Heiligendamm: Hoffen auf reiche Familien

Schatten auf der "Weißen Stadt am Meer"

Nach den Querelen um das Grand Hotel: Fundus-Chef Jagdfeld setzt auf Kultur, Vitalmedizin sowie Spiel und Spaß für Kinder.

Heiligendamm. Das Grand Hotel Heiligendamm ist ein dicker Brocken für Anno August Jagdfeld (62), den großen Immobilienfinanzierer und Chef der Fundus-Gruppe. Noch ist nicht klar, ob er sich an diesem Projekt verhoben hat.

So glanzvoll der G8-Gipfel im Juni 2007 war, so negativ sind die Schlagzeilen über das Vorhaben, die "Weiße Stadt am Meer", Deutschlands erstes Seebad (1793), wieder auferstehen zu lassen.

Letzte Woche musste das Land Mecklenburg-Vorpommern für die Heiligendamm Grand Hotel GmbH eine Bürgschaft über vier Millionen Euro übernehmen. Dann kam an die Öffentlichkeit, dass es angeblich viele offene Rechnungen der Entwicklungs Compagnie Heiligendamm (ECH) bei der Stadt Bad Doberan gebe. Die Stadt ist klamm und forderte bereits vor der Jahreswende die Zahlung von 500 000 Euro für eine Erschließungsstraße sowie höhere Pacht für die Prof.-Dr.-Vogel Straße in Heiligendamm, bestätigt Fundus-Sprecher Christian Plöger. Aber darüber würden Gespräche geführt. "Wir wollen bei dem guten Stil bleiben, dass sich die Vertragspartner zusammensetzen und eine Lösung finden", sagt Plöger. "Wir sind verwundert, dass die Dinge öffentlich diskutiert werden."

Erst im Mai hatte die Stadtvertretung zwei Bauanträge für die Restaurierung der Villen in der Perlenkette gestoppt. Im Februar schon war Knall auf Fall die Hotelkette Kempinski aus dem Management des Grand Hotels ausgestiegen. Kein gutes Omen für die rund 1850 Anleger, die ihr Geld in den Fundus-Fonds 34 gesteckt haben. Wohl oder übel mussten sie einer Kapitalerhöhung von rund 40 Millionen Euro zustimmen. Das Geld wird gebraucht, um einen Kredit abzulösen und um das lange geplante Thalasso- und das Ayurvedazentrum zu bauen. Seinen Anlegern (Mindestbeteiligung damals 100 000 Mark) hatte Jagdfeld so viel mehr versprochen, als er bislang halten konnte.

Was treibt diesen Mann? Es ist der Traum von Ruhe, Muße und Zeit an diesem historischen Ort. Der Mann, der diesen Traum verwirklichen möchte, sieht nicht gerade aus wie ein Grandseigneur, eher wie ein Studiendirektor. Weißhaarig, sehr englisch in Tweedjackett und kariertem Hemd. Unkonventionell sind nur seine ausgetretenen braunen Lederschuhe.

Er stammt aus Jülich bei Aachen, katholisches Rheinland. Der Vater, früh gestorben, hat mit Möbeln gehandelt, der Großvater war noch Schreiner. Jagdfeld besuchte die Klosterschule der Salesianer. Von daher, so heißt es, rühre seine Liebe zu Schöngeistigem und zur Philosophie. Wenn er spricht, dann mit leiser Stimme und rheinischer Färbung, knapp und trocken. Nur bei Fragen zur Finanzlage mancher Fonds oder zu angeblichen Mietrückständen seiner Adlon-Holding, da werden Jagdfelds Augen hinter der randlosen Brille kleiner, der Blick starr. Er sortiert die Argumente, man sieht es förmlich. Dann wird erklärt, korrigiert, auf die Zukunft vertröstet. "Es geht im Immobiliengeschäft immer in Zyklen. Zurzeit ist die Lage im Hotelbereich nicht so gut. Man kann nur mit Geduld Geld verdienen." Genau das mögen manche Anleger nicht mehr hören. "Heiligendamm ist eine so komplizierte und vielschichtige Projektentwicklung", sagt der Mann, der in mehr als 30 Jahren eines der größten Immobilienunternehmen Deutschlands aufgebaut hat.

Mit Holger König (38) hat er Ende April einen neuen Hoteldirektor verpflichtet, der pikanterweise von Kempinski kommt. König soll mit 310 Angestellten die Auslastung von gegenwärtig 45 Prozent auf 55 bis 65 Prozent im nächsten Jahr steigern. "Die Konzentration auf den voll zahlenden Gast ist das Richtige." Zielgruppe sind "die schicken, reichen, jungen Eltern mit ihren Kindern, die aus Hamburg und Berlin anreisen." Schon heute kommen 45 Prozent der Gäste aus Hamburg.

