Bad Segeberg

Oma Emma - die Entdeckerin der Kalkberghöhle?

Bernd Wiggers aus Henstedt-Ulzburg sagt, seine Großmutter habe bereits um das Jahr 1900 in der Kalkberghöhle in Bad Segeberg gespielt.

Bad Segeberg. Im März 2013, genau vor 100 Jahren, soll die beeindruckende Höhle im Kalkberg in Bad Segeberg entdeckt worden sein. Das Ereignis soll am Sonntag, 17. März, von 11 Uhr an im Bürgersaal des Rathauses gefeiert werden. Doch jetzt meldet sich plötzlich Bernd Wiggers aus Henstedt-Ulzburg zu Wort und behauptet: "Die Höhle haben meine Großmutter Emma und ihre Freunde schon 1900 beim Spielen entdeckt!" Demnach hätte das Jubiläum also schon zur Jahrtausendwende gefeiert werden müssen.

Die offizielle Version der Entdeckung der Kalkberghöhle ist überall nachzulesen - zuletzt am 23. Februar im Hamburger Abendblatt. Spielende Kinder fanden das Einstiegsloch offenbar zufällig unter Gestrüpp. Sie stiegen in die Höhle und waren plötzlich in einer anderen Welt. Das war am 16. März 1913. Mit dieser Entdeckung begann der Tourismus in Bad Segeberg: Schon fünf Monate später eröffnete die Stadtverwaltung die Schauhöhle, obwohl der Einstieg über Strick- und Holzleitern alles andere als ein Kinderspiel war.

Emma erzählte nichts von der Höhle - aus Angst, ausgeschimpft zu werden

Bis heute ist der Strom der Besucher nicht abgerissen: 6,7 Millionen Menschen wanderten durch die Höhlengänge und ließen sich von dem unterirdischen Labyrinth, in dem jedes Jahr Tausende von Fledermäusen überwintern, verzaubern. Etwa 40.000 Besucher, darunter viele Schulklassen, kommen jedes Jahr und wandern durch die 300 Meter öffentlich zugängichen Gänge der insgesamt 2,2 Kilometer langen Höhlen.

Als Bernd Wiggers den Artikel im Hamburger Abendblatt las, erinnerte er sich, dass seine Oma Emma ihm eine ganz andere Geschichte erzählt hatte. Zusammen mit ihren Freunden spielte Emma Specht, wie sie damals noch hieß, gerne und viel am Kalkberg. So wie vermutlich andere Kinder aus Bad Segeberg auch. Es war wohl um 1900, als das damals 13 Jahre alte Mädchen mit Freunden den Höhleneingang entdeckte. Die Kinder reagierten aber offensichtlich anders, als die Mädchen und Jungen, die 1913 auf den Eingang stießen: Sie rannten nicht zu ihren Eltern oder gar zum Bürgermeister, um von der Entdeckung zu erzählen, sondern behielten das Geheimnis für sich. Aus gutem Grund: Sie hatten Angst, die Eltern würden ihnen das Spielen in der Höhle verbieten. Diese Angst war vermutlich sehr begründet. "Meine Oma und ihre Freunde haben dann sehr oft in der Höhe gespielt", sagt Bernd Wiggers. "Ganz offensichtlich hat das niemand geahnt."

Emma Specht hatte diese Ereignisse längst vergessen, als sie über 50 Jahre später auf Zeitungsberichte stieß, in denen von der späteren Entdeckung der Höhle berichtet wurde. Damals lebte sie mit ihrem Mann Gustav, dem Schneider, der unter anderem den Schauspieler Hans Albers zu seinen Stammkunden zählte, längst an der Langen Reihe in Hamburg. Sie erzählte ihrem Enkel Bernd, der sie häufig und regelmäßig besuchte, von ihren damaligen Abenteuern in der Höhle. Bernd Wiggers wiederum dachte nicht mehr an die Erzählungen, weil seine Großmutter bereits 1962 verstarb. Bis zur Lektüre des Abendblatt-Artikels.

Der Zugang zur heutigen Höhle muss 1900 vom Gips versperrt gewesen sein

Die Erkenntnisse von Bernd Wiggers werden das Rad der Geschichte vermutlich nicht zurückdrehen. Denn in Bad Segeberg wird der 100. Jahrestag der Höhlenentdeckung mit einer Ausstellung und mehreren übers Jahr verstreuten Aktivitäten gefeiert. Seit Monaten bereiten sich Anne Ipsen, Geschäftsführerin des Fledermauszentrums Noctalis und der Kalkberghöhle, und viele andere Segeberger auf diese Ereignisse vor. Sie findet die Nachrichten aus Henstedt-Ulzburg gleichwohl interessant. Die Diplom-Biologin Ipsen weiß, dass es schon um 1900 Erkenntnisse über einen großen Hohlraum im Kalkberg gab. Der habe aber weiter oben gelegen. "Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Kinder damals den Zugang zu der jetzt bekannten Höhle gefunden haben", sagt sie. "Die Grotte ist erst sichtbar geworden, als zwei Drittel des Gipses abgetragen waren." Sie weiß von Beschreibungen, die sich mit den Erzählungen von Emma Wiggers ungefähr decken.

Ob also Emma und ihre Freunde die Höhle tatsächlich 13 Jahre vorher entdeckten - niemand wird es mehr klären können. Die Einzigartigkeit der Segeberger Kalkhöhle bleibt, egal, wann sie entdeckt und in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wurde.