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Mein Verein ... funkt gern dazwischen

Funken ist besser als telefonieren und auch in Zeiten des Internets total angesagt. Das finden zumindest die Amateurfunker aus Norderstedt.

Von 20 Uhr an walzen die Russen alles platt. Zumindest die Funkfrequenzen in Norderstedt. "Deren Funksignale kommen wie eine riesige Welle jeden Abend zu uns rüber. Dagegen anzufunken, das ist gar nicht so leicht", sagt Rolf Strehlau. Der 71-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit Jahrzehnten sitzt er vor Funkgeräten und sucht und findet mit ihnen Kontakt in der ganzen Welt. Und regelmäßig funken ihm die Russen dazwischen.

"Die haben in Russland Funkgeräte mit einer enormen Leistung", sagt Strehlau. Dennoch: Gegen die Russen hat er gar nichts, er nimmt das mit Humor. Letztlich sind sie ja auch nur am Funken, am Kontakt suchen und hier und da in ein kurzweiliges Gespräch mit irgendeinem anderen Funker auf der Welt vertieft. So wie Strehlau auch, der derzeit Vorsitzender des Ortsvereins Norderstedt im Deutschen Amateur Radio Club (DARC) ist. Wer noch nie von diesem Verein gehört hat, braucht sich dessen nicht zu schämen, denn der Verein, so groß er auch ist, fristet in gewisser Weise sein Dasein abseits der Flutlichter.

Das eigentliche Vereinsleben findet in den Wohnzimmern statt

118 Mitglieder zählt der Ortsverein in Norderstedt, dessen jüngste Funker gerade einmal 20 sind - das älteste Vereinsmitglied ist 91 Jahre alt. Während andere Vereine sich im wöchentlichen oder monatlichen Turnus treffen, ist dies bei den Funkern anders. Das eigentliche Vereinsleben findet in den Wohnzimmern statt. So auch bei Strehlau, Jürgen Grau und Ulrich Kassebohn, die in den heimischen vier Wänden ihre Kurzwellen-Funkanlagen stehen haben. "Es gibt viel mehr Funker in der Region, es ist nur ein Teil von ihnen im Verein", sagt der 63-jährige Grau, ein Mann mit flinken, aufmerksamen Augen und einem ständigen Lächeln auf den Lippen. Das liege daran, dass viele einfach so vor sich hinfunken und die Vorteile des Vereins nicht kennen.

Etwa 72.000 Hobbyfunker gibt es in Deutschland, davon sind rund 40.000 im DARC, also etwas mehr als die Hälfte. "Man muss natürlich nicht im Verein organisiert sein, aber gerade beim Funken hat dies Vorteile", sagt Grau. Strehlau nickt. Wer heute funken will, der muss sich mit der Technik auskennen und mit den Formalitäten. Jeder, der in Deutschland funken will, muss eine entsprechende Lizenz erwerben. Und wer später über die Neuerungen der Technik, deren Anwendung und über neue Frequenzen informiert bleiben will, der braucht jemanden, der ihn dabei unterstützt. Der DARC gibt den Funkern Tipps, bietet Fortbildungen an und steht auch sonst mit Rat und Tat zur Seite.

Der Verein fungiert auch als Sprachrohr gegenüber den Behörden

"Der Verein ist auch unser Sprachrohr gegenüber den Behörden. Und ein solches braucht ein Funker zuweilen", sagt er und verweist auf ein Beispiel. Seit 2002 muss jeder Funker gegenüber den Behörden angeben, welche Strahlung über seine Antenne auf die Umwelt ausgeht. "Es gab dann eine Diskussion, inwieweit Passanten mit Herzschrittmachern einer Strahlengefahr ausgesetzt sind", erläutert Strehlau.

Die Fachdiskussion mit Experten und Vertretern der Bundesbehörden führte anschließend der Verband, um über deren Sicht zu informieren und die Funker zugleich vor einer übertriebenen Behördenwillkür zu schützen. "Es wurden sinnvolle Änderungen mit dem Gesetzgeber beschlossen, die die Gefahren für alle minimierten. Zugleich wurde vom Verband aber auch durchgesetzt, dass wir nicht in unseren Gärten und an Haustüren große gelbe Warnschilder aufstellen müssen", sagt Strehlau. Ein solcher Schilderwald wäre übertrieben gewesen - das sahen später auch die Bundesbehörden ein.

Früher machte die Post Jagd auf Schwarzfunker

So geregelt, wie heute über Kurzwelle Informationen vermittelt werden, war das Leben der Hobbyfunker nicht immer. Strehlau kann sich noch daran erinnern, wie früher viel schwarz gefunkt wurde. "Ich hatte 1953 in der Schule damit angefangen, als ich einen Klassenkameraden kennenlernte. Der war Schwarzfunker. Mit ihm hatte ich meine ersten Sender in Zigarettenkisten gebaut." Mit diesen kleinen Sendern ging es dann auf die Jagd nach einer Funkpeilung. "Was wir damals nicht auf der Rechnung hatten, war, dass die Post, die ja die Hoheit hatte, intensiv Jagd auf Schwarzfunker machte. Mein Klassenkamerad wurde von denen angepeilt und erwischt. Ich hatte Glück, aber ich hatte meine Lektion gelernt", sagt Strehlau. Er beantragte, nachdem er eine Schulung bei der Volkshochschule gemacht hatte, eine Funklizenz, um künftig legal seiner neuen Leidenschaft frönen zu können.

