Hauptsache mobil

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Heike Linde-Lembke

Im Hamburger Schanzenviertel sind Thorsten Fixemer und Anuschka Thomas mit ihrem Mobil Blues Club eine Institution. Der Wohnplatz des Duos befindet sich in Tangstedt, demnächst ziehen die fahrenden Künstler nach Henstedt-Ulzburg um

Er ist ein Straßenmusikant. Auch wenn er sesshaft geworden ist. Ein bisschen jedenfalls. Aus dem Straßenmusikanten wurde ein fahrender Theatermann, als er sich Lkw und Busse zu Bühnenwagen umbaute – mit Bühne, Bar und Zuschauerraum. Der Musiker und Theatermann Thorsten Fixemer ist also auch noch Bühnenbauer. Er baut auf, richtet ein, schlägt die Bühne und den Publikumsraum mit Stoff aus, näht, malt, tischlert, schweißt und zimmert.

Die Luft von Bussen und Lkws schnupperte er schon als Kind: Sein Vater hatte eine Bus-Werkstatt, und Sohn Thorsten lernte früh, wie die großen Straßenschiffe repariert werden, und dass er im Bus auch wohnen, ihn in ein Theater, in einem Musik-Club, eben in einen Mobile Blues Club verwandeln kann. Die Initialen MBC stehen denn auch an seinem Theaterwagen im Hamburger Schanzenviertel an der Max-Brauer-Allee/Ecke Schulterblatt 102. Dort, wo am Wochenende ungewöhnliche Musiker, Vorleser und Theaterleute auftreten. Sein Bau- und Wohnplatz aber ist am Kringelkrugweg in der Gemeinde Tangstedt. Demnächst zieht er nach Henstedt-Ulzburg um.

Vor dem Blues kam ein ordentlicher Beruf, kam die Schlosserlehre. Nach Feierabend jedoch tourte Thorsten Fixemer als Busfahrer mit der Band Louisiana Hayriders durch die Lande und wurde vom Blues infiziert. Vor allem vom Kontrabass, diesem mannshohen Saiten-Instrument mit den tiefen Tönen.

Die Größe des Instruments hielt den Amateurmusiker nicht davon ab, sich als Straßenmusikant ersten Applaus zu holen: „Erst auf der Straße lernt man richtig spielen, denn erst, wenn die Menschen trotz aller Eile stehen bleiben und dir zuhören, hast du gewonnen, die Straße ist der Härtetest für Musiker.“

2010 hat er seinen ersten Bühnenwagen gebaut und seinen Traum verwirklicht, unterwegs zu sein und den Blues zu spielen. Der Traum bekam rasch Dellen, denn überall, wo er seinen Bus aufstellte, musste er bald wieder weichen: Mal den Vorschriften des Hamburger Ordnungsamtes, mal dem Bau eines Feuerwehrhauses Und mal durfte er sich zwar auf einen Parkplatz stellen, aber nur abends und nachts. Einnahmen? Gleich null.

„Das große Geld will ich nicht, aber ich wollte mit meinem Blues-Wagen irgendwo stehen, wo ich bleiben darf, wo Leute kommen, die denen gern zuhören, die in meinem Mobile Blues Club auftreten", sagt Fixemer. Sein Brotjob ist auch heute noch der Transport von Bau- und Zirkuswagen. Auch die Auftritte als Bassist mit der Band Hasty Medicine bringen Geld zum Leben ein.

Seit fünf Jahren steht ihm die Tänzerin und Performerin Anuschka Thomas zur Seite. Sie ist in Afrika, in Swasiland geboren, Mutter Genoveva ist ebenso Künstlerin wie die Großeltern Maria-Louise und Albert Christoph Reck. Die Großmutter ist Weberin, der Großvater Maler, der mit Loriot und Horst Janssen die Studierbank in der legendären Hamburger Kunstschule Alsterdamm bei Alfred Mahlau drückte.

Enkelin Anuschka ist ebenso künstlerisch selbstständig wie die ganze große Familie Reck-Thomas. Nur in einem anderen Genre, dem Ausdruckstanz. Mit Thorsten Fixemer fährt sie aber nicht nur über Land und tritt bei Festen aller Art auf. Das Paar konnte endlich mit Hilfe des Hamburger Senats in der Schanze einen festen Standpunkt für einen Theater-Truck einrichten und veranstaltet dort im MBC Kleinkunst aller Art, von Konzerten über Kammertheater bis zu Lesungen.

Mittlerweile ist der Mobile Blues Club zu einem Fixpunkt in der Schanze geworden, in dem sich um 21 Uhr der Vorhang hebt. Der Eintritt ist meistens frei, der Club lebt vom Getränkeverkauf, von Spenden und vom Spaß.

„Wir sind kurz vorm großen Rummel auf der Schanze“, sagt Anuschka Thomas. „Im Winter wird es richtig gemütlich, wenn wir unseren Bollerofen anmachen“, sagt Fixemer. Ungewöhnliche Künstlerinnen und Künstler will er aufs Podium holen, darunter Leute wie Miss Quincy, Philip Böller, Lutz Drenckwitz. Wichtig ist ihm die unmittelbare Nähe zwischen Künstlern und Publikum, der direkte Austausch, das ursprüngliche Theater.

Basis-Standort der fünf mobilen Bühnenwagen ist am Kringelkrugweg in Tangstedt. Noch. Denn die Baubehörde in Bad Oldesloe hat den Abriss des kleinen Häuschens und die Räumung des Platzes verfügt. Hintergrund: Das kleine Holzhaus, das bereits seit Jahrzehnten bewohnt wird, hatte offenbar keine Baugenehmigung. Seit 14 Jahren ist es Fixemers Heimat, erst hat er im Wohnbus gelebt, dann ist er nach dem Auszug der alten Dame, die 103 Jahre alt wurde, in das Häuschen gezogen: „Der Sohn hat mir das Haus verkauft, er wollte, dass es weiterhin bewohnt wird.“

Mit Anuschkas Einzug kam ihre neunjährige Tochter Lilian Marie in das Haus, und am Wochenende besuchten ihn seine Töchter. Doch die Stormarner Baubehörde verfügte Abriss und Räumung. Auch der Verpächter ist betroffen. Als Sommerparkplatz für die Besucher der Tangstedter Baggerseen „Costa Kiesa“ aber ist die Wiese immer noch freigegeben.

Nun ist Fixemer nicht der Mann, der lange mit Behörden hadert. Er fand ein Gelände in Henstedt-Ulzburgs Industrie-Revier an der Edisonstraße, das er für seine Bühnenwagen mieten konnte. „Es gibt noch zwei alte Häuser auf dem Gelände, in dem einen wohnt ein alter Schausteller. Wir hoffen, das andere Haus mieten zu können", sagt Anuschka Thomas. „Ich möchte auch auf dem Hof leben, um meine Wagen schützen zu können“, ergänzt Fixemer. Trotzdem bleibt momentan die Angst, aufgrund der Stormarner Behörden-Verfügung die Existenz zu verlieren. „Wir brauchen einfach nur einen Platz, um in Ruhe unsere Aufgaben erfüllen zu können“, betont Anuschka Thomas.

Und zu diesen Aufgaben gehört auch die Ideen, einen Bauwagen als Spiel- und Kunstmobil für Kinder und Jugendliche einzurichten. Mehr noch: „Wir wollen den Blues aufs Dorf bringen.“

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