Familiendrama: Streit um Lebenswandel

Vater erstach ältesten Sohn mit Küchenmesser

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Timo Jann

Getöteter (22) war eines von elf Kindern. 59-jähriger Vater gilt als streng religiös mit ausgeprägtem Missionsdrang. Er soll Sohn als "Judas" beschimpft haben.

Ratzeburg. Tödliches Familiendrama in Ratzeburg: Ein 59-Jähriger hat am Dienstagabend in einem Streit seinen 22 Jahre alten Sohn mit einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser erstochen. Der Vater, den Polizisten kurz nach den ersten Notrufen widerstandslos festnehmen konnten, hat die Tat mittlerweile gestanden, schweigt aber zu den näheren Hintergründen, erklärte Detlef Riedel, der Sprecher der Mordkommission Lübeck, gestern. Die Spurensicherung vor Ort ist inzwischen abgeschlossen, die Ermittlungen laufen.

Das 22 Jahre alte Opfer war das älteste von elf Kindern der betroffenen Großfamilie, die seit 1988 in Ratzeburg wohnt und aus Bayern stammt. Der gestorbene junge Mann lebte zuletzt in Lübeck, war in Ratzeburg nur zu Besuch in dem Mehrfamilienhaus in der Vorstadt, in dem die Familie K. zwei Wohnungen bewohnt. Der 59-jährige Karl K., der bei der Bundespolizei gearbeitet hatte, gilt unter Nachbarn als streng religiös und würde unter einem "Missionsdrang" leiden, heißt es vor Ort. Sein ältester Sohn soll jedoch nicht so gläubig gewesen sein.

Ob das der Grund für den Streit war, konnte die Polizei bisher nicht klären. Karl K. soll seinen Sohn nach Angaben von Nachbarn wegen dessen Lebenswandel sogar "Judas" genannt haben. Lauter Streit und Tätlichkeiten seien aus den Wohnungen der Familie oft zu hören gewesen.

Auch Mitarbeiter der evangelischen St.-Ansverus-Gemeinde nannte Karl K. "Heuchler". "Am liebsten hat er selbst missioniert, er hätte hier am liebsten auch alles selbst in die Hand genommen", berichtete gestern eine geschockte Mitarbeiterin der Gemeinde. "Er war überall bekannt, aber gekannt hat ihn niemand. Uns ist nie klar geworden, was er mit seinen Auftritten bezwecken wollte", sagte sie. Karl K. wurde während früherer Predigten sogar aus der Kirche gewiesen, weil er mit Zwischenrufen immer wieder gestört hatte. Danach hatte er sich den Ratzeburger Baptisten angeschlossen. Die Familie lebte sehr isoliert, der Vater verteilte Zettel mit Bibelsprüchen an Passanten und Nachbarn. Ständig habe er über Gott gesprochen, wird erzählt.

Was genau am Dienstagabend in dem Mehrfamilienhaus an der Mecklenburger Straße passiert ist, ermittelt jetzt die Polizei. Der 22-Jährige war gegen 16.30 Uhr nach dem Streit mit seinem Vater um Hilfe rufend mit schweren Verletzungen auf die Straße gelaufen und hatte blutüberströmt bei Nachbarn an der Tür eines Reihenhauses geklingelt. Dort brach er dann auf einem Gehweg zusammen. Der sofort alarmierte Notarzt konnte ihn nicht retten. Er starb während der Wiederbelebungsversuche.

Der Jugendnotdienst des Kreises hat die Betreuung der geschockten Familienangehörigen übernommen. Fassungslos sind auch die Nachbarn in den roten Backsteinhäusern. Der 59-Jährige sei immer nett gewesen, habe manchmal sogar einfach so einen ausgegeben. Dann sei er allerdings immer gleich mit dem Glauben gekommen. Karl K. wurde gestern auf Antrag der Staatsanwaltschaft einem Haftrichter vorgeführt und in Untersuchungshaft eingewiesen.