Etliche Funkgeräte hatte er seitdem. Sein neuestes Gerät, das er im Wohnzimmer stehen hat, erfüllt ihn mit Stolz. Eine Einzelanfertigung aus Deutschland. Das Gerät war daher auch nicht günstig. "Ein gutes Gerät kostet 1000 bis 2500 Euro, wer ganz günstig einsteigen will, der kann auch ab 50 Euro auf dem Gebrauchtmarkt etwas Nützliches finden", sagt Grau.

Sein großes, schickes Gerät dagegen koste etwa so viel wie ein Kleinwagen. "Dafür ist es aber auch besonders gut und auf dem Armaturenbrett nicht so überfrachtet mit Schalthebeln wie die Modelle von anderen Herstellern", sagt Strehlau. Dennoch: Das sei viel Geld. Der Haussegen hing wegen des hohen Preises der Anlage aber nicht schief. Seine Frau, die ebenfalls gerne mal am Funkgerät sitzt, stellte nur eine Bedingung, bevor der Kauf getätigt werden konnte: Die Frontplatte sollte farblich zu ihrer Handtasche passen. Und so erhielt das Gerät eine weinrote Front. "Sieht doch schick aus", sagt Strehlau und lächelt.

Ziel ist es, beim Funken bisher unbekannte Menschen kennenzulernen

Ulrich Kassebohn kann die Faszination für die Funkanlage verstehen. "Wer einmal selbst Funkgeräte gebaut hat, der kommt bei so etwas halt ins Schwärmen", sagt er und erinnert sich noch gut an die Zeit, als er mit dem Basteln angefangen hatte. "Auch bei mir gab es, wie bei Jürgen Grau und Rolf Strehlau, in der Schule den ersten Kontakt zu Funkgeräten. Der Modellbau reizte mich ungemein daran", sagt er. Er besorgte sich daher bald eine Funklizenz und begann, seine eigenen Geräte zu bauen. Die Funkanlagen baute er später mit Vorliebe in Autos ein. "Ich habe gerne an Autos geschraubt, aber wir durften die Autos ja nicht frisieren. Da habe ich mich halt auf den Ausbau mit Funkanlagen verlegt. Das war völlig legal, und so konnte ich ständig neue Ideen ausprobieren", erzählt er.

Faszination für die Technik schön und gut, aber lohnt eine Funkanlage noch in Zeiten von Internet und Mobiltelefonen? "Ja sicher", sagt Strehlau. Das könne man gar nicht miteinander vergleichen. Ein Teil des Spaßes sei ja, dass man herausfindet, wo die Funkwellen ankommen und wer einen da zufällig hört. "Stellen sie sich mal ein Telefongespräch vor, dass jeder mithören kann, darf und soll. Das will niemand. Beim Funken wollen wir bisher unbekannte Menschen kennenlernen. Und das klappt gut". Jürgen Grau nickt zustimmend. "Ich bin vor einiger Zeit bis nach Papua-Neuguinea, also nach Ostasien mit meiner Funkanlage gekommen. Da hat mir dann lustigerweise ein Mann geantwortet, der ursprünglich aus Deutschland kommt", erzählt er. Beide tauschten ihre Funkkontaktdaten aus, notierten sie auf sogenannten QSL-Karten. Der Kontakt bestehe auch heute noch.

Am Abend kommen die Russen und walzen alles platt

"Wir Funker freuen uns auf die Bekanntschaften, die wir machen", sagt Strehlau. Und oftmals bleibt es nicht nur bei der Funkkontakt-Bekanntschaft. Nicht selten gehe der Urlaub in das Land eines Funk-Freundes, der dann natürlich auch besucht wird. Es würden teilweise sehr enge und gute Freundschaften entstehen.

Das Funkgerät rauscht, ein Funksignal wird ausgerufen. Rolf Strehlau geht zu seiner Funkanlage und antwortet, gibt seine Funkkennung. Die Kontaktaufnahme zu Marion funktioniert, Strehlau gibt ihr eine Rückmeldung über die Funkqualität. Die ist eher schlecht. Plötzlich ertönt ein zusätzliches Rauschen mit russischen Satzstücken dazwischen. Strehlau und Grau schauen auf die Uhr und grinsen. Es ist wieder soweit. Die Russen kommen und walzen alles platt.

Die nächste Folge unserer Serie "Mein Verein" lesen Sie am Dienstag, 20. August. Wir stellen dann den Imker-Verein Kaltenkirchen/Henstedt-Ulzburg vor.

Alle bisherigen Folgen finden Sie hier: abendblatt.de/themen/meinvereinnorderstedt