Norderstedt

Geheimprojekt „Rechenzentrum“ - mitten in der Stadt

An der Ulzburger Straße bauen die Stadtwerke ein neues Rechenzentrum. Ein Bürokomplex wird die graue Fassade verdecken.

Norderstedt. Die Wand ist unübersehbar. Nackt und grau ragt sie an der Ulzburger Straße in den Himmel. Und so mancher fragt sich: Was wird dort gebaut? Die Betonmauer ist sichtbares Zeichen eines geheimen Projektes: Dahinter und vor allem darunter verbirgt sich ein Rechenzentrum, und zwar eins, das die zweithöchste Geheimhaltungsstufe trägt, die solche Einrichtungen überhaupt bekommen können. "Tier 3" nennt sich diese Klassifizierung, die nur wenige Rechenzentren in Deutschland haben.

Zusammen mit akquinet outsourcing gemeinnützige GmbH und IBM Deutschland bauen die Stadtwerke zwei je 1600 Quadratmeter große Rechenzentren für Dataport, den IT-Dienstleister für die öffentlichen Verwaltungen von Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen. Das Bieter-Trio war als Sieger aus einem europaweiten Vergabeverfahren hervorgegangen und hatte den lukrativen Auftrag nach Norderstedt geholt.

Ein Rechenzentrum erledigt die Arbeit komplett, falls das andere ausfällt

Für gut 50 Millionen Euro bauen die drei Unternehmen zwei identische Rechenzentren, eins an der Ecke Ulzburger Straße/Buchenweg und den Zwilling in Hamburg-Alsterdorf. Über eine Datenleitung sind die Server miteinander verbunden und auf dem gleichen Stand, sodass das eine Rechenzentrum die Arbeit komplett erledigen kann, wenn das andere ausfällt.

Die Sicherung und Sicherheit sensibler digitaler Daten ist Auslöser des Millionen-Vorhabens. Die Sicherheitsauflagen sind gestiegen, immer mehr Firmen und Anbieter suchen nach sicheren, günstigen und schnellen Rechenzentren. Und da haben die Stadtwerke schon Erfahrungen gesammelt. In den Betriebsräumen an der Heidbergstraße existiert bereits seit fünf Jahren ein Rechenzentrum, das einem wachsenden Branchen-Trend Rechnung trägt: Housing oder Cloud-Computing sind Fachbegriffe dafür, dass Daten nicht mehr auf der eigenen Festplatte, sondern auf Datensicherungs-Systemen in den Rechenzentren externer Dienstleister gespeichert werden.

Über ein schnelles und sicheres Netzwerk können die Nutzer jederzeit auf die Daten in den zentralen Servern zurückgreifen. Die Energie dafür liefern die Stadtwerke störungssicher selbst, die Vernetzung zum Kunden erfolgt über das leistungsfähige Glasfaserkabel von wilhelm.tel.

Der Standort an der Ulzburger Straße gilt als sicher. Hier werden wichtige Daten, Dokumente und Urkunden nicht nur gut geschützt archiviert, sondern auch kühl und trocken. Und die Stadtwerke haben mit einer weiteren Stärke gepunktet: Green-IT lautet das Stichwort für eine höchstmögliche Energieeffizienz. Die sei beispielsweise durch das nahe Blockheizkraftwerk gegeben, sagt Jens Seedorff, Leiter der Stadtwerke. "Die IT-Industrie produziert weltweit zwei Prozent des CO2-Ausstoßes. Genau so viel wie der weltweite Flugverkehr. Damit gehört der IT-Bereich zu den Klimakillern. Mit den neuen Rechenzentren werden wir unseren Energieverbrauch innerhalb der nächsten zehn Jahre um rund 40 Prozent senken", hatte Andreas Reichel, Vorstand Technik von Dataport, gesagt nachdem die Entscheidung für Norderstedt gefallen war.

Im Neubau soll auch zur Energiewende geforscht werden

Die Betonmauer symbolisiert allerdings nur ein Zwischenstadium. "Sie wird später nicht mehr zu sehen sein, davor wird ein Bürokomplex entstehen", sagt Seedorff. Der Blick von der UlzburgerStraße wird auf eine weiß-rote Fassade und viel Glas fallen. Einen Teil der Büroflächen werden die Stadtwerke belegen. Im Neubau soll das Forschungs- und Entwicklungszentrum zum Thema Energie untergebracht werden, das der Norderstedter Versorger gemeinsam mit der Fachhochschule Lübeck betreiben wird. Außerdem brauchen die Stadtwerke Platz, um zu expandieren. "Durch die Energiewende, den Ausbau von wilhelm.tel und neue Aufgaben wachsen wir kontinuierlich", sagt der Werkleiter, der im Bürokomplex auch Räume für das Call-Center nutzen will.

Jens Seedorff geht davon aus, dass der Neubau im Herbst fertig wird. Dann wird auch die Betonwand Geschichte sein.