Die Heimkehr des "Kommissars"

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Wolfgang Klietz

Schauspieler Martin Lüttge besuchte nach 50 Jahren seine Heimatstadt Bad Bramstedt

Bad Bramstedt. Je länger der stattliche ältere Herr durch Bad Bramstedt geht, desto deutlicher erinnert er sich an das, was seine Kinderaugen vor 50 Jahren gesehen haben. Die Perspektive des kleinen Martin Lüttge war eine andere als die des inzwischen ergrauten Schauspielers ("War das Schloss nicht viel größer?"). Doch wiedererkannt hat der 59-Jährige jeden Weg und jeden Platz. Die NZ hat den beliebten Schauspieler, der als Tatort-Kommissar Flemming ein treues Millionen-Publikum hatte, bei einem ersten Spaziergang seit 50 Jahren durch seine Heimat Bad Bramstedt begleitet. Der erste Weg führt Lüttge in einen kleiner Weiler östlich von Bad Bramstedt: ein Bauernhof, der früher wie heute einer Familie Schulz gehört, und zwei alte reetgedeckte Häuser, drumherum Wiesen und ein paar Hundert Meter weiter die Autobahn 7, die es damals noch nicht gab - das ist Klashorn, wo Martin seit seinem dritten Lebensjahr mit seiner Familie aufwuchs. 1946 waren die Lüttges aus dem zerbombten Hamburg dorthin gezogen. Hier bestellte Vater Gustav einen großen Garten, der das Überleben der Familie sicherte. "Es war eine wunderbare Kindheit", erinnert sich Lüttge. In Klashorn hat er die Natur lieben gelernt. Im Spiel mit den Flüchlingskindern, die auf dem Schulzschen Hof untergekommen waren, zeigte sich zum ersten Mal sein künstlerisches Talent. "Martin soll wieder Theater spielen", riefen die Kinder, und der Knirps aus Hamburg nutzte eine oben geöffnete Klöntür als Bühne fürs Kasper-Theater. Die Kerze war der Polizist, eine Bürste der Igel. Das kindliche Funkeln in seinen Augen zeigt die Freude an den Erinnerungen. Zu den zuweilen bärbeißigen Rollen des Schauspielers will es gar nicht passen. Der Weg nach Bad Bramstedt führt wie vor 50 Jahren über einen unbefestigten Feldweg. "Wenn es schneite, durften wir auf dem Milchwagen mit zur Schule fahren", erinnert sich Lüttge. Und es rücken immer mehr kleine Erlebnisse in sein Gedächtnis, die Gefühle des Jungen scheinen wieder wach zu werden: die Angst vor den Bullen auf der Weide, Mutter Erikas Klaps auf die Finger, weil Martin sich auf dem langen Weg mal wieder schmutzig gemacht hatte. Tief atmet der Mime durch und beschreibt Luft und Himmel als "norddeutsch": "So etwas fehlt mir zu Hause in Bayern." Auf dem Weg in die Stadt muss Lüttge nicht lange überlegen: "Die Straße heißt doch Butendoor?" Sein Gedächtnis trügt ihn nicht. Lüttge entdeckt das Cafe Gripp ("Das gab es damals schon"), das "Wappen von Bramstedt" ("Hat sich kaum verändert") und das Schloss. Nur beim Roland kommt er ins Grübeln: "Hat der nicht früher in eine andere Richtung geblickt?" Kaffeepause in einem Cafe auf dem Bleeck: Schal, Mantel und Mütze schützen Lüttge vor dem norddeutschen Wind, den er zu schmecken scheint. Der Wirt bittet um ein Autogramm. Die Männer unterhalten sich auf Plattdeutsch. Noch immer spricht Lüttge die Sprache perfekt. Trotz des jahrzehntelangen Zwangs auf der Bühne zum perfekten Hochdeutsch sitzt sogar der korrekte Tonfall immer noch. Letzte Station sind die Ehrenmale im Herrenholz. Lüttges Vater, ein Gartenbauarchitekt, hat die Gedenkstätte für die Toten des Zweiten Weltkrieges entworfen. Streng und kantig ragen die Säulen in den Himmel. Gustav Lüttge war ein politischer Mensch, der den Willen seines Sohnes stets bestärkt hat. Der Vater erkannte das Talent von Martin und förderte seine Ausbildung. Und Gustav Lüttge hat die Entscheidungen des Jungen geprägt, der als Künstler sagen wollte, was er dachte. Als Martin neun Jahre alt war, verließ er mit seinen Eltern und den Geschwistern Veronika, Thomas und Margot Klashorn. Die Familie zog in eine Wohnung an den Colonnaden in Hamburg. Von dort aus machte Martin Lüttge seinen Weg und wurde ein bekannter Schauspieler. Bad Bramstedt hat er nicht vergessen: "Eine tolle kleine Stadt."

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