Peking-Ente - und Prominente

Gastronomie: Die Norderstedterin Justine Baltrusch führt das älteste Hamburger China-Restaurant: das "Peking Lincolnstraße" auf dem Kiez.

Norderstedt/Hamburg. Norderstedts Bürgermeister Hans-Joachim Grote kennt Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust natürlich persönlich. Justine Baltrusch aus Norderstedt kennt ihn besser: Sie weiß, daß Hamburgs Bürgermeister mit Vorliebe Erdnußsauce zu seinem Salat mit Huhn speist. Denn die zierliche Frau mit den meist streng zurückgekämmten blonden Haaren führt eines der bekanntesten Lokale in Hamburg: Der "Kiez-Chinese", Hamburgs ältestes China-Restaurant "Peking Lincolnstraße" an der Lincolnstraße auf St. Pauli, ist Treffpunkt der Prominenz, Kiez-Größen und aller Menschen, die chinesische Küche lieben.

Das Restaurant ist unauffällig. In der Lincolnstraße, nur wenige Schritte von der Reeperbahn entfernt, mutet "Peking Lincolnstraße" eher wie eine Eckkneipe an. Auch drinnen herrschen die biedere Gemütlichkeit und der Charme einer Kneipe aus den 50er Jahren, versetzt mit China-Accessoires. Aber wenn die Türe um 17 Uhr geöffnet wird und in der Küche die Speisen dampfen, strömen die Gäste herbei. Ganz normale Frauen und Männer unterhalten sich hier mit Angehörigen des Halbweltmilieus, Prominente mischen sich unter das Bürgertum. Das Latexpärchen aus der Sado-Maso-Szene mit Schnorchel auf dem Kopf und Sehschlitz im Helm sitzt hier ebenso regelmäßig wie die Dame, die stets völlig nackt neben ihren normal gekleideten Begleiter genüßlich und ungestört speist. Ulrich Tukur und Ulrich Waller haben erst kürzlich den "Peking- Lincolnstraße-Enten-Club" gegründet und die Eröffnungsurkunde akribisch detailgetreu in das Gästebuch übertragen.

Justine Baltrusch hätte sich nie träumen lassen, daß sie in diesem Milieu einmal ihren Lebensunterhalt verdient. Eine 34 Jahre alte Norderstedterin, die Soziologie studiert hat, nebenbei ein Pressebüro führt und mit der Hamburger Vergnügungsadresse St. Pauli sonst eigentlich kaum etwas im Sinn hat - wie konnte es zu dieser wahrlich ungewöhnlichen Konstellation kommen?

Das China-Restaurant auf St. Pauli hat in der Familie Baltrusch, die ihre Wurzeln in Norderstedt hat, schon immer eine dominierende Rolle gespielt. 1952 eröffnet, 1968 von Tante Elisabeth Schmuck und Lebenspartner Jein Sun Chan übernommen. Schon viele Jahre vorher hatte die Tante, die ebenfalls in Norderstedt lebte, dort als Köchin gearbeitet - allerdings war sie für die deutschen Speisen zuständig. Unter ihrer Regie entwickelte sich das "Peking Lincolnstraße" zu einem Juwel. Justine und ihre Familie trafen sich dort oft, sie selbst half schon als junges Mädchen aus. "Das Lokal war in der Familie immer präsent und spielte eine wichtige Rolle." Als Lieferantin für Außer-Haus-Speisen warfen Mitarbeiterinnen des Eros-Centers schon mal mit Stilettos nach ihr, bevor sie als Lieferantin des China-Restaurants erkannt und dann geherzt wurde. In der Herbertstraße, sonst für Frauen unzugänglich, mußte sie erst das Speisenpaket vorzeigen, bevor sie passieren konnte.

Als die Tante 2003 erkrankte und Justine bat, das Restaurant zu übernehmen, kam das überraschend. Die Norderstedterin hatte mit Erfolg ein Pressebüro gegründet und war unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit von Norderstedt Marketing zuständig. Zuvor war sie einige Jahre für die HEW-Kundenzeitschrift verantwortlich. Nach kurzer Bedenkzeit übernahm sie zusammen mit ihrem aus Wuppertal stammenden Lebensgefährten Andre Schmitz (39) das Restaurant und führte es zu neuer Blüte. Während die inzwischen verstorbene Tante Elisabeth auf ihre Stammkundschaft baute, schufen sich Justine Baltrusch und ihr Partner dazu einen neuen Kundenkreis.

Mit einem Prominentenessen schafften sie einen vielbeachteten Einstieg, der in den Hamburger Medien ein großes Echo fand. Ole von Beust, Axel Zwingenberger, Lee Curtis, Blümchen, Monty Arnold, Corny Littmann und viele andere fanden sich ein und lobten das Essen von Chefkoch Lon Kim Cheow. "Wir kochen die Speisen tatsächlich nach original chinesischen Rezepten", sagt Justine Baltrusch. Die gut schmeckenden Gerichte, die nostalgisch anmutende Kneipenatmosphäre und die Möglichkeit, zwanglos von Tisch zu Tisch zu plaudern, machen aus dem kleinen Lokal einen beliebten Kiez-Treffpunkt. Familiär geht es zu im "Peking Lincolnstraße". Die Mutter, die Tante, Sohn Jonathan (15), der am Wochenende Speisen ausfährt - alle helfen mit, um das Lokal in Schwung zu halten. "Wir fühlen uns als Gastgeber."

Als freie Journalistin konnte Justine Baltrusch ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen, im Lokal muß sie pünktlich präsent sein. Das fiel ihr anfangs nicht leicht, gibt sie zu. Sie mußte sich selbst erst disziplinieren. Aber inzwischen möchte sie das Lokal und die Atmosphäre nicht mehr missen. Sie genießt das Essen selbst (Lieblingsgericht: Nummer 29 a, "Huhn Szechuan, mit Bambus, Champignons, rotem Paprika, Zwiebeln , roten Pfefferschoten, sauer, extra-scharf"), möchte aber nicht Jahrzehnte als Gastwirtin auf dem Kiez arbeiten. Ihr Ziel: Irgendwann Personal finden, das gut hineinpaßt, selbst aber als eine Art Gastgeberin präsent bleiben.

Ihr Pressebüro betreibt sie nebenbei immer noch, weil sie Stammkunden hat. "Vielleicht schreibe ich ja mal einen ganz besonderen Kiezführer", sinniert sie. "Dann würde ich auch über die Leute schreiben, die ich in unserem Lokal kennengelernt habe."

  • VERLOSUNG

Wer in Hamburgs ältestem China-Restaurant speisen möchte und vielleicht Tisch an Tisch mit Ulrich Tukur, Otto Waalkes oder Ole von Beust sitzen möchte, kann das mit etwas Glück kostenlos machen. Die Norderstedter Zeitung verlost zwei Reistafeln für jeweils zwei Personen Im "Peking Lincolnstraße". Dabei handelt es sich um ein aufwendiges Gericht, das aus den verschiedensten Zutaten besteht. Wer Appetit darauf hat, kann heute von 15 bis 15.15 Uhr in der Redaktion, Telefon: 040/523 64 97, anrufen. Unter den Anrufern werden die Essen ausgelost.