Integration: Mitten in der holsteinischen Provinz steht die größte Moschee Norddeutschlands vor der Vollendung

Minarette über Rendsburg - kaum einer regt sich auf

Moslems wollen raus "aus den Hinterhöfen". Auflagen für die Lautstärke des Muezzin-Rufes.

Rendsburg. Über die roten Backsteinfassaden erheben sich die Minarette schon aus der Ferne, die blanken Spitzen im novembertrüben Himmel. "So ein Gebäude erwartet man hier nicht. Das ist schon gewöhnungsbedürftig", sagt Andreas Breitner, SPD-Bürgermeister in Rendsburg. "Aber wir sind eben tolerant und weltoffen." Zwei Türme, die große Kuppel, Fenster mit runden Bögen, ein Arkadengang - alles in lichtem Gelb mit akkurat geschwungenen Maurerintarsien. Ein bisschen Tausendundeine Nacht in der schleswig-holsteinischen Provinz. Nicht ganz. Hier, mitten in einem farblosen Wohnquartier zwischen Gymnasium, Altenheim und Bahngleisen baut das Islamische Zentrum Rendsburg die größte Moschee des Nordens. Kaum einer regt sich auf.

Während in Köln, München oder Berlin sich die Auseinandersetzungen über Moscheeneubauten zum Kulturkampf hochschrauben, bleibt in Mittelholstein alles ruhig. "Ich freue mich, dass die Moslems bei uns eine Heimstatt gefunden haben", betont Stadtoberhaupt Breitner. Und die Mehrzahl seiner 30 000 Rendsburger sieht das ähnlich. "Ich habe damit kein Problem. Warum sollen die nicht ihren Glauben ausüben", meint Nachbar Willi Kienaß, ein ehemaliger Seemann. Eine junge Mutter deutsch-tunesischer Abstammung, die gerade den Kinderwagen vorbeischiebt, sagt: "Ich finde es okay, zumal die Moschee ja auch etwas Besonderes geworden ist."

"Wir bauen seit acht Jahren", sagt Ramazan Mutlu, "das meiste in Eigenarbeit." Mit schnellen Schritten durchmisst der Vorsitzende des Islamischen Zentrums den großen Raum im Erdgeschoss. "Das soll einmal ein Laden werden", sagt er. Noch ist es eine Baustelle. Riesige Teppichrollen liegen dort, es gibt Türzargen aus feinem Holz, an einer Seite stehen die Deckenleuchter - aus der Türkei importiertes Inventar für den Gebetsraum im ersten Stock. Und da öffnet sich dann eine andere Welt: Reich verzierte Kacheln und Koran-Verse in arabischer Schrift schmücken den hohen Saal. Darüber wölbt sich die fein ausgemalte Kuppel. "Unten ist Platz für 200 Männer, auf der Galerie sind die Frauen", sagt Mutlu. Die Islamische Gemeinde Rendsburg hat etwa 100 Mitglieder.

Dazu gehören Männer wie Yusuf Ibrahimmoglu, der vor 37 Jahren als Betonbauer aus der Türkei nach Deutschland kam und ohne den die Moschee wahrscheinlich nie fertig würde. Oder Mahmut Culuk, der in Rendsburg geboren wurde und für Technik und Internetpräzenz zuständig ist. "Das hat sich so entwickelt", sagt er zu dem 1200-Quadratmeter-Bau mit traditionellen türkischen Einflüssen. Von den Anfängen der Moschee 1998, als Ahmet Yazici das Grundstück auf der Grenze zwischen Rendsburg und Büdelsdorf für die Islamische Gemeinde kaufte. "Wir wollten eine zentrale Institution für die Region", sagt der frühere Rendsburger, der heute erfolgreicher Geschäftsmann in Hamburg ist und stellvertretender Vorsitzender des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland (BIG), das laut Hamburger Verfassungsschutz "fest in das hierarchische Organisationsgefüge der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs eingebunden ist". Milli Görüs steht für eine ultraorthodoxe Tradition des Islam und versucht, hierzulande eine Parallelgesellschaft aufzubauen. "Es gibt ja die Forderung, dass die Muslime aus den Hinterhöfen rauskommen und sichtbar werden", sagt dagegen Yazici zu den Bestrebungen an vielen Orten der Republik, neue Moscheen zu bauen. Gerade haben sich sowohl die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann als auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken für den Bau von Moscheen ausgesprochen.

Zur Rendsburger Grundsteinlegung 1999 kamen auch die evangelischen Pastoren. "Es gibt eine gute Nachbarschaft", sagt Henning Halver, Ökumene-Pastor des Kirchenkreises. Dass man sich in einer Kleinstadt wie Rendsburg kennt, sei wohl einer der Gründe für die gegenseitige Akzeptanz. Auch dass die neue Moschee nicht nur Betraum, sondern auch Gemeindezentrum sein soll, mit Bereichen für Jugendliche und Frauen, einer Koranschule, vielleicht einem Kindergarten. Macht das Angst? "Wir müssen aufpassen, dass sie sich nicht abschotten", meint Halver. "Jeder kann kommen, wir sind für alle offen", betont der Rendsburger Gemeindechef Mutlu. 800 000 Euro hat der Bau gekostet, finanziert ausschließlich mit Spenden. "Die meisten kamen von außerhalb, auch aus Dänemark und Belgien." Derzeit sucht die Gemeinde einen Imam. Ein Antrag bei der Ausländerbehörde ist bereits gestellt. Denn, so Vorstandsmitglied Yalcin Pural: "Wir wollen nächstes Jahr eröffnen." Ob dann die Stimme eines Muezzins von den Minaretten zum Gebet ruft, ist noch unklar. "Wahrscheinlich eher eine elektronische Stimme", sagt Techniker Culuk. Schon jetzt gebe es wegen der Lautstärke Auflagen von der Baubehörde. Die Gebetsrufe treiben inzwischen auch die Anwohner um. "Wir hoffen, dass es nicht so laut wird", sagt Anwohner Karl-Heinz Schliszio. Und auch bei Bürgermeister Breitner haben sich jetzt kurz vor Fertigstellung Bürger gemeldet, die fragten, ob die Moschee denn so groß sein müsse. "Wir haben alles im rechtlichen Rahmen genehmigt", betont Breitner. "Wenn Wünsche darüber hinausgingen, haben wir es abgelehnt." Dabei ging es um die Höhe der Minarette. "Die Muslime wollten gern noch ein paar Meter mehr."