Das Verbrechen an sieben Frauen bleibt ungesühnt

Norderstedt: Vor 30 Jahren erschütterte eine Mordserie die Region - der Täter wurde nie gefaßt. Die Sonderkommission nahm zwar einen Maschinenführer fest, er wurde aber nur wegen eines Notzuchtsdelikts vom Gericht verurteilt.

Norderstedt. Die Leiche von Ilse Grunwald lag in einem abgelegenen Straßengraben in der Nähe der Autobahnbrücke zwischen Quickborn und Norderstedt. Sieben Monate nach ihrem rätselhaften Verschwinden am 25. Oktober 1972 wurde die tote 15jährige entdeckt. Ein Unbekannter hatte sich an der jungen Norderstedterin vergangen und sie danach erdrosselt. Der unheimliche Verdacht: Der Täter hat zuvor möglicherweise sechs weitere Frauen und Mädchen umgebracht, die meisten in Norderstedt. Einen Tag nach der Entdeckung von Ilse Grunwald ordnet das Kriminalpolizeiamt in Kiel die Bildung einer Sonderkommission in Norderstedt an.

Der Job der Ermittler: Sie müssen klären, ob die Taten von einem Serienmörder begangen worden waren. Dafür spricht, daß die meisten Frauen sexuell mißhandelt, erstickt und danach in eine abgelegenen Gegend gelegt wurden. Offenbar verfügt der Sexualverbrecher über ein Auto.

Am 27. Mai wird die Leiche aus der Elbe geborgen

Die Rekonstruktion beginnt mit einem Fall aus Lüneburg. Dort melden am 14. Mai 1969 Angehörige die Schülerin Ulrike Burmester als vermißt, am 27. Mai wird ihre Leiche aus der Elbe geborgen. Der Täter hatte die Tote mit einem Stein versenkt. Nur wenige Tage später rufen Anwohner die Polizei zu einem Grundstück an der Straße Kiebitzreihe in Harksheide. Dort lag die ermordete Optikerin Jutta Maaß (22). Vor ihrem Tod hatte der Unbekannte die junge Frau vergewaltigt.

Am 20. Mai 1970 finden spielende Kinder im Rantzauer Forst in Norderstedt die Leiche der 16 Jahre alten Näherin Renate Brasch. Sie war nach einem Besuch in der Norderstedter Diskothek "Dandy" am 30. September 1969 spurlos verschwunden. "Ein Sexualmord" schreibt die Kriminalpolizei.

Bei einer Übung entdecken Polizisten Skeletteile

Die 22 Jahre alte Angela Boerner aus Hamburg starb vermutlich am 31. Juli 1970, nachdem sie am späten Abend mit der U-Bahn zur Station Langenhorn-Markt gefahren war. Gefunden wird die Leiche der Frau zwei Monate später in einem Gehölz zwischen dem Bahnhof und der Wohnung der kaufmännischen Angestellten.

Bei der Suche nach der vermißten Hannelore Knebel (13) entdecken Polizisten die Leiche des Mädchens am 22. Dezember 1970 in einem Graben bei Stemwarde bei Barsbüttel. Nach 18 Monaten folgt der nächste Fall: In Dassendorf bei Aumühle verschwindet die 14 Jahre alte Monika Fieberg. Am 5. Juni 1972, dem Tag ihres Verschwindens, entdeckt ihr Vater bei der Suche nach seiner Tochter ihr Fahrrad, das Badezeug und Holzschuhe des Kindes. Doch erst am 24. Oktober hat er die entsetzliche Gewißheit, daß sein Kind tot ist. Im Sachsenwald stoßen Polizisten bei einer Einsatzübung auf die Leiche der Schülerin. Am selben Tag wird Ilse Grunwald vermißt gemeldet.

Norderstedts Ermittler gehen von einem "örtlichen Täter" aus

Doch die Soko beschäftigt sich nicht nur mit den Frauenmorden. Auf das Konto des Täters könnten außerdem zwölf Sexualdelikte im Raum Norderstedt gehen. Die Ermittler gehen von einem "örtlichen Täter" aus und nahmen einen Mann ins Visier: den damals 37 Jahre alten Norderstedter B. Zwei mißhandelte Frauen erkennen den Maschinenführer bei einer Gegenüberstellung wieder, am 4. Februar 1973 erläßt das Amtsgericht Norderstedt Haftbefehl. B. hatte sich im Rantzauer Forst an seinen Opfern vergangen - dort, wo auch die tote Renate Brasch und das Fahrrad von Ilse Grunwald gefunden wurden. "Hat die Kripo jetzt den Sexualmörder von Norderstedt?", fragen die Zeitungen. Aufgeschreckt durch die Pressemitteilungen melden sich binnen weniger Tage 37 Frauen bei der Polizei. Viele erklären, B. habe sie in eindeutiger Absicht angesprochen, mehrere erstatten eine Anzeige wegen sexueller Übergriffe. Immer wieder behaupteten die Frauen, sie seien gewürgt worden. Außerdem finden die Fahnder heraus: Bereits 1957 hatte eine junge Frau B. angezeigt, nachdem er sie angeblich gewürgt hatte. Mehrfach wurde außerdem gegen ihn wegen Exhibitionismus ermittelt. Ilse Grunwald, Renate Brasch und Jutta Maaß sind, so die Ermittler, derselbe Typ Frau.

Ein Beamter bezeichnet B. am Ende der Ermittlungen als "hemmungslosen Triebtäter". Daß sich alle Opfer an die Soko gewandt haben, bezweifeln die Kripo.

Ein Mord, drei Notzuchtversuche bleiben in der Anklage übrig

Doch die Soko-Fahnder stoßen auch auf Schwierigkeiten: Einige der Leichen sind so stark verwest, daß Spuren kaum noch zu finden sind. Bei den Vernehmungen schweigt B. meistens. Er will erst aussagen, wenn die Polizei ihm die Entmannung erlaubt oder ihn unter Hypnose befragt. Schon vor dem Prozeß ist klar, daß die Soko dem Norderstedter trotz penibler Arbeit viele Taten nicht nachweisen kann. Ein Mord, drei Notzuchtversuche bleiben in der Anklage übrig. Am Schluß des Prozesses vor dem Kieler Schwurgericht ist B. ein freier Mann. Die Richter verurteilen ihn nur wegen eines "Notzuchtsdelikts". Ein Jahr Freiheitsstrafe lautet das Urteil, das zur Bewährung ausgesetzt wird. B. erhält die Auflage, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben.

Wer für die Mordserie verantwortlich ist, bleibt vermutlich für immer ungeklärt.