Norderstedt

Mit Blues im Herzen durch die Welt der Klubs

Foto: Bernd-Olaf Struppek

Der Sänger, Liedermacher und Gitarrist Rory Ellis aus Down Under lieferte ehrliche Arbeit im "Music Star" in Norderstedt ab

Norderstedt/Melbourne. Mit Plastik-Pop-Püppchen wie Lady Gaga hat Rory Ellis ungefähr soviel gemein wie Lothar Matthäus mit zeitgenössischer Lyrik. Ein Kerl wie ein Bär, großflächige Tattoos, auf dem kahlen Schädel ein Cowboyhut: Der Musiker aus Down Under sieht wie ein Viehtreiber aus, der am Wochenende als Türsteher arbeitet. "Oder wie einer, der Geiseln nimmt", sagt Wolfgang Sedlatschek. Dazu passend stimmt der Singer-Songwriter aus Australien, der zum ersten Mal bei Sedlatschek im Norderstedter "Music Star" zu Gast ist, jetzt das Lied vom "Armourguard Truck" an, und von der Versuchung, diesen Geldtransporter zu überfallen.

Hat er aber doch nicht getan, wie Rory Ellis nach dem Konzert mit rauem Lachen verrät. Dabei schlägt er demonstrativ die Jacke auf - "no shotgun!" Nein, der Sänger, Liedermacher und Gitarrist liefert ehrliche (musikalische) Arbeit in Norderstedt ab. Pseudo-Musik-Produkte wie Silikon-Lady Gaga bescheren ihren Produzenten Millionen. Rory Ellis greift, als es zum Ende seines Arbeitstages auf Mitternacht zugeht, in die Tasche, holt ein Bündel Scheine heraus. 160 Euro - "that's okay", das ist für ihn in Ordnung. Seine Freundin aus England, die ihn von Klub zu Klub, von Konzert zu Konzert begleitet, hat ein paar seiner CDs verkauft. Ein paar Euro kommen noch aus dem Sparschwein, das "Music Star"-Mastermind Sedlatschek und seine Mitstreiter im Namen der Musiker aufstellen. Viel kann es heute nicht sein, denn selbst im kleinen Kellerlokal am Harksheider Markt ist um die 18 Zuhörer herum noch reichlich Luft.

"Am Anfang dachte ich: wie uncool", beschreibt Manager und Hobbymusiker Jochen seine ersten Eindrücke von dieser Art vom Aussterben bedrohten Art Live-Musik-Klub. Nach ein paar Minuten aber steht der Hobby-Gitarrist, der eigens aus Paris angereist ist, mit zufriedenem Gesichtsausdruck an die Wand gelehnt, folgt, mit den Füßen zur Musik wippend, Rory Ellis auf seine musikalische Reise in seine australische Heimat und das Innerste seiner Seele. Der Aussie singt und erzählt von Ausbeutung kleiner Leute und von Umweltzerstörung, aber auch von Problemen eines Vaters mit der heranwachsenden Tochter. Und natürlich von Liebe, wie im wunderschönen Lied "The Rushes" vom gleichnamigen Album aus 2005. Das alles wirkt echt, authentisch, den Blues - Rory Ellis nimmt man ihn ab. Sieben Monate am Stück ist er in diesem Jahr auf Tournee, on the road, führt das Leben eines Musikvagabunden.

Dutzende Konzerte in England hat er gespielt, jetzt Deutschland, danach geht es in die Schweiz. Irgendwann Weihnachten sei er zu Hause, lacht Ellis. Er spielt auch auf großen Blues- und Folkfestivals, vor allem aber beackert er die Klubszene. Denn nur hier hat er die Chance, seine Musik, sein großes Können zu präsentieren. Denn ins dominierende Mainstreamradio schaffen er und viele seiner Musikerkollegen es niemals. "Ich fahre quer durch Deutschland im Auto", erzählt er, "überall läuft die gleiche Musik."

So sehr an diesem Abend im "Music Star" beinahe intime Wohnzimmer-Atmosphäre herrscht, so professionell ist die Aussteuerung, ist der Sound. Und der Auftritt des Musikers wird von gleich vier Kameras aufgezeichnet. Quasi als Bonbon in Sachen Promotion stellen Wolfgang Sedlatschek und seine Mitstreiter hoch professionelle Videomitschnitte der inzwischen vielen Hundert Konzerte ins Netz. Bei "youtube" gibt es unter "NorderstedtMusik" einen eigenen Musikkanal.

"Ich muss bei keinem mehr anfragen, die kommen von sich aus", beschreibt Sedlatschek das große Interesse von Musikern aus aller Welt, nach Norderstedt zu kommen. Mittlerweile sind die "Music Star"-Aktivitäten auch über einen Verein organisiert. Während Rory Ellis erst seine Instrumente einsammelt, dann ein Absackerbier trinkt und dabei über die Qualitäten verschiedener Gitarren und Mikrofone fachsimpelt, räumen die Helfer aus den Reihen des Vereins der Musikfans Stühle ab. Demnächst wird es hier wieder richtig voll werden. Auf jeden Fall, wenn am 15. November wieder die Folk-Legenden von "Fairport Covention" am Harksheider Markt auftreten. Dann ist Rory Ellis schon Tausende Kilometer weiter, Richtung Blues Festival in Bridgetown/Australien - auf der langen und windigen Straße ungestillter Sehnsüchte.