Krabbenfang

Krieg ums Krustentier: Tiefe Preise und kleiner Fang

Foto: Ingo Röhrbein

Weil zwei Großhändler die Preise drücken, geraten deutsche Krabbenfischer in Existenznot. Das große Feilschen auf einem millionenschweren Markt.

Büsum. Zwischen Wasser und Kühltheke liegen sechs Tage und Tausende von Kilometern. Die erste Etappe davon haben die Nordseekrabben schon hinter sich, wenn die "Jonas" mit einem sanften Tuckern an der Kaimauer des Büsumer Hafens anlegt. In großen weißen Kisten liegen sie im gekühlten Bauch des Kutters. Hunderttausende sind es, was viel klingt, tatsächlich aber nur eines ist: viel zu wenig.

In grünen Gummistiefeln und blauem Arbeitszeug steht Niels Friedrichsen an Deck. Anderthalb Tage war er jetzt auf See und ist mit seinen Netzen über den Meeresboden gepflügt. Hat die Krabben direkt an Bord sortiert, gewaschen, abgekocht und eingelagert. Bei Wind, Regen oder Sonnenschein, bei ruhiger See und Wellengang. Das braucht Kraft - und eine gehörige Portion Idealismus.

Zum Pulen geht es Tausende Kilometer quer durch Europa bis nach Marokko

Im Grunde ist es bei den Krabbenfischern wie bei allen anderen Jobs: Es gibt die guten Tage - und es gibt die weniger guten. Für Niels Friedrichsen, 30 Jahre jung, haben die weniger guten längst überhandgenommen. Schon im dritten Jahr in Folge läuft es jetzt so schlecht, dass aus einer diffusen Sorge konkrete Existenzängste geworden sind. "Noch mal", sagt Friedrichsen, "würde ich mir diesen Job nicht aussuchen." 52 Kisten mit je 18 Kilo frischer Krabben wird er heute an den holländischen Großhändler Klaas Puul verkaufen. Das ist sein gesamter Fang. "70 Kisten müssten es mindestens sein", sagt er, "sonst lohnt sich die Ausfahrt kaum." Im Kern liegt das an den niedrigen Preisen, die die Fischer für ihre Krabben bekommen. Früher gab es für ein Kilo Krabben etwa vier Euro, jetzt muss Friedrichsen mit 2,50 Euro rechnen. Genau weiß er das aber erst, wenn Klaas Puul das wöchentliche Fax mit der Summe verschickt, die das Unternehmen zahlen wird. Drei Euro, so viel braucht Friedrichsen mindestens, damit sich die Ausfahrt lohnt. Die Fischer feilschen um Centbeträge. Der Markt allerdings ist millionenschwer.

Kontrolliert wird er von zwei holländischen Großhändlern. Mit einem Jahresumsatz von geschätzten 180 Millionen Euro ist Klaas Puul der kleinere von beiden. Zweiter Part der Doppelspitze ist das Unternehmen Heiploeg. 14 Millionen Kilo Krabben soll es pro Jahr aufkaufen und dabei rund 300 Millionen Euro erwirtschaften. Zusammen kommen Klaas Puul und Heiploeg auf einen Marktanteil, der sich zwischen 80 und 90 Prozent bewegt.

Es riecht nach Diesel, als Niels Friedrichsen die weißen Krabbenkisten mit einem Kran aus dem dunklen Schiffsrumpf an Land hebt. Ein Gabelstapler bringt sie direkt in die Büsumer Niederlassung von Klaas Puul. Keine 5000 Einwohner hat das Nordseestädtchen, dafür ein Vielfaches an Gästebetten und noch mehr Touristen, die Büsum jedes Jahr zum wichtigsten Urlaubszentrum in Dithmarschen machen. Es ist vor allem das Wattenmeer, das zieht, aber auch das maritime Flair und die vielen Fischbuden, die in Hafennähe kaum noch zählbar sind. 3,50 Euro kostet hier ein Krabbenbrötchen. Im Großen und Ganzen ist das nicht mehr oder weniger als in Hamburg, Berlin oder Castrop-Rauxel.

Eigentlich müssten die Fischbudenbesitzer in Büsum einfach nur ihre 20, 50 oder 100 Meter zum Hafen gehen und sich die Krabben direkt von den Schiffen holen. Das wäre logisch. Tatsächlich aber werden die Kisten mit einem LKW quer durch Europa gefahren und nach Marokko verschifft. In großen Hallen werden die Krabben hier von Hand gepult - und dann geht es zurück. Das ist Globalisierung. "Früher", sagt Niels Friedrichsen, "wurde in Polen gepult. Aber seit dem EU-Beitritt sind die Lohnnebenkosten dort so stark gestiegen, dass sich das nicht mehr lohnt." Deshalb Marokko - mit einer Ersparnis von rund 15 Prozent. Pulmaschinen gelten als zwecklos. Zwar hat jede Krabbe zehn Füße und zwei Fühler, ist aber äußerst unbeständig in ihrer Länge.

