Eleganz und Komfort in Luhmühlen

Nordheide: Gerti Hollmann zog es 1965 aufs Land - wegen der frischen Luft, der vielen Fans und der Schwiegermutter. Der Bungalow im amerikanischen Stil trägt die Handschrift der ehemaligen Miß Germany. Hier lebt sie mit den Erinnerungen an ihren Mann, den Journalisten Carl-Heinz Hollmann

Die überaus attraktive Dame, die in ihrem nach herbstlicher Erde duftenden Park nach der Ordnung schaut, trägt das blonde Haar akkurat zum Knoten gebunden und dezentes Rot auf den Lippen. Etwas Schmuck glitzert an Hals und Armen, und die zum Hellgrün changierende Steppjacke paßt blendend zu den sportlich-engen Jeans.

Gerti Hollmann (72) entspricht auf den ersten Blick nicht unbedingt der Vorstellung von einer Landfrau, und ihr modern wirkender US-Komfortbungalow ist, trotz Butzenscheiben und geteilter Klöntür, alles andere als ein klassisches Heidehaus. Aber das erwartet man auch nicht von einer Miß Germany, die zudem nach 46 Jahren glücklicher Ehe gerade ihren Mann verlor, den aus dem Leben der Stadt kaum wegzudenkenden Journalisten und bekennenden Hamburg-Fan Carl-Heinz Hollmann.

Das Leben des Ehepaars Hollmann ist eine einzige Liebesgeschichte. Es ist eine Geschichte der Liebe zueinander, die 1958 begann. Und es ist die Geschichte einer Liebe zu der Siedlung am Rande des Dorfes Luhmühlen in der Nordheide, die 1965 ihren Anfang nahm.

Als Schönheitskönigin des Jahres 1957 war die aus Utrecht in Holland stammende Gerti Daub 1958 von Carl-Heinz Hollmann für die "Schaubude" interviewt worden. Sie trug Pumps und einen Pudel unter dem Arm, er trug dick auf. Sei's drum, am 1. Dezember 1958 waren die beiden verheiratet und lebten in der Jenischstraße in Othmarschen, fast sieben Jahre lang. Drei Gründe bewogen das prominente Paar zum Umzug aufs Land: die Schwiegermutter, die vielen Fans und Sohn Nils, der wegen eines Lungenleidens dringend frische Landluft benötigte. In Luhmühlen fanden die Hollmanns einen Bauplatz in einer Siedlung, deren Umfeld an Othmarschen erinnert. Rechts wohnte der Reeder Nielsen, links der Dirigent Müller-Lampertz, und hinten fließt zwar nicht die Elbe, aber immerhin die Luhe. Gerti Hollmann: "Wir waren jung, und wir hatten nicht viel Geld, und weil wir zunächst auch nur eine Zwischenlösung suchten, bis das richtige Bauernhaus gefunden ist, haben wir uns einen amerikanischen Bungalow gebaut." Das war im Jahre 1965. Im Jahre 2004 lebt Gerti Hollmann noch immer in dieser "Zwischenlösung". Sie erinnert sich: "Ich war sicher die schwierigste Bauherrin, die das Unternehmen je hatte. Das Haus sollte eine Klöntür haben, Butzenscheiben, Blumenkästen, einen anderen Grundriß sowieso und natürlich auch andere Farben, als sie im Angebot waren. Wir wollten keine Serienproduktion, sondern ein Haus mit einer eigenen Handschrift. Unsere Nachbarn hatten sich strikt an den Musterhauskatalog gehalten - und als sie sahen, was wir machten, da wollten sie plötzlich alle, was wir haben."

Irgendwie muß die Zeit dann rasend schnell vorangegangen sein, denn aus dem erhofften Bauernhaus ist bis heute nichts geworden. Dafür zeigt der Bungalow nach fast 40 Jahren keine Schwäche, "keine Risse und keine Feuchtigkeit", wie Gerti Hollmann stolz erzählt. "Wir fühlen uns hier so wohl." Das mit dem "wir", das stimmt schon, denn Carl-Heinz Hollmann und seine Sammlerstücke sind in jeder Ecke des Hauses präsent: Fotos und Gemälde, Schiffsmodelle, Karaffen und Pokale von Kaiser Wilhelm II. und dem letzten Zaren - Hollmanns Großvater, Kapitän z. S. Viktor Harder, war Kommandant Seiner Majestät auf Schiff "Lützow" -, dazu Mitbringsel aus aller Welt. Jedes Stück hat seine Geschichte, wie die Kiesel von Kap Hoorn, eine stählerne Bodenplatte der "Queen Elizabeth 2", eine Kohlezeichnung von Loriot.

