Akute Gefahr besteht nicht

6000 Granaten mit Nervengift vor Helgoland gesucht

Die schleswig-holsteinische Regierung fahndet in der Nordsee vor Helgoland nach 6000 Giftgranaten. Ein Spezialschiff des Hamburger Bundesamtes für...

Helgoland. Die schleswig-holsteinische Regierung fahndet in der Nordsee vor Helgoland nach 6000 Giftgranaten. Ein Spezialschiff des Hamburger Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie werde den Meeresgrund in etwa einem Monat absuchen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Die Granaten waren 1949 etwa 2,5 Seemeilen südlich Helgolands versenkt worden und enthalten im schlimmsten Fall mehr als zehn Tonnen des hochgiftigen Nervenkampfstoffs Tabun.

"Es besteht keine akute Gefahr", sagte Helgolands Bürgermeister Frank Botter. Diese Einschätzung wird von Munitionsexperten in Kiel geteilt. Das Innenministerium weiß bereits seit 1980, dass der niedersächsische Kampfmittel-Beseitigungsdienst Ende der 40er-Jahre vor Helgoland Kriegsmunition entsorgt hatte. Die Granaten galten aber als relativ ungefährlich. Grund: Die Geschosse sollen "unbemalt" gewesen sein. Giftgranaten haben eine Farbmarkierung.

Für die Wende im Granaten-Fall sorgte der Meeresbiologe Stefan Nehring. Der Experte für Kriegsmunition in Nord- und Ostsee fand laut NDR1 Welle Nord in niedersächsischen Akten einen Bericht über die Helgoland-Aktion. Demnach hatte das Küstenmotorschiff "Anna" vor 59 Jahren Tausende Granaten mit "Kampfstoffen" geladen, als es in Begleitung des Polizeibootes "N5" Richtung Helgoland schipperte.

Nehring wirft den Behörden schwere Versäumnisse vor. Sie hätten seit Jahren von den Granaten gewusst "und bis heute nicht einmal nachgeschaut". Die Granaten könnten explodieren. In so einem Fall könnte über der Wasseroberfläche eine "Giftwolke" entstehen. Tabun ist farblos und schon in kleinsten Mengen tödlich. Selbst wenn die Granaten entdeckt werden sollten, ist es unklar, ob sie geborgen werden. Das Innenministerium erinnerte an Empfehlungen der Helsinki-Kommission. Demnach ist das Risiko am geringsten, wenn versenkte Tabun-Geschosse in Ruhe weiter auf dem Meeresgrund schlummern.