Moment mal!

Tausche Würde gegen Latz

Eine Glosse von Andreas Burgmayer

Ich luller mir gerne alles über. Kürzlich beim Italiener. Bretthartes, mediterranes Weizenmehl-Konglomerat, belegt mit Mozzarella und dem Inhalt eines Liter-Tetrapacks Tomatengezuppel. Ich schneide das erste Stück. Die Gabel kann nur unzureichend in die balsaholzartige Unterlage einstechen. Fällt mir aber zu spät auf, ergo erst als das Teil (Sunny side up!) auf meinen Bauch klatscht, der von einem gerade erst aus der Reinigung geholten Hemd bedeckt ist, dessen Weiß zuvor an eine arktische Eisfläche erinnerte und das nun, mit dem rot-braunen, basilikumgrün durchsetzen Fleck an eine Schaffensphase von Anselm Kiefer erinnert - nur mit dem Unterschied, dass mein Hemd nichts für Sotheby's Kunstauktion ist, sondern eher für den DRK-Container.

Es ist schwer, in so einer Situation Würde zu bewahren. Jahrelang, mühsam aufgebautes Selbstvertrauen schwindet in den Bruchteilen einer Sekunde. Man ist wieder Kind, zu Hause bei Mama am Tisch, getroffen von tadelnden Blicken. Zu blöd zum Essen. Mit dem Fuß versuche ich, nonchalant das zu Boden gefallene Pizza-Stück zu angeln, komme nicht ran, entscheide mich gegen eine unbeholfene Abtauchaktion unter den Tisch und für den beherzten Kick gegen das Teil, worauf es unter einem Heizkörper zum Liegen kommt.

Als ich aufblicke, schaue ich in das freudestrahlende Gesicht des Wirtes. Er komplettiert die Demütigung, indem er mir - ja - einen Latz aus Papier reicht. Irgendwo kichert jemand.