Norderstedt

Von Spionen, die ganz schnell in die Luft gehen

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Heike Linde-Lembke

Im Stadtmuseum Norderstedt zeigt der Drachensammler und -Forscher 200 Exemplare

Wenn Axel Kostros über Drachen spricht, ist er kaum zu bremsen. Nein, keine feuerspeienden, urzeitlichen Riesen-Ungeheuer. Sondern Drachen, die an langen Leinen elegant am Himmel segeln, lautlos dahin schweben oder im Wind knattern, mit buntem Schweif, je länger, je lieber. Drachen wurden zur Wetterbeobachtung eingesetzt, retteten bei Unfällen in der Luft und auf dem Meer Leben und spionierten den Feind aus.

Mehr als 200 dieser kunstvoll gebauten und gestalteten Gebilde zeigt Axel Kostros in der Ausstellung „Zauber der Drachen – Vom fliegenden Blatt zum Kunstwerk am Himmel“ im Stadtmuseum Norderstedt, und dem Drachensammler und -forscher ist eine sehenswerte Drachen-Schau für die ganze Familie gelungen. Rettungsdrachen aus dem Zweiten Weltkrieg sind ebenso zu sehen wie japanische Kampfdrachen. Insgesamt 600 Exponate hat Kostros in seiner Sammlung.

„Vor 23 Jahren hat mich das Drachenfieber gepackt“, sagt der 48-Jährige. Doch bald habe es ihm nicht mehr genügt, mit ein- oder zweileinigen Drachen über den Strand zu flitzen. Bald war er es leid, sich durch Drachenbaupläne zu arbeiten, um Gebilde zu bauen, die auf die Erde krachen statt zu fliegen. „Irgendetwas stimmt nie“, sagte sich der Braunschweiger und entwarf seine eigenen Drachen. 1996 hatte sein erster Drachen Flug-Premiere. Er baute, nähte und konstruierte ihn aus 300 Stoffteilen und holte sich gleich den vierten Platz bei den Deutschen Meisterschaften. Viele Preise folgten, auch bei internationalen Meisterschaften.

Axel Kostros recherchiert in Museen, Archiven und Büchern

„Um aber zu verstehen, wie Drachen fliegen, muss man ihre Geschichte kennen, also fing ich an zu forschen“, sagt der Drachenfreund. Ohnehin war ihm „das einfache Fliegen nicht genug“. Mit den ersten Forschungsansätzen öffnete sich ein Eldorado. Er reist quer durch Europa zu Drachenfesten, nimmt an Workshops teil, recherchiert in Museen, Archiven und Büchern, sucht Raritäten und findet sie dank guter Kontakte in der „Drachenwelt“.

„So habe ich vor 19 Jahren auch meinen Lieblingsdrachen entdeckt“, sagt Kostros, ein Drache, der schon 1888 für die Wetterbeobachtung eingesetzt wurde. „Besonders Ende des 19. Jahrhunderts waren Drachen sehr wichtig“, weiß der Drachenforscher. Sie wurden beispielsweise zur fotografischen Erforschung des Luftraumes mit Bleiplatte und Zündschnur bestückt und fotografierten so auch das große Erdbeben 1906 in San Francisco.

Die Chinesen haben ihre Drachen über feindliche Linien geschickt

Wie ihre riesigen Namensvettern, die Dinosaurier, gibt es auch die fliegenden Drachen schon seit mehr als 2500 Jahren. „Die Chinesen haben die Drachen über feindliche Linien geschickt und spioniert“, weiß Kostros. Der erste Drache war simpel – ein Blatt an einem Seidenfaden. Auch in der Ausstellung sind diese Drachen-Spezies zu sehen, mit Ahornblättern. Die Maori in Neuseeland fischen ebenso mit Drachen wie die Indios im Amazonasgebiet in Brasilien. „Ein Köder wird an einer Leine vom Drachen ins Wasser gelassen“, erfuhr Kostros, als er die Maori besuchte.

Die Preußen entdeckten die Spionage-Fähigkeit des Drachens vor 108Jahren, nutzten ihn auch zur Wetterbeobachtung und bauten dafür Institute, beispielsweise das Aerologische Observatorium im brandenburgischen Lindenberg, heute das Meteorologische Observatorium des Deutschen Wetterdienstes.

„Im Ersten Weltkrieg produzierte sogar der Teddybär-Hersteller Richard Steiff Drachen und machte ein gutes Geschäft damit“, erforschte Kostros. Die Steiff-Drachen wurden vom Militär genutzt, beispielsweise als fliegende Zielobjekte. Einen dieser Drachen zeigt Kostros ebenfalls in der Ausstellung im Stadtmuseum, ebenso Zubehör wie Taschen. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden die Drachen zum Kriegsmittel. „Die Engländer haben mit Drachen Bomben abgeworfen“, sagt Kostros. Der Mann hat seine Leidenschaft gefunden. Und könnte noch stundenlang von seinen Drachen erzählen.

„Zauber der Drachen“ ist bis 27. Oktober im Stadtmuseum Norderstedt, Friedrichsgaber Weg 290, zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwochs bis sonnabends von 15 bis 18 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr. Eintritt: Erwachsene vier Euro, ermäßigt zwei Euro, Kinder bis zu zwölf Jahren haben freien Eintritt, ab 13 Jahre zwei Euro. Axel Kostros gibt auch Drachen-Workshops. Infos unter www.norderstedt.de

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