Der letzte Marine-Tag in Olpenitz

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Elisabeth Jessen

Hafen: Nur noch ein Aufräumkommando bleibt an dem ehemaligen Stützpunkt. Nach der Bundeswehr sollen die Touristen kommen. Ein 6000-Betten-Feriendorf ist in Planung.

Kappeln. Die Zahl der Segel- und Motorboote übersteigt die Zahl der Marineschiffe im Marinehafen Olpenitz ganz deutlich. Nur noch die "Frankenthal" und die "Weiden", zwei Minenjagdboote, liegen an den Brücken, und auch sie werden morgen verlegt. Denn nach mehr als 40 Jahren verabschiedet sich die Marine mit einem Fest offiziell aus Olpenitz, das zu Kappeln (Kreis Schleswig-Flensburg) gehört. Der Marinestützpunkt wird aufgelöst.

Auch Martin Weiß, der stellvertretende Kommandeur, muß sich einen neuen Liegeplatz für sein Segelboot suchen, doch er hat noch ein paar Monate Zeit: Der Fregattenkapitän wird das Nachkommando leiten, das das Marinegelände am 31. Dezember 2006 "besenrein" übergeben soll. "Das ist wie eine Haushaltsauflösung", sagt der 49jährige, der mit 20 Soldaten und 20 zivilen Mitarbeitern den Kehraus betreibt.

Bis vor kurzem versahen hier noch 1500 Soldaten und 480 zivile Mitarbeiter ihren Dienst, nun sind die meisten Gebäude verwaist. "Nur die Einsatzversorgung für alle Einheiten in der Ostsee bleibt noch bis Oktober hier, bis in Kiel alles fertig ist", sagt Weiß. Bis dahin müssen Tankstellen zurückgebaut, Bunker geräumt, das Mobiliar aus Unterkünften und Büros sowie alte Akten abtransportiert werden. Alles wird abmontiert, was nicht niet- und nagelfest und noch verwertbar ist. Dann hofft Weiß, daß das Licht in Olpenitz nicht ausgeht, sondern der Projektplaner vor der Tür steht.

"Wir haben die Situation, daß jemand mit dem Bagger vor der Tür steht und darein will", frohlockt der Kappelner Bürgermeister Roman Feodoria (59). Er hat mit vielen Mitstreitern lange um den Erhalt des Marinestandortes gekämpft - vergeblich. Nun soll ein gigantisches Tourismusprojekt die Zukunft der Stadt und der strukturschwachen Region sichern. Der Architekt und Projektentwickler Herbert Harm will auf dem 160 Hektar große Marinegelände ein 6000-Betten-Feriendorf errichten. "Hier fließt alles ein, was im Tourismus gerade gut angenommen wird", betont der 62jährige. Seit mehr als einem Jahr laufen die Planungen, heute sollen die Details den Einwohnern vorgestellt werden. Aus den zuständigen Ministerien in Kiel habe man grünes Licht, betont der Bürgermeister. Nach Angaben von Feodoria und Harm sind sich Investoren und die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben einig über den Preis - über die Höhe wurde Stillschweigen vereinbart. Ein letzter Knackpunkt: "Der 30 Hektar große Vorhafen ist noch Bundeswasserstraße", sagt Feodoria. Wenn der Bund den Hafen dem Land überträgt, kann Schleswig-Holstein ihn Kappeln übertragen. "Und wir können den Vorhafen an den Investor verpachten", sagt der Bürgermeister. Als potentielle Großinvestoren nennt Harm ein US-Unternehmen mit Sitz in New York und den deutschen Baukonzern Wayss & Freytag.

Feodoria will die neue Feriengroßanlage unbedingt: "Wir haben uns auf dieses Projekt eingeschossen." Nicht alle folgen dem Tempo und den Visionen des Stadtoberhauptes bedingungslos. "Jeder fragt sich natürlich, ,was habe ich davon?'", sagt Feodoria. Und führt ins Feld, was passiert, wenn das 500-Millionen-Großprojekt mit den veranschlagten 1000 Arbeitsplätzen nicht kommt. "Das Schulangebot wird nicht zu halten sein, auch die Kinderbetreuung nicht. Die ganze Infrastruktur ist auf 10 000 Einwohner ausgelegt." Jetzt, wo die Marine als größter Arbeitgeber (in besten Zeiten waren es 4000 Soldaten) weg ist, klafft ein großes Loch. "Diese Zusammenhänge muß man den Menschen erklären", sagt Feodoria. Bedenken gibt es im nahegelegenen Damp: "Aber wir machen nichts im Gesundheitsbereich. In Damp liegt der Anteil der Touristen am Umsatz bei nur vier Prozent."

Herbert Harm, der mit dem "Hafendorf Rheinsberg" in Brandenburg ein Referenz-Projekt vorweisen kann, bekommt leuchtende Augen, wenn er seine Pläne für den "Port Olpenitz" beschreibt: eine lange Promenade mit zwei- bis dreigeschossigen Villen, die in eine Seebrücke ausläuft, eine Seebühne, eine Arena, ein Spaßbad, dazu ein Indoorspielplatz, Bowlingbahn, diverse Sportangebote sowie alles rund um den Wassersport. Für die Einzel-, Reihen- und Appartementhäuser mit eigenen Bootsanlegern sollen künstliche Inseln aufgeschüttet werden, Hotels sollen wie an einer Perlenschnur an der Seepromenade aufgereiht stehen. Für Harm ist Olpenitz "ein Juwel". "Wenn alles gut läuft, möchten wir 2012 eröffnen." Feodoria gesteht, daß er manchmal "schlaflose Nächte hat. Dann frage ich mich, ob ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe." Doch wenig später sagt er: "Ich bin davon überzeugt, daß es klappt."