Norderstedt

"Erdogan überspannt den Bogen"

Der Bürgerkonflikt in Istanbul und Ankara wird in Norderstedts deutsch-türkischen Familien stark diskutiert

Norderstedt. Özgür Tabak befürchtet eine Spaltung seines Heimatlandes Türkei, wenn die Polizei weiterhin in aller Härte gegen die Demonstranten in Istanbul, Ankara und anderen Großstädten vorgeht - und wenn die Demonstranten weiter gegen den Rückbau der Demokratie protestieren.

Sondereinheiten der Polizei stürmten den Takzim-Platz in Istanbul und räumten brutal und entgegen aller Versprechungen den benachbarten Gezi-Park. Gegen den anfangs fröhlich-friedlichen Protest setzte die Polizei Bulldozer, Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse ein. Die Bilanz: Mindestens drei Tote, mehr als 5000 Verletzte und eine Ausweitung der Demonstrationen vom kleinen Gezi-Park auf die Hauptstadt Ankara und andere Großstädte. Aus dem lokalen Kampf um eine kleine grüne Oase, dem Gezi-Park, der dem Nachbau einer osmanischen Kaserne mit Wohnungen, Einkaufszentrum und einem Museum weichen soll, ist ein nationaler Aufstand gegen den Rückbau der jungen Demokratie in der Türkei geworden, den Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit seiner Regierungspartei AKP betreibt. Die von ihm angebotene Volksabstimmung über den Gezi-Park gilt der Protest-Bewegung als Finte.

"Ministerpräsident Erdogan hat viel für die Türkei gemacht, doch jetzt überspannt er mit seiner Härte den Bogen", sagt Tabak. Der Inhaber der "Gemüsescheune" am Schmuggelstieg in Norderstedt hat in einem großen Handelskonzern Einzelhandelskaufmann gelernt. Seine Familie kommt aus Aydin, einer Großstadt an der ägäischen Küste im Süden der Türkei.

"Dort kann man sehr gut Urlaub machen, auch jetzt, das darf doch nicht alles gefährdet werden", sagt Tabak. Die Türkei könne eine inländische Auseinandersetzung nicht gebrauchen. "Wir sind das stabilste Land in der Region", sagt Tabak. Er sieht die Pläne des türkischen Ministerpräsidenten durchaus positiv: "Erdogan baut in Istanbul einen Tunnel unter den Bosporus durch, er will eine weitere Brücke über den Bosporus bauen, es soll ein weiterer Flughafen in Istanbul entstehen, um den Verkehr zu entlasten, das kann doch nicht schlecht sein", sagt Tabak.

Sein Nachbar Irfan Celik, der eine Schneiderei am Schmuggelstieg hat, fordert, Erdogan solle den Demonstranten entgegen kommen. "Er kann jetzt nicht wieder alles verbieten, beispielsweise den Alkoholausschank", sagt Celik. Er sei gläubiger Muslim, doch wer Alkohol trinken wolle, solle daran nicht gehindert werden. Auch das Tragen eines Kopftuches sei wie die ganze Religion Privatsache. Man könne in der Türkei nicht so richtig seine Meinung sagen, das müsse aufhören.

"Am Anfang war der Protest in Ordnung, doch wenn die Istanbuler jetzt über den Erhalt des Gezi-Parks selbst abstimmen dürfen, ist das Ziel der Protestler mit demokratischen Mitteln erreicht", sagt Ibrahim Sever. Der Norderstedter hat vor 20 Jahren mit Freunden den Türkisch-Deutschen Freundschaftsverein in Norderstedt gegründet. "Die Türkei hat seit zehn Jahren Demokratie erlebt, jeder kann seine Meinung sagen. Der Protest sollte jetzt aufhören, damit wir keine syrischen Verhältnisse bekommen", sagt Sever.

"Die Protestbewegung geht von Studenten, Lehrern und Intellektuellen, sogar von den Fußballclubs und von ganze normalen Bürgern aus", sagt Beatrix Sieh. Die Norderstedter Künstlerin ist 1961 in Istanbul geboren, verbrachte dort ihre Kindheit, zog nach ihrem Studium in Hamburg wieder nach Istanbul und arbeitete jahrelang in einer Medien-Agentur. "Einen Protest in diesen Ausmaßen gab es in der Türkei noch nicht, es ist ein Protest der Zivilgesellschaft gegen den autoritären Regierungsstil, der Bürgerrechte wie die freie Meinungsäußerung nicht achtet", sagt Sieh. Erdogans Politik habe dem Land in zwölf Jahren zu einem unglaublichen Wirtschaftswachstum verholfen und damit eine Mittelschicht entstehen lassen, die nun demokratische Rechte einfordere. "Ich hoffe sehr, dass das Land, das aus verschiedenen Ethnien besteht, sich nicht spaltet, sondern alle Gruppierungen ein gemeinsames Ziel verfolgen und die Demokratie leben", sagt Sieh.