Mein Leben in Argentinien

Der 19 Jahre alte Lennart Grube aus der Gemeinde Henstedt-Ulzburg absolviert seit zwei Monaten ein Freiwilliges Soziales Jahr in Patagonien. In dem Ort El Bolsón arbeitet er in einer Waldorfschule

Viele nennen es „Gap Year" (also „Lückenjahr“) die Zeit nach dem Schulabschluss und vor dem Ernst des Lebens. Ich nenne es eine Chance. Diese Zeit ist einmalig und bietet die Möglichkeit, einmal etwas völlig Neues auszuprobieren. Wenn nicht jetzt, wann dann? Also habe ich angefangen, Familie und Freunde zu fragen, was ich machen könnte. Für mich war klar, dass ich noch einmal ins Ausland will, um eine neue Kultur kennenzulernen und meinen Horizont zu erweitern.

Doch die Auswahl an Projekten ist fast unermesslich. Da ich selber Waldorfschüler bin und mir die Pädagogik sehr zusagt, entschied ich mich dafür, mich bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. zu bewerben. Sie unterstützen nicht nur anthroposophische Schulen in Deutschland, sondern weltweit. In Kooperation mit dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) entsendet die Organisation jährlich Hunderte Freiwillige in die Welt. Dass es für mich Argentinien geworden ist, lag daran, dass mir das Projekt so gut gefiel.

„La Escuelita – das Schülchen – wurde Ende der 90er-Jahre gegründet

Das Projekt ist eine kleine Waldorfschule in El Bolsón im Süden Argentiniens, in der Region Patagonien, ziemlich genau auf dem 42. Breitengrad Süd, dicht an der chilenischen Grenze. Ende der 90er-Jahre von Familien gegründet, die nach einer Alternative zur staatlichen Bildung suchten, entstand „La Escuelita“ (das Schülchen). Bald waren genug interessierte Eltern mit ihren Kindern dabei, um die ersten Klassen zu eröffnen. Die kleine Schule wuchs und wurde nach einigem Ringen mit den Behörden letztendlich auch als offizielle Schule anerkannt. Heute sind wir eine sogenannte Primaria (Grundschule), das sind die Klassen eins bis sechs. Außerdem gehört ein Kindergarten dazu.

Zwar besitzt die Schule noch kein eigenes Land oder ein Gebäude, aber die Institution an sich ist etabliert. Wie an jeder Waldorfschule kommt alles, was die Schule ausmacht, von den Lehrern und besonders von den Eltern. Zusammen mit den Kindern formen sie ihre Schule. Leider werden Waldorfschulen hier in Argentinien überhaupt nicht vom Staat unterstützt, also kommt die gesamte Motivation und Energie von den Familien. Auf diese Weise entsteht ein starkes Gefühl der Gemeinschaft.

So viel wusste ich schon vorher über das Projekt. Dann bewarb ich mich, sammelte Spenden und Unterstützer für mein Vorhaben und setzte es in die Tat um. Nun bin ich hier, lebe und arbeite in Argentinien – und liebe es! Ich bin hier richtig glücklich, die Leute sind so herzlich und offen, nehmen mich in ihre Gemeinschaft auf, integrieren mich. Ich werde freundlich zum Essen eingeladen, darf bei Schuleltern zu Hause wohnen und erfahre Vertrauen. Man begrüßt mich mit dem landestypischen Küsschen auf die Wange.

Das Leben hier ist anders. Keine Frage. Aber noch bin ich nicht so weit eingetaucht, um es mit Deutschland vergleichen zu können. Immerhin bin ich gerade einmal zwei von insgesamt zwölf Monaten hier. Aber auf jeden Fall verändere ich mich, ich entdecke völlig neue Seiten an mir. Deshalb würde ich auch jedem Schüler – unschlüssig oder mit konkreten Entschlüssen – empfehlen, vor Beginn einer Ausbildung diese Chance zu nutzen. Es bringt einen zweifellos weiter und hilft auf dem Weg der „Menschwerdung“.

Mein Arbeitstag beginnt um 8.15 Uhr, kurz nachdem die Sonne über die Berge lugt und das Tal in frühlingshaftes Licht taucht. Die Kinder kommen an, und um 8.45 Uhr beginnt der Schultag mit einem gemeinsamen Lied und Morgenspruch. Danach gehen alle in ihre Klassen, und der Unterricht beginnt. Die erste Stunde assistiere ich in der Klasse und lerne, was es bedeutet, Lehrer zu sein. Neben einer Menge Verantwortung ist es eine sehr erfüllende und bereichernde Tätigkeit. Danach bereite ich eine kleine Zwischenmahlzeit für die große Pause vor: Ich schmiere von den Eltern selbst gebackenes Brot und serviere es mit frischem Tee und Obst. In der Pause spiele ich mit den Kindern Ticken, Verstecken, Fußball und mache nebenbei Pausenaufsicht.

Die Lehrer müssen mit einem sehr geringen Gehalt auskommen

In der Pause kümmere ich mich um Aufträge der Lehrer, wie Hefte herstellen, streichen, Stühle und Tische reparieren oder ich unterstütze den Sport-, Musik- und Werkunterricht. Nach Schulschluss um 13.15 Uhr mache ich noch etwas sauber. Wenn es nachmittags Elternabende oder Versammlungen gibt, kümmere ich mich um die Kinder. Bei wichtigen, die Schule betreffenden Zusammenkünften bin ich natürlich selber anwesend, denn mir liegt die Zukunft dieser kleinen Schule sehr am Herzen.

Ich sehe jeden Tag, wie glücklich die Kinder sind, und möchte mit all meiner Kraft helfen, mehr Kindern die Möglichkeit zu geben, diese Art der Bildung erleben zu können. Jedoch müssen die Lehrer mit sehr geringem Gehalt auskommen – und trotzdem belastet der Schulbeitrag viele Eltern viel zu sehr. Deshalb suche ich weiterhin Spender für unsere Schule, damit wir wachsen können; geistig und physisch. Die Lehrer brauchen ein höheres Gehalt, das käme den Kindern am meisten zugute. Es fehlt an Material an allen Ecken und Enden und natürlich bräuchten wir endlich ein eigenes Gebäude für „La Escuelita“.

Über meine E-Mail-Adresse lennart.grube@googlemail.com und über meinen Blog erfahren Interessierte mehr über mein Leben in Argentinien (lennartgrube.blogspot.com).