"Wir haben keinen, der uns beschützt"

Nordstrand: Die Kinder mußten Abschied von Schwester Constanze nehmen. Die bisherige Leiterin des Heims reiste im Morgengrauen ab. Wer Constanzes Nachfolgerin werden soll, ist noch nicht entschieden.

Nordstrand. Schwester Constanze hat das katholische Kinder- und Jugendhaus St. Franziskus auf der nordfriesischen Insel Nordstrand verlassen - für immer? Gestern in aller Herrgottsfrühe wurde sie, die rund zehn Jahre lang die Einrichtung geleitet hat, mit dem hauseigenen Kleinbus von ihrer Stellvertreterin Hilke Fanslau nach Schwagstorf (Kreis Osnabrück Land) gefahren. Dort hat Schwester Constanzes Orden der Thuiner Franziskanerinnen ihren Sitz. Schwester Constanze war extra am frühen Morgen aufgebrochen, weil sie offenbar einen Presserummel bei ihrer zunächst für neun Uhr angesetzten Abreise befürchtete. Nach Abendblatt-Informationen will Schwester Constanze jetzt erst einmal "Urlaub" machen. Der Zuspruch von vielen Seiten in den vergangenen Wochen, zuletzt von Olaf Bastian (CDU), Landrat des Kreises Ostfriesland, hat sie gestärkt.

Der Abschied von Nordstrand ist ihr sehr schwergefallen - denn die 22 Kinder und Jugendlichen, die in der Einrichtung leben, liegen ihr am Herzen und bleiben nun alleine zurück. Am Montag abend saß Schwester Constanze ein letztes Mal mit ihren Schützlingen zusammen.

Wie berichtet, mußte Schwester Constanze das Haus St. Franziskus verlassen, weil das Erzbistum Hamburg bei ihrem Orden die Abberufung gefordert hatte. Grund dafür war ein Abendblatt-Bericht über die vom Erzbistum aus "wirtschaftlichen Gründen" verfügte Schließung des seit 1913 auf Nordstrand bestehenden Kinderheims. Nach Erscheinen des Artikels, in dem sie sich gegen die Schließung ausgesprochen hatte, wurde ihr vom Erzbistum vorgeworfen, sie habe die Kinder instrumentalisiert.

Die "instrumentalisierten" Kinder und Jugendlichen wirkten nach Schwester Constanzes Abschied sehr bedrückt: "Ich bin sehr traurig über Schwester Constanzes Abschied, für meinen Sohn Lukas und mich war sie wie eine Mutter", sagte Steffi A. Die 21jährige lebt seit mehr als fünf Jahren mit ihrem Sohn Lukas (5) in der Einrichtung. "Die Schwester hat uns nach Lukas' Geburt aus dem Krankenhaus abgeholt und nach Nordstrand gebracht. Ich habe ihr zu verdanken, daß mein Sohn damals nicht in eine Pflegefamilie mußte, sondern mit mir hier zusammenleben kann", sagt Steffi nachdenklich. Steffi macht sich vor allem Sorgen um die Jüngeren, die im Haus St. Franziskus leben: "Mit Schwester Constanzes Abschied haben die ihre Bezugsperson verloren und stehen jetzt alleine da."

Unterdessen soll laut Thomas Willmann (50), Referent von Generalvikar Franz-Peter Spiza im Erzbistum Hamburg, die bisherige Stellvertreterin Hilke Fanslau kommissarisch die Leitung des Hauses St. Franziskus übernehmen - bis womöglich die Caritas die Trägerschaft übernimmt. So lange leben die Kinder und Jugendlichen in Ungewißheit - und haben Angst. So wie eine Bewohnerin: "Was soll aus uns werden? Jetzt, nachdem Schwester Constanze weg ist, haben wir doch keinen mehr, der uns beschützt."

Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder - und Schwester Constanze kommt zurück?