Mehr Zille geht offenbar nicht

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Heike Linde-Lembke

Foto: Heike Linde-Lembke

Mit dem Theater am Kurfürstendamm brachte Walter Plathe "Milljöh" in die "TriBühne"

Norderstedt. Der Mann hat Charakter. Ein Querkopf. Er lässt sich seine eigenen Stücke schreiben, beispielsweise "Zille" von Horst Pillau. Mit dem Theater am Kurfürstendamm brachte Walter Plathe Zilles "Milljöh" in die "TriBühne" nach Norderstedt. Heraus kam: Walter Zille? Oder Heinrich Plathe? Das Publikum im ausverkauften Saal jubelte, das gut aufgelegte Ensemble dankte mit dem Schlager "Immer an der Wand entlang".

Pillau und Plathe haben ihren Zille studiert. Doch sie haben es nicht gewagt, den ganzen Zille, den drastischen, den wahrheitsliebenden Zille, der seine Huren in allen Liebeslagen zeichnete und seine Kneipen liebte, auf die Bühne zu bringen. Schließlich sollte das Stück auf Tournee gehen, und auch die Aufführung in der "TriBühne" zeigte: Mehr Zille geht offenbar nicht.

Wirklich nicht? Hätte Bühnenbildner Martin Rupprecht nicht doch Zille-Zeichnungen aus dem Buch "Hurengespräche" in die Kulisse nehmen können? Hätte Regisseur Klaus Gendries nicht doch mehr "Milljöh" zeigen können, statt im zweiten Teil der Aufführung Musik-Revue-Stücke ziemlich planlos aneinander zu reihen?

Bei einem nackten, weiblichen Zeichen-Modell kam noch ein "Huch" aus dem Saal. Beim nackten männlichen Modell, das nur seine hintere Ansicht zeigen durfte, meinte indes eine Frau: "Kann der sich nicht mal umdrehen?"

Und Walter Plathe? Der tänzelt über die Bühne, kiekt kess ins Publikum, knutscht Laternenpfähle ab, schiebt Kohldampf, dass einem im Parkett der Magen knurrt. Er kraucht vor Scham und Gram in sich zusammen, als Zille arbeitslos wird, lallt und albert, heult verzweifelt, als seine Frau stirbt. Er hat die derben Töne ebenso drauf wie die leisen, die lyrischen und die klagenden, die unglücklichen. Sein Berliner Slang ist anrührend und herzhaft, er bringt die hintergründigen Sätze Pillaus gezielt bis anzüglich. Plathe-Zille.

Gut bei Stimme ist Luise Schnittert als Claire Waldoff, anrührend Maria Mallé als Hulda Zille, als Mascha und in weiteren Rollen. Die kesse Hure Lutschliese gibt Katherina Lange ebenso gut wie Zilles besorgte Tochter Grete. Alexander Rogge macht sich als Nackt-Modell gut, aber auch als Messerkarl und Max Liebermann. Wandelbar auch Reiner Heise. Peter Buchheim sitzt als Walter Kollo am Klavier.

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