Harksheide

Mütterliche Schnäppchenjagd nach Kindersachen

| Lesedauer: 8 Minuten
Andreas Burgmayer

Der Flohmarkt Second Hits for Kids lockt zweimal im Jahr über 1000 Besucher in die Harksheider Sporthalle. Eine Zitterpartie sei es immer, die 200 Helfer zusammen zu bekommen.

Sie kommen von allen Seiten, sie sind in allen Straßen. Auf der Falkenbergstraße, auf dem Langenharmer Weg. Mütter. Die meisten ohne ihre Männer. Manche mit der Freundin, andere mit den Kindern. Aber alle mit diesem Blick. Konzentriert, fokussiert, angespannt. Vielleicht weil sie wissen, dass sie spät dran sind. Hinter denen, die schon seit 8.30 Uhr vor der verschlossenen Tür der Sporthalle des Gymnasiums Harksheide stehen. Der Kälte trotzen, um die Erste am Wühltisch, am Drehständer oder dem Spielzeughaufen zu sein.

Die Mütter strömen vorbei an hoffnungslos zugeparkten Straßenrändern, sie eilen über die kreuz, quer und rangiertechnisch kreativ voll gestellten Parkplätze an der Harksheider Halle. Es ist 9.30 Uhr am Sonntagmorgen. Während andere Menschen mit Croissant und Schlafanzug am Frühstückstisch sitzen, während in den Kirchen die Sonntagsmessen gelesen werden, gesellen sich die Mütter zu den gleichgesinnten Hundertschaften vor dem Halleneingang, um die ultimative Schnäppchenmesse Norderstedts zu feiern: die 34. Second Hits for Kids. Nichts außer den angebotenen gebrauchten Klamotten und Spielzeugen ist zweitklassig an diesem Kinderartikel-Flohmarkt.

T-Shirts, Hosen, Bodys - alles feinsäuberlich nach Größen getrennt

200 Verkäufer bieten hier Kleidung an, aus denen ihre Kinder heraus gewachsen sind und Spielsachen, die von Neuem aus dem Kinderzimmer verdrängt wurde. Jeder Verkäufer darf sechs Waschkörbe Ware bringen. Zwei mit Klamotten, vier mit Spielzeug. 1200 Waschkörbe Second Hand aus dem Fundus gut situierter Norderstedter Familien. Das Ganze nicht etwa chaotisch in der Halle verteilt. Ein Orga-Team aus 200 freiwilligen Helfern des Fördervereins Kinder- und Jugendarbeit Albert-Schweizer-Haus ordnen alle Klamotten nach Größe, sortieren Spiele zu Spielen, Fahrräder zu Fahrrädern, Bettchen zu Bettchen und Stühlchen zu Tischchen. Im minutiös strukturierten Schichtbetrieb zaubern die Helfer am Sonnabend vor dem großen Verkaufstag ein Gebrauchtwagenkaufhaus aufs Linoleum der Sporthalle. Jeder Artikel ist mit Verkäufernummer und Festpreis ausgezeichnet. Perfekter kann man die Schnäppchensuche nicht organisieren.

An der Tür zum Eldorado für den mütterlichen Jagdinstinkt ist Boris Vollbrecht, 43, der Zerberus. Der Henstedt-Ulzburger ist seit dem ersten Second-Hits-for-Kids-Flohmarkt dabei, seit Eltern des Albert-Schweitzer-Kindergartens 1996 auf die Idee kamen, mit einem gut organisierten Flohmarkt ein wenig Geld in die Kassen des Fördervereins zu spülen. "Dabei hatte ich nie ein Kind in dem Kindergarten. Und in der Kirchengemeinde bin ich auch nicht aktiv", sagt Vollbrecht. In einem Geburtsvorbereitungskursus hatte ihn ein Mann angehauen. Er sei doch ein guter Typ und nicht auf den Mund gefallen. Ob er nicht Lust habe, bei einer Flohmarkt-Sache mitzumachen. Hatte er.

Gelbe Säcke sind die Einkaufstüten der Schnäppchenjäger

Jetzt steht er Punkt 10 Uhr am Sonntag an der Hallentür und lässt die Flut der vor der Halle angebrandeten Welle der Mütter über die Halle hereinbrechen. "So, nu' kommt mal rein ins Warme!" Vollbrecht schaut auf die Uhr. Später schätzt er: "Nach Öffnung der Tür ging es 13 Minuten, bis der Strom der Besucher das erste Mal abriss. Schätze, es werden so 1200 Menschen in der Halle sein."

