Alt Rehse: Bürger sollen über Verkauf von Ex-Nazi-Musterdorf entscheiden

Erinnern oder Vergessen?

Drei Kaufgebote liegen vor - für eine Gedenkstätte oder alternatives Wohnen. Bürgermeister für Kompromiss.

Alt Rehse. Die Gemeindevertretung des 350-Seelen-Dorfes Alt Rehse (Müritzkreis) soll heute über den Verkauf einer strittigen Immobilie entscheiden - und damit auch darüber, wie sie mit ihrer Geschichte als ehemaliges Nazi-Musterdorf künftig umgehen will. Erinnern oder Vergessen?

Zum Verkauf steht das sanierungsbedürftige Gutshaus, das an den Park der ehemaligen "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft" angrenzt. Dies war eine ideologietragende Einrichtung der Nationalsozialisten, die einzige ihrer Art. Von 1935 bis Ende 1942 wurden hier rund 40 000 Mediziner zum "Arzt als Führer" im Sinne der NS-Rassenlehre erzogen. Drei Kaufgebote liegen jetzt vor.

Der Bundesverband jüdischer Ärzte und Psychologen, so ihr Vorsitzender Roman Skoblo, ist bereit, für das Gutshaus den Verkehrswert von 43 000 Euro zu zahlen. "Es ist das letzte verbleibende Stück authentischer Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Das muss erhalten bleiben", sagt Skoblo.

Aus gleichem Antrieb bietet auch der 2001 gegründete Verein für die Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse für die geschichtsträchtige Immobilie und will dort ein internationales Zentrum für medizinische Ethik einrichten. Bereits jetzt hat der Verein eine Ausstellung zur Rolle der Medizin in der Nazi-Zeit im Gutshaus eingerichtet.

Mitbewerber und Konkurrent ist der seit 2006 privat betriebene Tollense-Lebenspark in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Gründer der Gruppe um den Wirtschaftsjuristen und Banker Bernhard Wallner kennen sich aus der Artabana-Bewegung. Das ist eine aus der Schweiz stammende Idee einer Solidargemeinschaft, die sich als Alternative zu herkömmlichen Krankenkassen versteht. 25 Erwachsene und sechs Kinder leben nach eigenen Angaben auf dem 65-Hektar-Parkgelände. Es soll eine ökologisch ausgerichtete Bewirtschaftung und ein alternatives Gesundheitszentrum aufgebaut werden. Diese Woche etwa wird ein Fastenkursus angeboten, am letzten Oktoberwochenende ging es um "Schamanische Weisheit und Energiearbeit". Zwei gegensätzliche Interessengruppen, die die Gemeinde vor eine Zerreißprobe stellen. Groß scheint das Bedürfnis, endlich aus den Schlagzeilen zu kommen. "Warum sollen diese sieben Jahre die Zukunft unseres kleinen Dorfes bestimmen?", fragen einige.

"Uns wäre es am liebsten, beide Bewerber würden zusammenarbeiten", sagt Martin Aug, parteiloser Bürgermeister von Alt Rehse. Platz genug biete das grau verputzte Haus, das zu DDR-Zeiten als Gemeindebüro und Kindergarten diente.

Für Kooperation sieht zumindest Roman Skoblo wenig Möglichkeiten. "Die Ziele der Lebenspark GmbH & Co. KG sind mit unseren Konzepten und Zielen in keiner Weise vergleichbar", erklärte er in Berlin. Sein Verband sehe Alt Rehse als Ort, "der für eine Entwicklung in der Geschichte der Medizin Deutschlands steht, die uns in ihrer unvorstellbaren Grausamkeit bis heute zu beschäftigen hat".

Wallner hat nun angekündigt, er wolle im Gutshaus die Ausstellung "Der Wert des Menschen", die von 1918 bis 1945 reicht und 1989 im Auftrag der Ärztekammer Berlin erarbeitet wurde, unterbringen. Die Dauerausstellung könne der Grundstock für ein Museum sein. Einzelheiten wollte Wallner nicht verraten. Skoblo ist irritiert. "Diese Ausstellung ist völlig überholt. Sie hat keinerlei Bezug zu dem, was in Alt Rehse passiert ist."

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