Mit dem Umzug nach Luhmühlen waren die Hollmanns ihre Schwiegermutter los, der Junge konnte aufatmen, und nur mit den Fans hatten sie weiterhin ihre liebe Mühe. Anfangs kamen fast jeden Tag Busse mit Neugierigen durch die kleine Seitenstraße. "Hier rechts wohnen die Hollmanns", hieß es dann.

Die Hollmanns wohnten bald nicht mehr allein. Nach Sohn Nils kam Tochter Nicole und dann der Esel Jeannie. Auch so eine Geschichte. Gerti Hollmann: "In der Lotterie beim ,Ball der weißen Laterne' der Gräfin Bismarck haben wir einen kleinen Esel als Hauptgewinn gezogen. Das war kurz vor Weihnachten. Wir haben die Rücksitze von unserem VW-Cabrio ausgebaut und den Esel mit offenem Verdeck bei Schnee und Eis vom Hotel Atlantic in die Heide gefahren. Jeannie stand dann erst mal in der Garage, bis der Misthaufen riesengroß war. Mit Hilfe von Oberförster Zacharias haben wir dann einen Stall im Garten gebaut. Später kamen noch Ponys und Pferde dazu."

Im Dorf gab es natürlich manches Gerücht über die vornehmen Leute aus der Stadt. Gerti Hollmann: ",Ach', hieß es im Dorf, ,das ist ja die Miß Germany, die läuft wohl den ganzen Tag mit dem Staubwedel durch die Wohnung und schminkt sich.' Oberförster Zacharias hat geantwortet: ,An der Frau Hollmann, an der könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen, die macht alles allein in Haus und Garten!' Das stimmt ja auch. Ich habe den gesamten Garten angelegt, Birken gefällt, Erdhügel aufgeschüttet, Blumen und Büsche gepflanzt, geackert und gegraben. Meine Lieblingsblumen wachsen hier am besten. Baccarat-Rosen." Dann blickt sie einen Augenblick versonnen vor sich hin und fügt hinzu: "Calli hat mir jedes Jahr zum Geburtstag einen Strauß Baccarat-Rosen mit weißem Flieder geschenkt."

Bei ihrer Arbeit förderte sie Merkwürdiges ans Licht. An den Tag, an dem Gerti Hollmann den ersten Totenschädel aus ihrem Garten grub, erinnert sie sich noch genau. "Da waren nicht nur Schädel, sondern ganze Skelette. Ziemlich gruselig. Noch heute finde ich manchmal Knochen. Die Sache hat sich dann schnell geklärt. Die Leute vom Helms-Museum waren hier und haben festgestellt, daß die Alte Salzstraße von Lüneburg nach Rotenburg genau durch unseren Garten führte und anschließend durch eine Furt der Luhe. Auf dem Hügel neben der Luhe hat man damals seine Toten begraben. Auf deren Gebeine war ich gestoßen." In der gleichen Gegend haben die Hollmanns auch die Gräber für ihre vierbeinigen Begleiter angelegt, bislang 13 Katzen. Die vierzehnte, der Kartäuser-Kater "Sir James", ist intelligent wie ein Hund und erfreut sich derzeit bester Gesundheit.

Wenn draußen die Blätter fallen, wie es scheint vorzugsweise in den Swimmingpool, dann macht es sich Gerti Hollmann in ihrem Bungalow so richtig gemütlich. Der Kamin knistert, auf dem Tisch steht ein Glas Rotwein, Schränke und Borde biegen sich unter Glas und Porzellan, riesige Seidenblumensträuße erinnern an den Sommer, und in die kissenbeladenen Sofas gekuschelt, lassen sich auch trübere Zeiten einigermaßen erträglich abpolstern. Mal mehr, manchmal weniger. Die Frage, wie es weitergehen soll - jetzt, ohne Calli -, belastet sie zusehends. "Ich muß mich ganz neu arrangieren", erzählt sie, "ich habe mich in die Arbeit gestürzt und bin kaum noch vor die Tür gekommen." Manchen Tag sitzt sie im "Cockpit", so nannte ihr Mann das Büro, von dem aus sie die Familie organisierte und versucht, den Faden des Lebens neu aufzunehmen. Sie sagt: "Luhmühlen ist meine Insel. Ich brauche die Luft, ich brauche die Erinnerungen, ich kann mir gar nicht vorstellen, in die Stadt zu ziehen."

In Hamburg ist sie natürlich regelmäßig. Der Stein auf dem Grab ihres Mannes auf dem Friedhof von Nienstedten fehlt noch. Da sind so viele Vorschriften zu beachten. Aber wie das Grabmal aussehen soll, das weiß sie schon genau. Callis Name wird darauf stehen, die Geburts- und die Sterbedaten und in großen Lettern: "True Love" - wahre Liebe.

Die Liebe Gerti Hollmanns zu ihrem Mann, die Liebe zu ihrem gemeinsamen Haus auf dem Land, die Geschichte dieser Lieben ist noch lange nicht zu Ende.

Ender der Serie