Vor allem aber will Jagdfeld einem großen und erfolgreichen Vorbild nacheifern: dem Familienhotel Schloss Elmau, Fünf-Sterne-Luxusresort nahe der Zugspitze mit einer Auslastung von 80 Prozent.

"Wir haben hier einen Kindergarten." Ein eigenes Haus mit Erzieherinnen steht zur Verfügung. Hinzukommen sollen noch ein Bolzplatz, ein Irrgarten. Im Angebot sind Fahrradtouren, Segeltörns, im Sommer eine Zirkusschule. Es gibt Ausflüge in die Wälder und auf sein Öko-Gut Vorder Bollhagen.

Die Eltern können auf einem der schönsten Plätze mit 27 Löchern golfen. "Bei jedem Abschlag sieht man auf die Ostsee." Der Golfplatz und das Gut gehören der Familie Jagdfeld.

Es gibt die Pferderennbahn in Bad Doberan, deren Rennverein ist allerdings insolvent. "Aber das Rennen geht weiter", sagt Jagdfeld. Auch mit Unterstützung des Grand Hotels. "Die drei spektakulärsten Polofelder Deutschlands liegen mitten im Geläuf", schwärmt er dann. "Wir werden auch mit Polo beginnen."

Der Literaturwissenschaftler Andreas R. Fritz aus Schwerin wurde Anfang des Jahres als Kulturdirektor verpflichtet. Der muss jetzt ein Programm mit 180 Veranstaltungen im Jahr zusammenstellen: Lesungen, Konzerte, Theater, auch Jazz an der Bar. "Wir haben viele Künstler an der Hand." Auch mit den Musikfestspielen Mecklenburg-Vorpommern werden Gespräche geführt.

Geht noch mehr? Ja. "Wir werden im Herbst mit einer besonderen Sache kommen: Vitalmedizin." Die Familie Jagdfeld betreibt schon eine Privatklinik in Berlin. "Wir wollen demnächst auch eine Jagdschule anbieten. Dann bleiben die Leute vier Wochen hier, wenn sie einen Crashkursus machen." So viele Felder will er auf einmal bespielen, wird das nicht unübersichtlich? "Das war immer so in meinem Leben, dass ich viele Sachen inszeniert habe", resümiert Jagdfeld. Undurchschaubar ist das mitunter für Außenstehende und Anleger geblieben. Aber so ist das bei gewieften Finanzjongleuren, die wie er Steuerberater und Wirtschaftsprüfer gelernt haben.

Das Handy klingelt. Hannibal ist dran. Der Zehnjährige und mit Abstand jüngste seiner fünf Söhne. Er will die Tennisstunde ausfallen lassen. Geht nicht, sagt sein Vater, der Trainer sei extra engagiert worden. Seine Söhne Julius und Nikolaus sind an verschiedenen Stellen des weit verzweigten Unternehmens postiert. Seine Frau Anne Maria sorgte für die Innenausstattung aller sechs Häuser des Hotel-Ensembles und die Gartenanlage. Rasen, Buchs und weiße Rosen. Alles hinter einem 85 Zentimeter niedrigen Zaun. "Wir sind jetzt eine geschlossene Anlage, haben nicht mehr 3000 Fahrradfahrer auf dem Gelände wie anfangs, als der Hotelbereich noch offen war", erläutert Jagdfeld. So sei es unmöglich gewesen, das Hotel zu führen. Aber gerade dieser Zaun sorgt für Empörung bei einigen der rund 300 Bewohner von Heiligendamm. Sie fühlen sich ausgeschlossen und sehen in Heiligendamm bald einen toten Ort. Um sie eines Besseren zu belehren, erscheint seit Mai monatlich kostenlos die Zeitung "Zukunft Heiligendamm". Wenn es keine Zukunft gäbe, müsste das Hotel schließen, die Villen würden weiter verfallen, mehr als 300 Arbeitskräfte würden entlassen, ein Leuchtturmprojekt für das Land ginge verloren.

Immer wenn es eng wird, geht Anno August Jagdfeld zum Gedenkstein für Friedrich Franz I. neben dem Hotel und schöpft dort neue Kraft. "Als der Stein 1843 von seinem Ururenkel aufgestellt wurde, war das Grand Hotel noch nicht vollständig ausgebaut." Es hat 80 Jahre gedauert, bis der Bau 1873 vollendet war. Das tröstet ihn, und er schaut hinaus auf die Ostsee. "Sehen Sie die Schiffe dort hinten? Glauben Sie, dass ein Schiffsbeteiliger in diesem Jahr eine Ausschüttung erhalten wird?"