Rund 250 Krabbenkutter gibt es in Deutschland. Ein Teil davon wird von den Vertragsfischern wie Niels Friedrichsen betrieben, die ihren Fang an einen Händler weiterverkaufen. Der Rest bietet seine Ware auf Auktionen an. Die meisten Fischer sind Einzelkämpfer oder kleine Familienbetriebe, besitzen nur einen Kutter, höchstens zwei. Im Gegensatz zu den Holländern haben es die meisten Deutschen verpasst, rechtzeitig zu investieren, eine eigene Industrie aufzubauen. Die Probleme sind deshalb auch hausgemacht.

Dass die Preisspirale seit Jahren abwärts geht , liegt aber auch am stetig wachsenden Fischhunger der Europäer. Denn neben dem Fressfeind Mensch fällt die Nordseekrabbe normalerweise auch Kabeljau und Wittling zum Opfer - doch deren Bestände sind stark geschrumpft. Das liegt an der massiven Überfischung der Nordsee, aber auch am Anstieg der Wassertemperatur, der die Fische vertreibt. "Im Moment gibt es Unmengen von Krabben", sagt Dirk de Beer. Er ist der größte Krabbenhändler in Deutschland, jedoch klein im Vergleich zu den Holländern Heiploeg und Klaas Puul. Schon die Preise der Großen sind meist nahezu identisch und de Beer muss sich in diesem Punkt anpassen. Der Preiskampf tobt - auch am anderen Ende der Handelskette.

"Vor allem die Discounter, die alles unschlagbar günstig haben wollen, machen Druck", sagt de Beer. Dass die Preise der Krabbenhändler so nah beieinanderliegen und den Wettbewerb in die Knie zwingen, hat die Kartellbehörden der Europäischen Union auf den Plan gerufen. Sogar Razzien hat es gegeben. Noch ist das Verfahren offen, Auskünfte unmöglich.

"Das Problem", sagt Händler de Beer, "sind die freien Fischer, die ihren Fang auf den Auktionen für weniger als zwei Euro verkaufen." Da sei es unternehmerisch unklug, seinen Kuttern Preise von über drei Euro zu garantieren, wenn die Konkurrenz woanders für deutlich weniger einkaufen kann. "Das Problem", sagt Fischer Friedrichsen dagegen, "sind die Holländer mit ihren großen und gut ausgestatteten Schiffen." Die können nicht nur in die tieferen Gewässern vordringen, sondern mit modernster Technik deutlich mehr Krabben aus dem Meer holen.

Streik funktioniert nicht - wer nicht rausfährt, bekommt auch kein Geld

Friedrichsen und viele der kleinen deutschen Betriebe können da einfach nicht mithalten. "Bei uns drücken die Händler die Preise dann bis zur Schmerzgrenze", sagt er. Ab und zu wehren sie sich mit Streik, stecken dann aber im Dilemma: Fahren sie nicht raus, haben sie keine Krabben. Und ohne Krabben gibt es kein Geld.

Dirk de Beer hat seinen Schreibtisch im Hauptsitz seines Geschäfts in Greetsiel, tiefstes Ostfriesland, die holländische Grenze in Sichtweite. Hier unten beginnen die Krabbenschwärme im Frühjahr mit ihrer Wanderung. Kommen sie an der Schleswig-Holsteinischen Küste an, sind viele Tiere bereits abgefischt. Niels Friedrichsen bleibt da nichts anderes übrig, als resigniert mit den Schultern zu zucken und sich mit dem Rest zu begnügen. "Die Natur ist da einfach gegen uns."

Friedrichsen wurde das Krabbenfischen quasi in die Wiege gelegt. Schon in vierter Generation ist seine Familie mit diesem Beruf verwoben, auch seine Brüder haben ihre eigenen Kutter, der Vater fährt mit seinen 61 Jahren noch immer aufs Meer. Um sich für seine Zunft einzusetzen, ist Friedrichsen seit 2009 Vorsitzender des Landesverbandes der Schleswig-Holsteinischen Krabbenfischer, zu der rund 60 Kutter gehören. Er hat Briefe nach Kiel und Berlin geschickt - vergeblich.

Friedrichsen hat eine Ehefrau und zwei Kinder. Von allen hängen Fotos im Führerhäuschen seines Kutters. Elena ist erst ein paar Monate alt, sein Sohn Jonas wird vier. Kutter "Jonas" hingegen ist Baujahr 1980 - und ist damit vergleichsweise jung. "Wir sind eine Museumsflotte", sagt Friedrichsen, "aber es ist nun mal kein Geld da für Investitionen." Wann immer er zu einer Fangtour aufbricht, hofft er, dass nichts auseinanderfällt. "Eine Reparatur geht gleich in die Zehntausende und ist unmöglich zu stemmen."

Sein Liegeplatz im Büsumer Hafen ist der Poller mit der Nummer 72. Direkt daneben, ebenfalls vor der Kühlhalle von Klaas Puul, liegt ein noch älterer Kahn. Über 40 ist er, noch aus Holz, aber leuchtend orange getüncht. Sein Name lautet "Hoffnung".

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