Wirtschaft

Am Hamburger Flughafen scheiden sich die Geister

Foto: Michael Schick

Von seiner Wirtschaftskraft profitiert Norderstedt. Der Airport gibt vielen Norderstedtern Arbeit. Aber der Fluglärm belastet die Bürger erheblich

Norderstedt. Ein Flugzeug über dem Grundstück - ein Ereignis, das in Norderstedt Reaktionen hervorruft, die gegensätzlicher nicht sein könnten. "Das ist eine Maschine der Emirates", sagt Carsten Peill, 49, dem das Airline-Raten Spaß macht. Den Norderstedter stört der Flugbetrieb über dem Dach seines Hauses überhaupt nicht. Schon von Berufs wegen hat der gelernte Mess- und Regeltechniker ein fast freundschaftliches Verhältnis zu den Jets. Peill arbeitet am Flughafen Hamburg, leitet die zentrale Infrastruktur, die 18 Mitarbeiter sind beispielsweise im Einsatz, damit Gepäckkontrolle und -abfertigung reibungslos laufen.

Mit seiner Frau Renate Jakstat-Peill, 48, die auf dem Flughafen für Personalentwicklung und Ausbildung zuständig ist, wohnt Peill in Friedrichsgabe. Einige Kilometer weiter südlich stoßen die Starts und Landungen auf heftige Gegenwehr. 300 sind es an Spitzentagen. "Da können und wollen wir uns einfach nicht dran gewöhnen", sagen Heinz-Walter Schmatz, 72, und Uwe Kühl, 62, beide seit langem in der Norderstedter Interessengemeinschaft für Fluglärmschutz(NIG) und engagierte Kämpfer für eine gerechtere Verteilung des Fluglärms zwischen Hamburg und dem Umland.

Es gibt kaum noch Lärmpausen, die Belastung wird immer stärker

"Schlimmer kann es nicht werden", sagt Kühl, der sein ganzes Leben in Garstedt verbracht hat. Zwar seien die Maschinen grundsätzlich leiser geworden, dafür nehme der Verkehr ständig zu, die Lärmpausen entfielen. Viele Garstedter müssten mit einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel leben, eine Lautstärke, die eine Nähmaschine oder ein Gespräch in der Gruppe erzeugten. "Es ist unmöglich, sich dabei auf der Terrasse zu unterhalten", sagt Schmatz, der seit 30 Jahren an der Theodor-Fontane-Straße wohnt. Die Weltgesundheitsorganisation warne vor Dauerpegeln von mehr als 55 Dezibel, sie könnten krank machen, Bluthochdruck, Magengeschwüre und Herzprobleme auslösen. An ruhigen Schlaf sei nicht zu denken, um 6 Uhr schrecke er hoch, sagt Kühl, und bis in die Nacht hinein könne er kein Auge zumachen.

Vor allem die Starts verursachten Lärm, die Maschinen flögen noch relativ tief über die Häuser hinweg. Und davon habe Norderstedt reichlich. Zwei von drei Maschinen heben über die Norderstedter Bahn ab, und jedes Jahr kämen fünf Prozent hinzu. "Wir wollen ja nicht, dass der Flughafen schließt, aber wir fordern mehr Gerechtigkeit", sagt Kühl. Die gängige Praxis ist in den Bahnbenutzungsregeln festgeschrieben. Der Grund: Das Umland ist dünner besiedelt als Hamburg, in Norderstedt, Quickborn, Hasloh, Ellerau und Henstedt-Ulzburg sind deutlich weniger Menschen von Fluglärm betroffen als in der Metropole.

Seit Jahrzehnten kämpfen nicht nur die NIG und ihre Quickborner Kollegen von der Interessengemeinschaft Flugschneise Nord dafür, dass die Belastung gerechter verteilt wird. Auch Verwaltungen und Politiker in den Umlandkommunen setzen sich dafür ein. Bisher ohne Erfolg.

"Wir haben nicht das Gefühl, dass sich die Stadt Norderstedt ernsthaft für uns einsetzt, und das macht das Gefühl der Ohnmacht noch schlimmer", sagt Kühl, bei dem seit kurzem Hoffnung aufkeimt: Die IG Flugschneise Nord will gegen die Bahnbenutzungsregeln klagen (wir berichteten).

In den 60er- und 70er-Jahren war die Lärmbelastung viel stärker als heute

"Sicher ist das für die Betroffenen kein glücklicher Zustand", sagt Renate Jakstat-Peill. Aber die Maschinen würden immer leiser, den Airbus 380 höre man fast überhaupt nicht mehr. "Ich bin in Langenhorn aufgewachsen, und wenn in den 60er- und 70er-Jahren die Maschinen über uns hinweggedonnert sind, habe ich fünf Minuten lang nichts mehr gehört. Dagegen ist die heutige Lärmbelastung deutlich geringer", sagt ihr Mann Carsten. Die beiden jedenfalls wohnen gern in Norderstedt - trotz Fluglärm. Das gilt auch Anja Compton, 40, die am Flughafen im Aviation Marketing arbeitet und die Fluggesellschaften betreut. "Wenn meine Kinder ein Flugzeug sehen, freuen sie sich und fragen mich, wo die Maschine wohl hinfliegt", sagt Anja Compton.

Viele Flughafen-Mitarbeiter wohnen in Norderstedt. Sie schätzen den kurzen Weg zur Arbeit, das internationale Flair, die netten Kollegen und einen Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter zu schätzen wisse. Rund 15 000 Menschen arbeiten in rund 250 Firmen auf dem Flughafen-Gelände. "Nimmt man die Spediteure hinzu, kommt man auf die doppelte Anzahl von Menschen, die vom Airport leben", sagt Flughafensprecherin Karen Stein.

Der Flughafen ist ein Wirtschaftsfaktor mit Strahlkraft bis nach Norderstedt: "Der Weg zu den Terminals ist nicht weit. Das ist gerade für internationale Unternehmen ein wichtiger Standortfaktor", sagt Marc-Mario Betermann, Geschäftsführer der städtischen Entwicklungsgesellschaft EgNo und Norderstedts oberster Wirtschaftsförderer. Die Nähe zum Airport nutzen auch die Luftfracht-Spediteure, die sich im Air Cargo Center an der Straße In de Tarpen und im World Cargo Center auf dem Nordportgelände niedergelassen haben. Schließlich hat die EgNo ein Gelände als Parkplatz für Spitzenzeiten an den Flughafen vermietet und kassiert dafür eine "erkleckliche Summe".