Mond-Holz für die "Vanadis"

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Ludger Fertmann

Kleinod: Älteste Rennyacht der Welt von 1868 wird restauriert. Nun fehlen nur noch neue Masten. Die werden in den Harburger Bergen gefällt. Nicht ohne Aberglaube.

Rendsburg/Hamburg. Aberglaube und Rituale gehören zur christlichen Seefahrt, seit sich die Menschen aufs Wasser wagen. Die niedersächsische Landesforstverwaltung nimmt darauf gerne Rücksicht. Am 19. Dezember und damit bei abnehmendem Mond werden in den Harburger Bergen bei Hamburg zwei mächtige, mehr als 30 Meter hohe Douglasien gefällt. Der Auftraggeber, der Wert auf die richtige Mondphase legt, heißt Harro Koch. Der 70jährige kommt aus Rendsburg und braucht zwei neue Masten für sein Schiff.

Nicht einfach ein Schiff. Die "Vanadis" ist im Jahre 1868 in Schweden auf Kiel gelegt worden und gilt als die älteste Rennyacht der Welt. Dies zumindest hat ihr nach langen Recherchen der Brite John Cadd bestätigt, und der muß es wissen. Schließlich ist er der zuständige Redakteur des Fachmagazins "ClassicBoat". Das maritime Kleinod von mehr als 20 Meter Länge liegt in keinem der Häfen der Reichen und Schönen an einer sonnigen Küste, sondern schwimmt auf der Obereider mit Zugang zum Nord-Ostsee-Kanal bei Rendsburg. Hier betreibt Harro Koch eine kleine Bootswerft, hierher hat er vor zwei Jahren die "Vanadis" gebracht. Er hat damals das heruntergekommene Schiff wenige Kilometer weiter in Büdelsdorf gesehen und gekauft, "nicht um es zu besitzen, sondern um es zu erhalten".

Mit seinen Kumpeln hat er das Versprechen wahr gemacht, ohne zu wissen, daß seine Neuerwerbung einen Superlativ barg unter morschen Planken: "Daß es ein so berühmtes Schiff war, wußte ich nicht." Jetzt ist der Neufundlandschoner wie neu, das Holz glänzt mit dem Messing um die Wette, wenn es von Kiel aus losgeht auf der Ostsee. Und da auch Sohn und Enkelsohn von Harro Koch das Schiff und die Ostsee lieben, ist die Zukunft der "Vanadis" für viele Jahrzehnte gesichert.

Viele Menschen vor allem im Alpenraum schwören auf die Mondphasen für alles, was mit Gärtnerei und Forstwirtschaft zu tun hat - viele Seeleute darauf, daß Schiffe eine Seele haben. Vielleicht ist es ganz gut, daß die "Vanadis" nicht auch noch sprechen kann. Schließlich soll sie, so der Küstenklatsch, Ende des 19. Jahrhunderts auch schon dem damaligen schwedischen Thronfolger als Lustyacht gedient haben.

Gebaut wurde sie 1868 für den schwedischen Schnapsfabrikanten Edvard Cederlund, 1897 der Königlichen Schwedischen Marine gestiftet und 1925 dem Königlichen Schwedischen Yachtclub übergeben. Die Marine hat sie wegen ihrer Schnelligkeit auch bei der Bekämpfung von Schmugglern eingesetzt, sie war Lotsen- und Kurierschiff. Und sie hat auch die höchste Weihe für Segelschiffe: 1898/99 umrundete sie im Rahmen einer Expedition die Welt. In den 50er Jahren kaufte sie dann ein deutscher Polizist, der zwar nicht segeln konnte, aber dem Schiff mit "Valdivia von Altona" einen neuen Namen gab. Erst mit dem Kauf durch Harro Koch wurde aus dem Schoner wieder die "Vanadis" nach der nordischen Göttin Freya.

Es sind Zahlen für Fans: 60 Tonnen Tradition, 283 Quadratmeter Segelfläche, 5,15 Meter Breite und Tiefgang 2,80 Meter. Und dazu mit Harro Koch ein Eigner, dem die Kapitänsmütze auf dem Kopf sitzt, als sei sie da angewachsen. Und nun, quasi wie ein großgeratenes I-Tüpfelchen, für die "Vanadis" die neuen Masten. Da ist es den Landesforsten Niedersachsen ein Vergnügen, "einen besonderen Kundenwunsch zu erfüllen", den Einschlag der Bäume drei Tage nach Vollmond, damit es Schiffsmasten aus Mondholz werden. Der Eigner, das versteht sich, wird dabeisein.

Von dem Schriftsteller James Krüss stammt die Behauptung in Versform, ein jeder Tannenbaum wolle gerne ein Weihnachtsbaum werden. Kaum vorstellbar, daß Douglasien in den Harburger Bergen nicht davon träumen, zur See zu fahren.