zwischen der Bauaufsicht in der Kreisstadt Bad Oldesloe und den Bewohnern des blauen Häuschens, Thorsten Fixemer und Anuschka Thomas, eingeschaltet.

Die sollten das alte Holzhaus bis Montag dieser Woche abreißen, andernfalls droht Thorsten Fixemer ein hohes Zwangsgeld. Doch durch den Abriss würde das Künstlerpaar obdachlos (das Abendblatt berichtete).

„Leider kann ich da nicht mehr viel machen“, sagt Criwitz. Hätte Thorsten Fixemer sich gleich an die Gemeinde gewendet, hätte er noch intervenieren können. Doch jetzt sei es wahrscheinlich zu spät. Sein Vorgänger, Alt-Bürgermeister Detlev Taube, sei zwar schon mit dem Vorgang beschäftigt gewesen, doch Taube habe den Fall offensichtlich abgeschlossen, sonst hätte er ihn nach Übernahme des Amts als ehrenamtlicher Bürgermeister in seinen Unterlagen vorgefunden.

Fest stünde, dass sich die Bauaufsicht wohl daran entzündet habe, dass Fixemer ein Gewerbe auf dem Gelände neben dem Holzhaus betrieben habe. Nun hat der Musiker und gelernte Schlosser die Tourbusse, Bau- und Bühnenfahrzeuge zwar auf das von ihm neu gepachtete Gelände der Edisonstraße in Henstedt-Ulzburg gefahren und würde dort an ihnen arbeiten, doch das Amt in der Kreisstadt bestünde darauf , dass in dem Holzhaus niemand fest wohnt.

Das sei nicht der einzige Fall in Tangstedt, in dem die Bauaufsicht des Kreises ein nicht genehmigtes Wohnen entdeckt habe, weil außerdem ein Gewerbe auf dem Gelände betrieben werde. „Wohl niemand aus unserer Gemeinde hat etwas dagegen, wenn beispielsweise Leute in einem Wochenendhaus fest wohnen“, sagt Criwitz. Prekär würde es werden, wenn ein Gewerbebetrieb entstünde. „Wir wollen zudem keinen Präzedenzfall schaffen“, sagt Criwitz.

Auch Fixemers Nachbar Rolf Drohn hat es getroffen. Er hat zwei Gartenlandschaftsbauern ein Stück seines Geländes zur Verfügung gestellt. Der eine hat das Gelände nach Androhung von Zwangsgeld durch die Bauaufsicht geräumt, der andere habe eine Frist bis 31.Dezember 2014 erhalten.

Anuschka Thomas’ und Thorsten Fixemers Nachbarn verstehen die Räumungsanordnung indes nicht. „Wir haben nichts dagegen, dass die Beiden in dem Holzhaus wohnen“, sagt Nachbarin Maren Klammer. Sie hat schriftlich bei der Bauaufsicht moniert, dass dem Amt das Verfahren „aus dem Ruder zu laufen droht“.

„Für uns Anwohner gehört das Holzhaus zum Erscheinungsbild des Kringels und war Unterkunft für mehrere Generationen“, schreibt Klammer ans Amt und fragt: „Ist es wirklich in Ihrem Interesse, den Bewohnern ihr Dach überm Kopf und damit ihre Lebensgrundlage zu nehmen?“

Klammer schreibt weiter ans Amt, sie habe mit Criwitz gesprochen, und es gebe seitens des Bürgermeisters „keine Einwände gegen die wohnwirtschaftliche Nutzung des alten Holzhauses“. Die Bewohner seien sicher bereit, Regeln und Auflagen zu erfüllen, wenn sie das Holzhaus nicht abreißen müssen und dort wohnen dürfen.

„Ich habe nichts dagegen, dass die Beiden dort wohnen, wenn die sanitären Anlagen und die Wasserver- und Entsorgung in Ordnung sind“, sagt Nachbar Rolf Drohn.

Gebaut hat Thorsten Fixemer das Holzhaus ohnehin nicht, sondern von dem Sohn der Vorbesitzerin Gerilles übernommen, die im Alter von 103 Jahren gestorben sei. Das war 1999. „Das Haus wurde 1943 auf Befehl von Robert Ley, Reichsleiter der NSDAP, errichtet, um Hamburgern, die ausgebombt waren, eine neue Unterkunft zu bieten“, sagt Aylert Hellwig, ebenfalls Nachbar vom Kringelweg. Bewohnt habe das Haus Wilhelm Sielk mit seiner Frau Claudine. Er sei der Bruder von Heinrich Sielk, dem der Grund und Boden gehört haben. Wilhelm Sielk sei im August 1948 gestorben. Seine Witwe habe noch bis 1976 dort gewohnt und sei dann zu ihrer Tochter nach Hamburg gezogen. Bewohnt habe anschließend das Ehepaar Gerilles das kleine Haus am Kringelweg.

„Die alte Dame Gerilles hat eine Duldung vom Amt erhalten, dort ihr Leben lang wohnen zu dürfen“, sagt Bürgermeister Criwitz. Doch aufgrund dessen, dass Fixemer dort offenbar ein Gewerbe betrieben habe, sei das „Amt bockig geworden“.

„Das Paar wird nicht obdachlos, die Gemeinde weist ihm etwas zu“, schiebt hingegen Jens Bebensee, Fachdienstleiter der Bauaufsicht des Kreises Stormarn, die Verantwortung an die Gemeinde Tangstedt.

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