Norderstedt
Norderstedt: Praxen geben auf - Ärzte steuern gegen

Die medizinische Versorgung sichern

Bürokratie abbauen, die Wartezeit für die Patienten verringern und besser mit den Krankenhäusern kooperieren - das wollen die Mediziner gemeinsam erreichen.

Norderstedt. Die medizinische Grundversorgung sichern, die Position gegenüber Kliniken und Krankenkassen stärken und die berufliche Unabhängigkeit sichern - das sind die Ziele, die das Hausarztnetz Norderstedt (HANN) seit einem Jahr erfolgreich verfolgt. Jetzt haben sich die 25 Mediziner aus Norderstedt und Tangstedt eine neue Rechtsform gegeben: Das HANN hat sich von einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) zur GmbH entwickelt und zählt damit bundesweit zu den Vorreitern: "So schaffen wir uns eine bessere rechtliche Verhandlungsposition, um Verträge abzuschließen, und können uns den Herausforderungen der Zukunft stellen", sagt HANN-Sprecher Dr. Svante Gehring, der darauf hinweist, dass die Mediziner aber unabhängig bleiben.

Vorrangig müsse die medizinische Versorgung in Norderstedt gesichert werden. Einige Kollegen werden ihre Praxen aus Altersgründen demnächst schließen. "Einer wandert gerade in die Schweiz ab, und Nachwuchs ist nicht in Sicht", sagt Dr. Thomas Flamm, einer der fünf Geschäftsführer im Ärztenetz. Das liege an überbordender Bürokratie und einer unsicheren finanziellen Basis: "20 bis 30 Prozent der Arbeitszeit verbringen wir mit Statistik und Dokumentation. Ständig ändern sich die Bemessungsgrundlagen für unsere Honorare, erst waren es Punkte, jetzt sind es Fallzahlen und demnächst wohl wieder Punkte", sagt Flamm.

"Gerade hatten wir uns an Dr. Schwarz gewöhnt und waren froh, hier wieder einen jungen Arzt zu haben, da geht er in die Schweiz", sagt Heinz Sauer. Der Norderstedter befürchtet, dass jetzt rund um die Parallelstraße, wo Schwarz behandelt hatte, eine Versorgungslücke entsteht. Hier wohnten viele alte Menschen, die nicht mehr so mobil und auf einen Arzt in der Nähe angewiesen seien.

Das Ärztenetz will die Patienten von Schwarz sollen auf die aktiven Hausärzte verteilen, kein leichtes Vorhaben, denn: "Das Budget reicht für 800 bis 850 Patienten pro Monat. Die meisten behandeln schon jetzt mehr Menschen, und das unbezahlt, nun aber kommen weitere hinzu, sodass wir mit der Kassenärztlichen Vereinigung darüber verhandeln, wie das Budget von Schwarz auf die anderen Praxen verteilt wird. Und schon da zeigt sich, dass wir als GmbH stärker auftreten können", sagt Gehring.

Um der zunehmenden Ausdünnung der Praxis-Landschaft zu begegnen, will das Hausarztnetz Zukunftsmodelle entwickeln. Denkbar seien beispielsweise angestellte Ärzte, die in den Praxen mitarbeiten. "Damit kommen wir dem Wunsch von Ärztinnen entgegen, Beruf und Familie zu verbinden, denn der medizinische Nachwuchs ist weiblich", sagt Gehring.

Erste Erfolge meldet die Ärzte-Kooperation bei den Verhandlungen mit Kliniken, in denen die Patienten behandelt werden. Da gehe es darum, Abläufe zu optimieren und um die Nachsorge, die die Hausärzte gern übernehmen würden, aber: "Bisher wird beispielsweise das Fädenziehen nicht bezahlt. Wenn wir aber die komplette Betreuung nach einer Operation übernehmen, erwarten wir auch, dass die Arbeit honoriert wird", sagt Gehring, der darauf hinweist, dass die Hausärzte noch immer am Ende der Honorarstatistik rangierten. Weiteres Ziel des Ärztenetzes sei, die Wartezeiten auf einen Klinikbett zu verringern.

Und auch die Qualität haben die Allgemeinmediziner im Auge: "Wir haben Qualitäts-Zirkel eingerichtet und unsere Mitglieder zur Weiterbildung verpflichtet", sagt Gehring, der die Patienten auch bei Anträgen und Auseinandersetzungen mit den Kassen intensiver begleiten will. Zusammen mit seinen Kollegen kann er sich auch vorstellen, im Bereich Wellness/Prävention aktiv zu werden. "Da lässt sich Geld verdienen, das wir dann wieder für eine bessere Versorgung der normalen Patienten einsetzen könnten", sagt Gehring.