Die Mütter stürzen zielgerichtet auf die Größen, die sie suchen. 80, 74, 128 - aus der wogenden, immer enger werdenden Verkaufsfläche des Hallenbodens stechen die Größenschilder an langen Holzstielen wie Bojen auf hoher See heraus. Am Treppenabgang in die Halle stehen Helfer und verteilen gelbe Säcke an die Besucher. An den 80 Tapeziertischen, den 60 Biertischen und 120 Bierbänken, auf denen die Bodys, T-Shirts, Röcke, Hosen oder Schlafanzüge teilweise kniehoch liegen, wird klar, für was die Säcke dienlich sind. Die Mütter wühlen mit versteinertem Blick in den Kleiderhaufen, ziehen hervor, was passend erscheint und stopfen es bei Gefallen in die Plastiksäcke. Dicht an dicht reiben sich die Menschen aneinander vorbei, von den Hosen zu den T-Shirts, von den Rundständern zu den Spielzeugen. Es wird geflucht über die Enge, entschuldigt für unabsichtliche Rempler. Die Luft ist feucht, warm, stickig, mit einer Note Waffelduft aus der provisorischen Cafeteria. Nichts für klaustrophobe Freiheitsliebende.

Warum muten sich die Mütter, die wenigen Väter und die Großeltern das zu? Der Großteil ganz profan aus Kostengründen. Wer zwei oder mehr Kinder hat und ein enges Budget, der bekommt hier die Chance auf qualitativ hochwertige Ware zum Mini-Preis. Gebraucht, aber herzeigbar. Vielleicht das eine oder andere Markenprodukt, das man sich neuwertig nie leisten würde. Doch augenscheinlich sind hier auch viele solvente Käufer, die nicht auf jeden Cent schauen müssen. Marketing-Strategen behaupten, Mütter kommen der Kinder wegen kaum noch zum entspannten Shoppen und kompensieren ihre Lust auf den Konsum über Kinderartikel. Ganz egal ob neu oder gebraucht.

Vor den einzigen Ausgang der Halle haben die Organisatoren eine Reihe von acht Kassen gestellt. Wer etwas gefunden hat, muss hier durch und zahlen. Wie im Supermarkt. Nur mit Biertischen statt Laufbändern. Die Preisschildchen von jedem Artikel werden hier gesammelt. So weiß die Buchhaltung, wie viel jeder Verkäufer am Ende ausbezahlt bekommt. Kristina Burmester, 34, Industriekauffrau aus Norderstedt, ist mit ihrer Mutter Monika Siert in der Halle auf die Pirsch gegangen und hat jetzt auch die Schlange an der Kasse hinter sich gebracht. "Es ist schon furchtbar eng. Und sehr stickig. Aber eben auch einmalig." Sie ist das zweite Mal dabei, sucht Schnäppchen für Söhnchen Henri, der ist gerade mal sechs Monate alt. Die junge Mutter hat zwei Umhängetaschen voller Kleinkindersachen gekauft. Prunkstück ist eine quietschbunte Badehose. "Es macht hier einfach Spaß, weil die Sachen gut geordnet sind und günstige Festpreise haben." Mit einem vom Spielzeug prall gefüllten gelben Sack und einer riesigen Ikea-Tasche voller Klamotten bewältigen Henrik Voss, 34, und Sarah Muster, 31, die Kassenhürde. Auf der Brust des Vaters im Tragegeschirr macht der vier Monate alte Johan-Henrik ein tiefes Bubu. "Wir haben drei Kinder. Und einmal im Leben jeden Kindes gehen wir auf diesen Flohmarkt. Das reicht dann", sagt Sarah Muster.

Drei Kindergärten profitieren vom Erlös des Flohmarktes

Anke Streichert vom Vorstand des Fördervereins ist es letztlich einerlei, warum die Massen auf die Second Hits for Kids stehen. Der Flohmarkt boomt, ist weit über die Grenzen Norderstedts hinaus bekannt und wird sogar schon in Wuppertal kopiert. 20 Prozent von allen Erlösen des Marktes wandern auf das Konto des Vereins. Über Umsätze schweigt Streichert. Doch die sind immerhin so markant, dass der Verein die drei von der Albert-Schweitzer-Kirchengemeinde getragenen Kindergärten bei unzähligen Anschaffungen, Reisen, Freizeitaktionen, aber auch bei der Bezuschussung von bedürftigen Kindern unterstützen kann. "Kürzlich musste in einem Hort eine Galerie umgebaut werden. Die 5000 Euro dafür kamen von uns", sagt Streichert.

Eine Zitterpartie sei es, in jedem Jahr die benötigten 200 Helfer zusammen zu bekommen. Immerhin müssen sich die Leute ein ganzes Wochenende um die Ohren schlagen. Müssen sonnabends aufbauen, sonntags abbauen. Müssen die Artikel ordnen. Und hinterher die nicht verkauften Artikel wieder nach Verkäufer-Nummern auseinander klamüsern, was in einem ausgefeilten System mit Waschkörben und in Reihen aufgestellten Sortierern nach Schluss des Marktes um 13 Uhr geschieht, damit die Verkäufer um 18.30 Uhr pünktlich die Waren wieder abholen können. Der einzige Lohn für ihr Wirken: Eine der begehrten Verkäufernummern und das entspannte Stöbern eine Stunde vor Öffnung des Marktes. Anke Streichert: "Wer keine Lust auf das Gedrängel hat, sollte Helfer werden."

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