Bundeswehr inspiziert alte Sprengschächte

Bomben in Gullys - für den Kalten Krieg

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Wolfgang Klietz

6000 Sperrvorrichtungen sollten bei einem Angriff feindliche Armeen aus dem Osten aufhalten. Im Kreis Segeberg gibt es noch 22 Anlagen.

Kreis Segeberg. Rechts die Dosenbek, links die Dosenbek. Da kommt keiner durch. An der Brücke über das Flüsschen nördlich von Neumünster wird scharf geschossen. Brechen DDR-Soldaten und die Sowjet-Armee trotzdem durch, werden sie gezündet - die Bomben im Gully. Sechs Schächte reichen jeweils fünf Meter tief in die Überführung. 500 Kilo TNT passen in jedes Loch. Genug, um die Brücke in die Luft zu jagen und die feindlichen Truppen zu stoppen.

Gefechtsszenarien wie diese mitten im Holsteinischen sind heute kaum noch vorstellbar, im Kalten Krieg der 70er- und 80er-Jahre gehörten sie zum Alltag der militärischen Planer. Stabsfeldwebel Jürgen Siedentopf aus der Rantzau-Kaserne in Boostedt kümmert sich noch heute um die Reste des Ost-West-Konflikts, die unter unscheinbaren Betondeckeln im Asphalt und Bahnschotter verborgen sind: Sprengschächte und Sperrvorrichtungen, die Angreifer aus dem Osten aufhalten sollten.

22 Vorrichtungen dieser Art sind noch im Kreis Segeberg verzeichnet. Fast alle liegen unter Feldwegen. Mehr als 6000 waren es bis zum Ende des Ost-West-Konflikts bundesweit. In fünf bis sechs Jahren, so schätzt der 48-jährige Soldat, sind die Relikte verschwunden. Wenn eine Straße saniert wird, füllen Baufirmen die Schächte mit Sand oder Beton. In der militärischen Planung spielen sie ohnehin keine Rolle mehr. Deutschlands Sicherheit wird nicht mehr an Rhein, Elbe oder Dosenbek verteidigt, sondern am Hindukusch.

Jedes Jahr im Frühling geht Pionier Siedentopf auf Erkundungstour im Dreieck zwischen Ratzeburg, Neumünster und Pinneberg. Dann muss er überprüfen, ob die Schächte noch intakt sind oder womöglich im Untergrund zerbröseln und dem Verkehr nicht mehr gewachsen sind. Außerdem berät er Bauämter, die ihre Straßen in Schuss bringen wollen und die Bundeswehr auffordern, ihre Verteidigungsanlagen endlich einzumotten.

Großharrie heißt das Dorf, das nach einem Krieg vermutlich ohne Brücke hätte auskommen müssen. Siedentopf und der Obergefreite Alexander Kunkel lösen mit ihrem Spezialwerkzeug die Verschraubung, heben den 50 Kilo schweren Deckel ab und blicken in den Schacht. Allerdings nicht allzu tief. Im Loch steht das Wasser.

Autofahrern und Spaziergängern sind die grauen Deckel, die im Ernstfall die tödliche Landung verdeckt hätten, vermutlich noch nie aufgefallen. Als sich die Nato im Westen und der Warschauer Pakt im Osten gegenseitig belauerten und mit dem Overkill bedrohten, waren die Löcher für den Kriegsfall eine geheime Angelegenheit. Die Wallmeister trugen zivil und waren in unauffälligen grauen VW-Bussen mit wechselnden Kennzeichen unterwegs, wenn sie die "Objekte" inspizierten.

Dazu gehörten nicht nur Sprengschächte, sondern auch Trägerstecksperren. Das Prinzip: Doppelte T-Träger, die im Boden verankert werden, sollten feindliche Kolonnen aufhalten. Trägerstecksperren waren besonders für Städte wie Lübeck vorgesehen. Das Weltkulturerbe sollte den Krieg möglichst unbeschädigt überstehen.

Wegen seiner strategischen Bedeutung hatte die Bundeswehr in Schleswig-Holstein und Niedersachsen deutlich mehr Spreng- und Sperreinrichtungen installiert als in anderen Teilen Deutschlands. Auch die Truppenkonzentration war deutlich größer. Wäre aus dem Kalten Krieg ein heißer geworden, hätten im Norden die schlimmsten Schlachten getobt, um den Durchbruch der feindlichen Truppen an die Nordsee zu verhindern. Die Westküste galt als kriegsentscheidend: Hätte sich der Warschauer Pakt bis nach Cuxhaven und Büsum durchgekämpft, hätten die ausländischen Nato-Truppen auf dem Weg ins bedrängte Deutschland dort kaum mit ihren Schiffen anlanden können.

Wäre es an der Dosenbek zum Kampf gekommen, hätten sechs Sprengladungen die kleine Brücke pulverisiert. Siedentopfs Vorgänger hatten auch prominente Bauwerke auf ihr Ende vorbereitet: Aus einer Brücke über dem Nord-Ostsee-Kanal in Kiel hätte eine Sprengladung ein 42 Meter großes Stück demoliert. Den Kanaltunnel in Rendsburg hätten sie unter Wasser gesetzt.

Nicht einmal altgediente AKN-Mitarbeiter ahnten, dass sich auch unter ihren Gleisen die Bombenschächte befanden. Siedentopf war es, der die Eisenbahner aus Kaltenkirchen auf militärische Hohlräume unter ihren Gleisen hinwies, als sie ihre Strecken sanieren wollten. Die Bundeswehr hatte sich in Kaltenkirchen in Höhe von Dodenhof und in Bad Bramstedt in der Nähe des Bahnhofs Kurhaus darauf vorbereitet, die Strecke in die Luft zu jagen.

Siedentopf und Kunkel heben auch den kleinen Deckel, der von Gras überwuchert neben dem Fahrradweg einen kleinen Schacht verdeckt. Dünne Kabel ragen heraus, mit denen die Sprengladungen gezündet worden wären. Der Wallmeister wäre zuvor mit 30 Soldaten angerückt und hätte binnen zwei Stunden das TNT in die Schächte gefüllt. Deponiert wurde der Sprengstoff in unscheinbaren, streng gesicherten Häusern in der Umgebung. "Was dort gelagert wurde, wussten nur ein paar Förster oder Bauern", sagt Siedentopf. 1994 holte die Bundeswehr ihre letzten Sprengladungen aus den geheimen Munitionshäusern.

Rund 500 000 D-Mark hat der Bau jedes der 6000 "Objekte" kostet, 1500 bis 2000 Euro muss die Bundeswehr in den Rückbau investieren. Drei Wallmeister sind noch für das Landeskommando Schleswig-Holstein im Dienst. Wenn in fünf bis sechs Jahren jede Straße mit Spreng- oder und Sperrvorrichtungen saniert ist, haben die Männer einst geheime Überbleibsel aus dem Kalten Krieg abgewickelt. "Dann sind wir als Wallmeister Geschichte", sagt der Stabsfeldwebel.

Die Bombe im Gully war in der DDR nicht vorgesehen, hat Siedentopf nach dem Ende des Ost-West-Konflikts herausgefunden: "Die wussten, dass wir keine Angriffsarmee sind."

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